Einsam, enttäuscht, keine Lust mehr auf Dating: In der sogenannten Femosphere tauschen sich Frauen online über ihre Erfahrungen mit Männern und Beziehungen aus. Was steckt hinter dem Rückzug – und wann wird aus Frust ein Feindbild? Eine Soziologin erklärt, was die Femosphere über unsere Beziehungskultur verrät.
BRIGITTE: Liebe Frau Combet, wie vielfältig ist die Femosphere tatsächlich – und was macht sie aus?
Dr. Benita Combet: Der Begriff Femosphere beschreibt verschiedene Online-Räume, in denen Frauen über Einsamkeit, Beziehungen und ihre Erfahrungen mit Männern sprechen. Dazu gehören etwa Foren für Frauen, die unfreiwillig allein sind, Dating-Communitys oder ‚Femcelcore‘ – eine TikTok-Ästhetik, die Einsamkeit, Melancholie und enttäuschende Beziehungserfahrungen verarbeitet. Als Femcels bezeichnen sich Frauen, die sich als unfreiwillig sex- oder beziehungslos verstehen.
Was diese Räume verbindet, ist häufig die Enttäuschung über Beziehungen und gesellschaftliche Erwartungen an Frauen. Dabei geht es etwa um Zurückweisung, Schönheitsnormen, sexuelle Gewalt oder die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit.
Die Femosphere wird oft als Gegenstück zur deutlich bekannteren Manosphere beschrieben. Ist da etwas dran?
Femosphere und Manosphere ähneln sich sowohl in ihrem Frust über gegenwärtige Geschlechter- und Beziehungsverhältnisse als auch in bestimmten Begriffen und Denkmustern – etwa der Einteilung von Menschen in «High Value» (wertvoll) und «Low Value» (weniger wertvoll) oder der Vorstellung, Dating funktioniere wie ein Markt.
Und wie unterscheiden sie sich?
Der Frust nimmt tendenziell unterschiedliche Richtungen: In der Manosphere richten sie sich häufig nach außen gegen Frauen und verbinden sich mit Ansprüchen auf deren Aufmerksamkeit oder Unterordnung. In Femcel-Communitys richten sie sich eher gegen die eigene Person und äußern sich in Selbstabwertung und Körperhass. Eine Analyse von Beiträgen aus einer Femcel-Community zeigt zudem, dass Gewalt gegen Männer dort nur selten befürwortet wurde. Deutlich präsenter waren Ängste vor sexualisierter Gewalt, Belästigung und der nicht einvernehmlichen Verbreitung intimer Aufnahmen.»

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«Forever Alone Women» ist ein Forum für Frauen, die sich von romantischen Beziehungen ausgeschlossen fühlen. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Ihre Beiträge widersprechen der verbreiteten Annahme, jede Frau könne jederzeit einen Partner oder zumindest Sex finden. Dabei werden unterschiedliche, teils überlappende Erfahrungen sichtbar: Einige Nutzerinnen stoßen bei der Partnersuche auf zusätzliche Hürden, weil sie gängigen Erwartungen an Aussehen, Gesundheit oder soziale Interaktion nicht entsprechen oder etwa Rassismus, Ableismus und andere Formen der Diskriminierung erfahren. Andere wünschen sich zwar Nähe, ziehen das Alleinsein jedoch Beziehungen vor, die sie als ungleich, belastend oder gefährlich wahrnehmen.
Und online suchen sie nach Gemeinschaft.
Das Internet ermöglicht es, stigmatisierte Erfahrungen anonym zu teilen und darin soziale Entlastung zu finden.
Aber dann wird individuelles Leid kollektiv gedeutet, oder?
Das kann befreiend wirken: Persönliche Erfahrungen erscheinen nicht länger als individuelles Versagen, sondern werden im Zusammenhang mit Schönheitsnormen, Rassismus, Ableismus, sozialer Ungleichheit oder patriarchaler Gewalt verstanden. Daraus können Solidarität und politische Forderungen entstehen.
Lauert dahinter nicht auch eine Gefahr?
Ein ausschließlicher Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben, kann das Risiko bergen, dass sich persönliche Deutungen zu vermeintlich unumstößlichen Überzeugungen verhärten. Individuelle Verletzungen können dann zum Kern der eigenen Identität und zur Grundlage pauschaler Urteile über ganze gesellschaftliche Gruppen werden. Diese beiden Prozesse lassen sich sowohl bei Frauen als auch bei Männern beobachten.
Kann aus einem solchen Schutzraum ein Ort der Radikalisierung werden?
Ein geschützter Raum für Frauen ist nicht automatisch ein radikaler Raum. Problematisch wird es, wenn aus dem Wunsch nach Schutz die Vorstellung einer grundsätzlichen und unveränderlichen Feindschaft zwischen Frauen und Männern entsteht. Wichtig sind deshalb eine gute Moderation, klare Regeln und die Möglichkeit, unterschiedliche Positionen zu diskutieren. Gleichzeitig sollte man nicht den Eindruck erwecken, die Femosphere sei insgesamt eine radikale Bewegung. Die große Mehrheit dieser Online-Räume lässt sich nach heutigem Kenntnisstand nicht so einordnen.
Hat die Femosphere auch mit den Widersprüchen des modernen Feminismus zu tun?
Teilweise. Teile des liberalen Feminismus haben lange das Versprechen vermittelt, Frauen könnten beruflichen Erfolg, finanzielle Unabhängigkeit, Familie und erfüllte Beziehungen miteinander verbinden. In der Realität bestehen viele der damit verbundenen Probleme fort: Frauen übernehmen noch immer einen größeren Teil der Sorgearbeit, verdienen weniger und sind mit hohen Erwartungen konfrontiert.
Was folgt daraus?
Ein emanzipatorischer Feminismus will die Bedingungen verändern. In manchen Strömungen der Femosphere geht es dagegen eher darum, innerhalb des bestehenden Systems möglichst viele Vorteile für Frauen zu erreichen. Ein Beispiel ist die Forderung, Männer sollten Frauen finanziell versorgen, um die ungleich verteilte Sorgearbeit auszugleichen. Es wird ein reales Problem benannt. Gleichzeitig können dadurch traditionelle Rollenbilder und wirtschaftliche Abhängigkeiten weiter festgeschrieben werden.
Welche Rolle spielen soziale Medien und Algorithmen dabei, dass Menschen ihre Meinungen verfestigen?
Medien und Algorithmen sind zwar nicht die alleinige Ursache, spielen jedoch eine wichtige Rolle. Wer mit Inhalten über Einsamkeit oder Zurückweisung interagiert, erhält oft ähnlich gelagerte und zunehmend zugespitzte Beiträge. Komplexe Erfahrungen werden dabei zu leicht reproduzierbaren Stimmungen verdichtet. Ob daraus Radikalisierung entsteht, hängt jedoch auch von den Nutzenden, der Community-Kultur, Influencern und Moderationsregeln ab.
Neben unfreiwillig Beziehungslosen gibt es auch immer mehr Menschen, die sich bewusst gegen Partnerschaft entscheiden.
Ein Grund können Geschlechterrollen sein, die nicht mehr zu den Bedürfnissen vieler Menschen passen. Männer lernen beispielsweise häufig noch immer, Stärke zu zeigen und emotionale Nähe vor allem in romantischen Beziehungen zu suchen. Frauen erleben dagegen weiterhin Misogynie, sexualisierte Gewalt und eine ungleiche Verteilung von Haus-, Sorge- und emotionaler Arbeit. Beides kann dazu führen, dass Menschen Beziehungen nicht mehr als den sicheren und gleichberechtigten Ort erleben, den sie sich wünschen.
Was müsste sich verändern?
Wir brauchen frühzeitig mehr Wissen darüber, wie Beziehungen funktionieren, wie man Konflikte austrägt und Grenzen respektiert. Gleichzeitig braucht es bessere Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und einen wirksameren Schutz vor Gewalt. Außerdem sollten wir Beziehungen jenseits der klassischen Paarbeziehung stärker wertschätzen. Freundschaften, Wahlfamilien oder Nachbarschaften können ebenfalls wichtige Quellen für Nähe und Unterstützung sein. Nicht alle emotionalen Bedürfnisse müssen in einer romantischen Beziehung erfüllt werden.
Auch die Plattformen tragen Verantwortung. Sie müssen gegen Hass und Entmenschlichung vorgehen, ihre Empfehlungssysteme kritisch überprüfen und unabhängige Forschung ermöglichen. Einige dieser Anforderungen sind bereits im EU Digital Services Act angelegt.
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