Alleinerziehende haben das höchste Armutsrisiko in Deutschland – selbst dann, wenn sie erwerbstätig sind. Nun sollen auch noch Unterhaltsvorschuss, Kindersofortzuschlag und Wohngeld gekürzt werden. Hier erzählt Melanie, 51, wie sie ihren Alltag mit Job, zwei Jungs und sehr wenig Geld bewältigt.
Ich habe zwei Söhne und bin seit dreieinhalb Jahren alleinerziehend. Noah* ist 13 und Paul* ist acht. Der Kleine hat viele gesundheitliche Probleme – auditive und visuelle Wahrnehmungsstörungen, motorische Probleme, Autismus, eine Skoliose und unterschiedlich lange Beine. Nachts kommt er kaum zur Ruhe, schlafwandelt und nässt ein. Dadurch finde auch ich wenig Schlaf.
Ich habe jeden Tag Lebensmittel von der Tafel geholt
Als ich mich getrennt habe, habe ich in der Gastro gearbeitet. Dann wurde ich gemobbt und habe gekündigt. So bin ich ins Bürgergeld gerutscht. Als Alleinerziehende von Bürgergeld zu leben, ist eine Katastrophe, vor allem weil Kindergeld und Unterhalt komplett angerechnet werden. Ich habe jeden Tag Lebensmittel von der Tafel geholt und den Gürtel so eng wie möglich geschnallt, damit wir da irgendwie durchkommen.
Jetzt bin ich endlich raus aus dem Bürgergeld und arbeite bei einem Pflegedienst in der Alltagsbegleitung. In meinem Beruf als Arzthelferin finde ich keinen Job, weil ich nur vormittags arbeiten kann: Paul wird um 7.15 Uhr mit dem Taxi zur Schule gefahren und um 13 Uhr zurückgebracht. Als ich noch in der Gastro war, habe ich parallel den Taxischein gemacht, aber es stellt einen niemand ein, wenn man zeitlich so begrenzt ist wie ich. Wegen der Kinder kann ich auch nicht in die Pflege, weil ich dann Schicht- und Wochenenddienst hätte.
Ich muss mich also entscheiden: Entweder ich gehe ganztags arbeiten und stecke Paul in einen Hort, wo er nicht klarkommt, und lasse seine Therapien sausen – oder ich hangle mich so irgendwie durch und fördere mein Kind.
Zum Glück legen meine Kinder keinen Wert auf Markenkleidung
Auch mit meinem aktuellen Job ist es finanziell extrem eng: Mein Gehalt wird nicht aufgestockt, da ich knapp über der Grenze liege. Ich bekomme Wohngeld, den Kinderzuschlag habe ich gerade ein zweites Mal beantragt, weil er abgelehnt wurde.
Nach wie vor ernähren wir uns mehrheitlich von der Tafel. Weil ich ein geringes Einkommen habe, sind sie dort sehr kulant und unterstützen uns weiterhin. Ansonsten kaufe ich möglichst Angebote. Wenn es keine günstige Milch gibt, hole ich welche auf dem Bauernhof einer Freundin. Und wenn es mal Pizza von der Pizzeria sein soll, muss ich schauen, ob ich das finanziell schaffe – meistens wird es dann nur Tiefkühlpizza.
Kleidung besorge ich in der Regel gebraucht, außer die Schuhe. Die suche ich im Internet, wenn Ausverkauf ist. Zum Glück legen meine Kinder keinen Wert auf Markenkleidung – auch nicht der Große, obwohl er in der Pubertät ist und aufs Gymnasium geht. Die Kinder wissen natürlich, dass wir arm sind. Es bringt ja nichts, ihnen das zu verheimlichen. Aber sie gehen relativ gut damit um.
Wir machen so gut wie keine Unternehmungen, fahren vielleicht mal in den Haustierpark, der nichts kostet. Kino gibt es höchstens im Winter mal. Ich stecke zurück und esse dort nichts, aber zu dritt ist man trotzdem immer mit fast 50 Euro dabei. In den Urlaub fahren wir nie.
Der Große ist zum Glück viel im «Jugendwerk«, dort spielt er Basketball, Volleyball, kocht, lernt Erste Hilfe und Breakdance. Für den Kleinen bezahle ich auch den monatlichen Beitrag von fünf Euro, aber er ist selten dort, weil er nicht gut mit fremden Menschen zurechtkommt. Meistens ist er bei mir, auch wegen der Therapien am Nachmittag. Weil wir in einem Dorf wohnen, muss ich die Jungs häufig fahren – den Großen die 16 Kilometer zum «Jugendwerk», den Kleinen zu seinen Terminen.
Mein Leben hatte ich mir anders vorgestellt
Eine Familie, die mich unterstützt, habe ich nicht. Zu meiner Mutter habe ich keinen Kontakt und mein Vater ist verstorben. In Nordrhein-Westfalen leben meine Schwester, eine Tante und ein Onkel, die mich sporadisch unterstützen. Aber wenn ich weg muss, etwa auf einen Elternabend, brauche ich einen Babysitter, den ich natürlich bezahlen muss. Die Jungs sind wie Feuer und Wasser, die kann ich nicht alleine lassen.
Ich bin 24/7 gefragt und mein Leben ist sehr anstrengend. Die Väter kümmern sich nicht, sie zahlen nur den Unterhalt, der vom Gericht festgelegt wurde. Mein Leben mit 51 hatte ich mir anders vorgestellt – vielleicht mit einem Partner, der sich kümmert, und dass ich nicht an der Armutsgrenze herumkrebse. Wenn ich mir jetzt auch noch Gedanken über die Zukunft machen würde, ginge gar nichts mehr. Ich (über)lebe von Tag zu Tag.
*Die Namen der Kinder sind der Redaktion bekannt
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