Offline-Hobby: Warum Vögel gucken das coolste Hobby der Welt ist – und Island der beste Ort dafür

Ausgerechnet Birdwatching ist plötzlich zum coolsten Hobby der Welt geworden – und Island der perfekte Ort, um sich damit anzustecken, wie unsere Autorin nun weiß.

Auf TikTok erzielen Videos unter #Birding inzwischen Millionen Aufrufe, Vogelbestimmungs-Apps wie «Merlin ID» boomen. Von Schriftsteller Jonathan Franzen weiß man, er reist selten ohne Fernglas. Und selbst in Netflix-Serien kommen plötzlich Protagonisten mit einem Hang zum Federvieh vor: Birdwatching erlebt gerade ein erstaunliches Comeback. Nicht als Hobby für pensionierte Ornithologen, sondern offenbar als Gegenentwurf zum Dauerscrollen: langsam, konzentriert, draußen.

Vorsicht, Tiefflieger

Kaum ein Ort macht diesen neuen Blick auf die Natur so leicht wie Island. Hier muss niemand stundenlang regungslos im Schilf ausharren oder auf eine seltene Art hoffen. Die Vögel übernehmen die Initiative. Wer durch Reykjavík spaziert, wundert sich zunächst über die vielen Warnschilder: «Arctic Terns nesting». Die Küstenseeschwalbe, auf Englisch Arctic Tern, verteidigt ihre Nester lautstark und stürzt sich kompromisslos auf Eindringlinge. Ich hielt das für übertrieben bis eine schimpfende Schwalbe nur wenige Zentimeter über unseren Köpfen hinwegschoss. Seitdem verstehe ich, warum Isländer beim Gehen manchmal einen Stock über den Kopf halten.

Die Küstenseeschwalbe ist überhaupt in vielerlei Belangen eine Ausnahmeerscheinung. Kein anderes Tier legt regelmäßig weitere Strecken zurück. Zwischen den Brutgebieten in Island und den Gewässern der Antarktis pendelt sie jedes Jahr zehntausende Kilometer, immer dem Sommer hinterher. Wer ihr in Reykjavík begegnet, trifft einen der größten Reisenden des Planeten.

Küstenseeschwalben im Himmel über einer Wiese
Jederzeit bereit zum Sturzflug: Küstenseeschwalben
© Jan Römer

Der heimliche Star Islands

Mehr als 300 Vogelarten leben auf Island, im Sommer verwandelt sich die Insel in eines der spektakulärsten Brutgebiete Europas. Und der eigentliche Star wirkt, als hätte ihn die Evolution für einen Pixar-Film entworfen: der Papageientaucher. Puffin auf Englisch. Oder, wie ihn die Isländer nennen: Lundi. Erst als einer direkt vor mir landet, fällt mir auf, wie klein er ist – kaum größer als eine Taube. Sein schwarz-weißes Gefieder erinnert an einen Pinguin, doch gehört er zu einer völlig anderen Familie. Die Ähnlichkeit ist reine Evolution: Weil beide unter ähnlichen Bedingungen leben, haben sie ähnliche Lösungen entwickelt. Tatsächlich zählen Papageientaucher zu den Alkenvögeln. 

Fast die Hälfte aller Atlantischen Papageientaucher verbringt den Sommer auf Island. Rund zwei Millionen Brutpaare kehren jedes Jahr zurück. Und das Erstaunlichste: Sie landen nicht irgendwo, sondern fliegen zu genau derselben Höhle, in der sie schon seit Jahren den Sommer verbringen. Erst wird gründlich aufgeräumt, dann beginnt die Brutzeit. Wie Menschen, die nach einem langen Winter ihr Ferienhaus beziehen. 

Papageientaucher gelten als bemerkenswert treu. Die meisten Paare finden jeden Frühling wieder zusammen, obwohl sie sich monatelang nicht gesehen haben. Den Winter verbringen sie allein auf dem offenen Atlantik – sieben bis acht Monate, ohne einmal Land zu betreten. Was sie dort genau tun, bleibt der Forschung bis heute weitgehend verborgen. Erst im Frühjahr treffen sie sich wieder. Manche begrüßen sich mit einem regelrechten Hochzeitstanz und richten anschließend gemeinsam ihr altes Zuhause her. 

Romantisch, aber nicht naiv

Forscherinnen haben beobachtet, dass es aber durchaus zu Trennungen kommen kann. Etwa, wenn ein Elternteil seinen Teil der Arbeit nicht erfüllt und das Küken zu wenig Futter bekommt. Dann schaut sich ein Lundi im nächsten Frühjahr nach einem neuen Partner um. Oder wenn der Langzeitpartner im Frühling nicht erscheint, weil er den Winter nicht überlebt hat. Kommt der alte allerdings verspätet, wird der neue Partner wieder vor die Tür gesetzt. 

Überhaupt ist das Familienleben bei den Papageientauchern erstaunlich modern organisiert. Es gibt nur ein Ei pro Jahr. Beide Eltern brüten etwa sechs Wochen lang, beide gehen jagen, beide füttern das Küken. Und beide vollbringen dabei wahre Meisterleistungen: Mithilfe kleiner Widerhaken im Schnabel transportieren Papageientaucher bis zu zwanzig kleine Sandaale gleichzeitig.

Dabei ist Fliegen nicht mal ihre Stärke. Papageientaucher besitzen keine hohlen Knochen wie viele andere Vögel, sondern vergleichsweise schwere. Eigentlich sind sie zum Fliegen ungeeignet. Um überhaupt in der Luft zu bleiben, schlagen sie ihre kurzen Flügel bis zu 400-mal pro Minute. Unter Wasser dagegen verwandeln sich dieselben in perfekte Flossen. Dort bewegen sie sich schneller und eleganter als in der Luft.

Die charmanteste Rettungsaktion Islands

Gerade die Jungvögel, die sogenannten Pufflings, verirren sich gegen Ende des Sommers schon mal in den Straßen der Westmännerinseln. Angelockt vom künstlichen Licht landen sie auf Parkplätzen, in Gärten oder vor Haustüren und finden den Weg zurück zum Meer nicht mehr. Dann beginnt eine der charmantesten Traditionen Islands: die Puffin Patrol. Kinder und Erwachsene ziehen nach Einbruch der Dunkelheit mit Taschenlampen und Pappkartons los, sammeln die orientierungslosen Jungvögel ein und bringen sie am nächsten Morgen gemeinsam zurück an die Steilküste. 

Das Reich der Lundi

Vier Papageientaucher auf einem Fels
Sehen nur so aus wie Pinguine, sind aber keine: Papageientaucher – Lundi auf Isländisch – kehren zum Brüten auf die Atlantikinsel zurück.
© GetYourGuide

Wer Puffins sehen oder ihre ungewöhnlichen Rufe hören möchte, muss in Island nicht einmal die Hauptstadt verlassen. Vom Alten Hafen aus starten zwischen Mitte April und Anfang September täglich zahlreiche Bootstouren, etwa über GetYourGuide, zu den Inseln Lundey und Akurey. Die besten Chancen hat man am frühen Morgen oder, noch schöner, am Abend. Dann kehren die Eltern von der Jagd zurück und verschwinden in den Bruthöhlen. Noch spektakulärer wird es auf den Westmännerinseln.

Die Westmännerinseln liegen rund zwölf Kilometer vor Islands Südküste und bestehen aus fünfzehn Inseln vulkanischen Ursprungs. Auf Heimaey, der einzigen bewohnten Insel, leben mehr Papageientaucher als Menschen. Im Sommer verwandeln sich die grasbewachsenen Klippen in eines der größten Brutgebiete der Welt. Zehntausende Lundi landen dort, während unter ihnen der Atlantik gegen die schwarzen Basaltfelsen schlägt. Hier kommt man den Vögeln oft so nah, dass man eher das Gefühl hat, zu Besuch in ihrer Kolonie zu sein, als umgekehrt. 

Die Folgen des Klimawandels 

Doch die heile Puffin-Welt trügt. Der Atlantische Papageientaucher gilt inzwischen weltweit als gefährdet. Steigende Meerestemperaturen verschieben die Wanderwege der Fische, auf die die Vögel angewiesen sind. Viele Küken finden nicht mehr genug Nahrung. Noch verstehen Forschende nicht alle Ursachen des Rückgangs, sicher ist nur, dass die Bestände seit Jahren schrumpfen. 

Die Folgen lassen sich bereits beobachten. Vor der Küste des US-Staates Maine etwa weichen Papageientaucher zunehmend auf Butterfische aus, weil ihre bevorzugten Sandaale seltener werden. Das Problem: Die Beutefische sind für viele Jungvögel schlicht zu groß. Immer wieder ersticken Pufflings daran. Ein kleines Detail, das zeigt, wie empfindlich selbst scheinbar stabile Ökosysteme auf Veränderungen reagieren. 

Naturschutzorganisationen empfehlen deshalb, Fisch aus nachhaltiger Fischerei zu bevorzugen und den eigenen Fischkonsum bewusster zu gestalten. Denn industrielle Überfischung nimmt den Papageientauchern genau die Nahrung, von der ihr Nachwuchs abhängt.

Birdwatching verändert unseren Blick auf die Welt

Vielleicht liegt genau darin die Schönheit des Birdwatchings: Es verändert unseren Blick auf die Welt. Wer einmal zehn Minuten einem Papageientaucher zugesehen hat, wie er mit zwanzig Sandaalen im Schnabel vor seiner Bruthöhle landet, um dem Nachwuchs eine letzte Mahlzeit zu bringen, bevor die Eltern ihn allein zurücklassen, versteht, warum Menschen Ferngläser kaufen und stundenlang im Schilf kauern. 

Man reist nach Island wegen der Wasserfälle, der Geysire oder der Gletscher. Und kehrt zurück mit dem Gefühl, dass einem ausgerechnet ein kleiner Vogel mit Clownsschnabel am längsten im Gedächtnis bleibt. Vielleicht auch, weil man begreift, dass sein Schicksal erstaunlich eng mit unserem eigenen verbunden ist.
 

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