Missbrauchsvorwürfe: Ist Jared Leto etwa doch keiner von den Guten?

Wenn der Mann, dessen Poster früher über unseren Betten hing, plötzlich mit schweren Vorwürfen konfrontiert wird, trifft uns das auch persönlich. Und dann? 

Ich war elf Jahre alt, als «Willkommen im Leben» auf RTL2 lief und ich vermutlich wie Millionen andere junge Mädchen mit kleinen rosa Herzchen vor dem Fernseher saß, wenn ER die Szenerie betrat – Jared Leto, damals 22, der in der heutigen Kultserie den Schwarm der 15-jährigen Angela (Claire Danes) spielt. Eisblaue Augen, schulterlange, braune Haare, rebellische, geheimnisvolle Aura – ich kann es nicht anders sagen: Jared Leto – Oscar-Preisträger, Rockstar, Mode-Ikone – war schon damals mein Typ und war es auch noch mit 54. Bis gestern.

Belästigte Leto minderjährige Fans? 

Nun sitze ich hier, starre das obige Foto an und höre mir über Kopfhörer den größten Hit seiner Band «30 Seconds to Mars» an, «The Kill». Ein wirklich geiler Rocksong, mittlerweile 20 Jahre alt. Es ist so etwas wie ein vorläufiger Abschied. 

2006, als der Song rauskam, war Jared Leto Anfang 30, und etwa zu dieser Zeit soll es angefangen haben:

Die neue BBC-Doku «Jared Leto: Hollywood’s Dark Secret» geht Vorwürfen nach, die seit Jahren kursieren, aber nur die wenigsten auf dem Schirm hatten: Jared Leto soll zwischen 2002 und 2016 minderjährige Fans sexuell bedrängt und belästigt haben. Der Hollywoodstar selbst bezeichnete die Anschuldigungen umgehend als «absolut und kategorisch falsch». «Ich habe in meinem ganzen Leben nie jemanden sexuell angegriffen», teilte er in einer Stellungnahme mit. 

«Anschuldigungen sind kategorisch falsch»

Zwei Frauen werfen Leto sexuelle Gewalt – darunter auch eine Vergewaltigung – vor, sie seien zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt gewesen. Eine weitere Frau erzählt in der Doku, Leto habe ihr als 19-Jährige sexuelle Gewalt angedroht. Eine vierte Frau behauptet, der Sänger habe ihr als 16-Jährige am Telefon Sex angeboten. Vier weitere Frauen schildern Ähnliches. Bereits 2025 hatten mehrere Frauen Vorwürfe erhoben, auch damals wies Leto alle Vorwürfe von sich. 

Gerne würde ich Jared Leto glauben. Aber eine BBC-Doku ist nicht nichts. 

Bis gestern dachte ich noch, Jared Leto (aktuell mit «Masters of the Universe» im Kino zu sehen) wäre einer von den Guten. Der coole, selbstironische, der bei der schnieken MET-Gala verkleidet als Karl Lagerfelds Katze Choupette aufschlägt, dessen Musik ich gerne laut im Auto höre, der auf Instagram Videos von sich im Supermarkt postet, dessen Filme mich schon mein ganzes Leben begleiten – etwa «Requiem for a Dream» oder «Fight Club». Und: der Typ, der seine kommende EU-Tour mit dem interessanten Titel «A Beautiful Lie vs This is War» bewirbt. 

Fans auf der ganzen Welt müssen sich nun fragen, ob sie sich in Jared Leto getäuscht haben. Was an ja sich schon absurd ist, weil ihn wohl nur die wenigsten seiner 11,3 Millionen Follower:innen persönlich kennen. Bloß zu kennen meinen. Weil seine Kunst sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet. 

Warum einige die Vorwürfe gegen «ihre» Stars persönlich nehmen 

Und dann passiert Folgendes: Wenn der Mann, dessen Poster früher über unseren Betten hing, dessen künstlerisches Werk uns über Jahre begleitet und stark geprägt hat, plötzlich mit schweren Vorwürfen konfrontiert wird, geraten nicht nur seine Songs ins Wanken – sondern auch ein Stück unserer eigenen Identität. Das führt häufig dazu, dass Fans ihre Stars reflexhaft verteidigen. Wer einen Künstler jahrelang idealisiert hat, erlebt die Vorwürfe schnell als Angriff auf die eigene Vergangenheit und das eigene Selbstbild. Genau darin liegt das Problem: Die emotionale Bindung kann den Blick auf die Vorwürfe vernebeln – und dazu beitragen, dass mögliche Opfer sexueller Gewalt weniger gehört oder ihnen weniger geglaubt wird. 

Gleichzeitig ist es aber auch nicht die Aufgabe der Öffentlichkeit, über Schuld oder Unschuld zu richten. Entscheidend ist vielmehr, Vorwürfe ernst zu nehmen, Betroffenen zuzuhören und abzuwarten, was etwaige Ermittlungen ergeben, statt aus blinder Loyalität oder vorschneller Verurteilung Partei zu ergreifen. Es gilt schließlich immer die Unschuldsvermutung. Es bleibt aber die immer wiederkehrende Frage: Darf ich mir deine Musik noch guten Gewissens anhören? 

Dürfen wir seine Musik noch laut hören? 

BRIGITTE hat vor einiger Zeit die Podcasterin Elena Gruschka («Niemand muss ein Promi sein») zum Fall P. Diddy befragt, als dieser Ende 2024 wegen Menschenhandels und Sexualverbrechen angeklagt wurde: Darf man sich noch an der Kunst solcher beschuldigter Personen erfreuen? «Die Frage stellt sich ja immer wieder, zum Beispiel auch bei Kanye West oder Michael Jackson», sagte Gruschka damals. «Ich sehe das so: Wenn man die Musik privat hört, finde ich das okay, nach dem Motto Trennung von Kunst und Künstler. Zu bestimmten Künstlern würde ich mich aber nicht mehr öffentlich bekennen, wie zum Beispiel bei Instagram. Das würde ich bei dem Wissen, das ich habe, als Statement empfinden. Aber man muss natürlich auch berücksichtigen, dass viele Leute gar nicht mitbekommen, was diese Künstler so angestellt haben. Denen kann man natürlich keinen Vorwurf machen.»

Wahrscheinlich werde auch ich ab und zu noch laut «The Kill» beim Autofahren hören, die Fenster dabei aber bis auf Weiteres lieber geschlossen lassen. 

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