3 Frauen, 40 Jahre Fernfreundschaft, 130 Kilometer zu Fuß – kann das funktionieren, zwei Wochen dicht auf dicht, gemeinsam in einem Zimmer schlafen, ohne Raum für sich? Warum unsere Autorin nicht nur über sich selbst überrascht war.
«Ich bin ziemlich psycho geworden«, warne ich meine Freundinnen vor, nachdem wir uns spätabends im Flughafenhotel in Manchester in die Arme gefallen sind. Hanne kam aus Norwegen, Sabine aus Bayern, ich aus Hamburg – und bin mir nicht sicher, ob ich mit Ende 50 noch sozialverträglich genug bin, um zwei Wochen nonstop mit anderen Menschen zusammen zu sein. Der Plan: rund um die walisische Insel Anglesey zu wandern und unterwegs immer mal wieder ein Zimmer zu teilen. Gemeinschaft, uninterrupted. Eigentlich nichts mehr für mich. Zugesagt habe ich trotzdem.
Vor 40 Jahren haben wir zusammengewohnt und uns seitdem nicht mehr aus den Augen verloren. Viel Zeit zusammen verbracht haben wir aber auch nicht. Unsere drei Leben, die weit voneinander entfernt stattfinden, haben wir mit einem zarten, unsichtbaren Netz verwoben: Gelegentlich schreiben oder telefonieren wir, Sabine treffe ich ein-, zweimal im Jahr, Hanne viel seltener. Wir bekommen nicht jede Krise voneinander mit, die großen, schlimmen aber schon. Was, wenn diese Fernfreundschaft sich nun bei näherem Hinsehen, beim physischen Erleben, als Illusion erweist? Wenn nur noch Distanz ist, wo ich Nähe angenommen hatte?
Doch als wir in unserem Dreierzimmer am Flughafen auf den Betten lümmeln und durcheinanderreden, stellt sich sofort eine Leichtigkeit ein. Und am nächsten Morgen blanke Euphorie: Wir brechen wirklich zusammen auf, um gemeinsam ein Stück Welt zu entdecken. Und ticken noch immer synchron. Auf dem Weg zur Bahn, die uns zur Insel bringen soll, sagen Hanne und ich im Chor: «Dort drüben geht’s lang!» Sowas wird uns noch häufiger passieren.
Statt Fernfreundschaft plötzlich Nähe
Meine Freundschaften zu Hause lebe ich im Stakkato: Man trifft sich für ein paar Stunden, danach kehrt jede in ihren Alltag zurück. Dies hier ist ein endloses Legato: Wir sind rund um die Uhr zusammen, wandern, reden, schweigen, starren aufs Meer oder ins Handy. Wir sind uns vertraut, vertrauen uns blind, vertrauen uns an. Müssen uns nichts beweisen. Außer meinem Bruder gibt es niemanden auf der Welt, der mich so lange kennt.
Ich glaubte, mich selbst gut zu kennen und zu wissen, dass ich ab und zu Menschenpausen brauche, um bei Laune zu bleiben, aber mit Hanne und Sabine ist das komischerweise nicht so. Selbst im muffigen Dreibettzimmer überm Pub mit den feuchten Handtüchern und Socken über den Gardinenstangen komme ich klar. Endlich mal wieder Jugendherbergsatmosphäre.
Haha, du denkst nur an Essen
Hanne hat immer noch ihren besonderen Blick auf die Welt und macht die originellsten Fotos von uns. Sabine spricht wie immer aus, was ihr in den Sinn kommt. Und ich? «Haha, du denkst nur ans Essen!», höre ich, weil ich überall nach Pubs und Eisdielen Ausschau halte. Jede von uns kriegt mal den Spiegel vorgehalten und sieht: Das Leben hat Macken hinterlassen, aber es sind nur Schönheitsfehler.
Und alle drei sind verpeilter geworden. Hanne verlegt ihre AirPods und ich vergesse irgendwo den Reiseadapter. Wir verlieren fast einen Tag damit, mit dem Bus über die Insel zu fahren, um einen neuen zu kaufen. Aber beim Warten an den Haltestellen googeln wir Verflossene und Mitbewohner von damals und finden fast alle, ihre Gesichter irritierend fremd. Mit ihnen sind wir zwar parallel, aber nicht gemeinsam gealtert, deshalb haben sie sich so verändert und wir nicht. So scheint es uns zumindest. Als ich am Abend den scheinbar verlorenen Adapter dann doch noch in meinem Rucksack finde, ist niemand genervt.
Warum ist alles so leicht?
Wie ist es möglich, dass alles so leicht ist zwischen uns? Expert:innen sagen, dass es für eine tragfähige Freundschaft essenziell ist, Vertrauen aufzubauen. Und dafür braucht es viel gemeinsame Zeit. Mindestens 200 Stunden seien nötig, sagt die Berliner Forscherin Erika Alleweldt. Die haben wir als WG-Mitbewohnerinnen locker gehabt – mehr räumliche Nähe, als Kühlschrank und Klo zu teilen, geht kaum.
Ob man sich danach alle zwei Monate oder alle zwei Jahre sieht, spielt dann offenbar keine Rolle mehr, wenn die Basis stabil ist. Und das ist sie bei uns – zumal wir uns in einer Phase des Aufbruchs begegnet sind, als wir nach Elternhaus und Schule in ein selbstbestimmtes Leben gestartet sind.
Lebensumbrüche sind der ideale Nährboden für Freundschaften, weiß der Psychotherapeut Dirk Stemper: «Enge Freund:innen sind dann nicht einfach Begleiter, sondern Zeugen der eigenen Wandlung – und damit unersetzlich.» Wir waren als Fremde zusammengezogen und sind als Lebensfreundinnen auseinandergegangen. Keiner der zahllosen Menschen, die wir seitdem getroffen haben, konnte daran etwas ändern.
Nähe ohne Vertrag
Vielleicht sind Freundschaften aber auch einfach unkomplizierter als etwa Liebesbeziehungen, weil die Erwartungen an die andere Person nicht so hoch sind. In einer Freundschaft ist es selbstverständlich, dass jede ihr Leben lebt, wie sie es für richtig hält. In der Liebe engen uns Vorstellungen und Normen ein, wie eine Beziehung angeblich zu sein hat: zusammenziehen, heiraten, treu sein zum Beispiel. Freundschaft dagegen ist laut Stemper einer «der letzten, offenen, frei gestaltbaren Räume menschlicher Verbundenheit», da sie «Nähe ohne Vertrag, Intimität ohne Exklusivitätsanspruch» biete.
Damals in unserer WG sind wir gemeinsam ins Erwachsenenleben aufgebrochen, heute haben wir das meiste schon hinter uns. Wieder mal auf Betten liegend resümieren wir, was wir bereuen – nicht weitere Kinder bekommen oder keinen anderen Job gewählt zu haben, zum Beispiel. Unsere Freundschaft stellen wir nicht infrage, sie ist einfach da.
Auch nach 40 Jahren Fernbeziehung und 130 Kilometern zu Fuß.
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