Phänomen "Off Campus": Ist es okay, von diesen Jungs besessen zu sein – trotz Ehemann?

Glücklich verheiratete Frauen jeden Alters fantasieren gerade davon, mit Garret Graham oder einem der anderen heißen Hockeyspieler aus der Teenieserie «Off Campus» durchzubrennen. Seltsam, denn das Drehbuch ist eigentlich ziemlich platt. Was machen diese Jungs bloß mit uns? 

Folge 3 startet mit einer Vibrator-Szene. Musikstudentin Hannah liegt im Bett und kann sich nicht entscheiden, ob sie in ihren Fantasien lieber an Sänger Justin oder Eiskhockeyspieler Garrett denken soll. Eine Szene, die ganz gut das akute Problem von Millionen Frauen jeden Alters auf der ganze Welt auf den (Höhe-)punkt bringt. 

In den sozialen Netzwerken häufen sich derzeit die Bekenntnisse von Frauen, die nach dem Konsum der Teenieserie «Off Campus» (Prime Video) nicht so recht wissen, wohin mit ihren Gefühlen:

«Ich bin glücklich verheiratet und völlig lost gerade», kommentiert Helen. 

Lena ergänzt: «Hab heute eine Stunde Gras angefasst, um mich zu regulieren (bin seit 4 Jahren glücklich vergeben).» 

«Ist es zu spät, um Garrett Graham auf meinem Visionboard für 2026 zu ergänzen?», fragt Kathrin auf Instagram. 

Und Sara gesteht: «Hab nach dem Alter gegoogelt und war einfach nur erleichtert, dass ich theoretisch nicht seine Mutter spielen könnte.»

Auch Promis sind betroffen. «Ich habe am Wochenende «Off Campus» durchgesuchtet und weiß nicht mehr wohin mit mir», lässt Moderatorin Laura Larsson (36, verheiratet) ihre Follower:innen wissen. Die Serie sei zwar inhaltlich an den Haaren herbeigezogen und vorhersehbar, sie habe sie jedoch GELIEBT. Bestimmte Szenen – in denen Hauptfigur Garret verliebt lächele, habe sie wieder und wieder zurückgespult, und zwischendurch gegoogelt, ob er «alt genug» sei.

«Kann nicht mehr schlafen, essen, existieren»

Darunter hagelte es rund 2.500 Kommentare und knapp 100.000 Likes von Frauen, denen es genauso geht – die BESESSEN von Garret und seinen muskelbepackten Freunden sind. Die nicht mehr essen, schlafen, existieren können und plötzlich ihr gesamtes Leben und ihre Ehen in Frage stellen, weil sie in Garrett Graham verknallt sind und unbedingt wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht. 

Wieso schafft diese Serie das? Was macht ihre männlichen Figuren so besonders? 

Eigentlich wird bloß der ganz normale Studierendenalltag dargestellt: Partys, Besäufnisse, sexuelles Experimentieren, Lernstress, Nebenjobs, Notendruck, Sport. Die Story (basierend auf der erfolgreichen Buchreihe «Off Campus» von Elle Kennedy): Süße Streberin soll heißem Hockey-Fuckboy Nachhilfe geben. Zum Dank wird er ihr Fake-Boyfriend, damit sie ihren Schwarm eifersüchtig machen kann – und dreimal dürft ihr raten, was dann passiert …

Aber vielleicht ist es genau das: Du träumst dich zurück in eine Zeit, in der das größte Problem war, wenn sich dein Crush auf der Party für eine andere interessiert hat oder du eine Gedichtinterpretation versemmelt hast. Keine Doppelbelastung, keine Care-Arbeit, keine Eheprobleme, keine Inflation, kein Mental Load … Damals war man halt noch frei. Und ist es jetzt nicht mehr. Als Mama. Ehefrau. Angestellte. «Off Campus» ist eine mentale Befreiung. Und für manch eine vielleicht auch eine sexuelle. 

Wieso liegt hier Stroh?! 

Bereits nach 1 Minute und 24 Sekunden lüftet ER (also Hockeyspieler Garrett) sein Trikot in der Umkleide, präsentiert uns seinen durchtrainierten verschwitzten Rücken, während SIE (Streberin Hannah) im knallengen Shirt umher hopst und den Boden feudelt. Die Kamera zoomt schamlos auf seinen Schritt. In der nächsten Einstellung sehen wir ihn unter der Dusche. Man fragt sich kurz: Huch, bin ich hier im FSK18-Bereich gelandet? Zeit wird nicht verschwendet. Ideal für Working Moms mit wenig Freizeit. 
Auch Garrets Mitbewohner sind praktisch die ganze Zeit nackt. Sie sehen aus wie unsere alten Crushs aus «Breakfast Club», «O.C. California» oder «21 Jumop Street»; kommen nackt aus der Dusche oder liegen als verschwitzte Klempner unter der Spüle.

«Wieso liegt hier Stroh?» – Hätte «Off Campus» mit diesem Satz begonnen, wäre das nicht weiter aufgefallen. 

Garrett löst Orgasmusprobleme 

Hauptfigur Hannah hat Orgasmusprobleme. Allein klappt’s, aber mit einem Mann zusammen? Da kann sie sich irgendwie nicht entspannen. Als Grund liefern die Drehbuchautor:innen eine Vergewaltigung, was wirklich nicht nötig gewesen wäre, wo doch hinlänglich bekannt ist, dass 70 bis 80 Prozent aller Frauen nicht allein durch Penetration zum Höhepunkt kommen können. Jedenfalls fragt Hannah dann ihren Nachhilfeschüler Garrett, ob er ihr wohl helfen könnte, das Problem zu lösen. 
Kein Ding! Macht er natürlich gerne! Und hat auch schon eine prima Idee: Beide setzen sich auf Stühlen gegenüber und legen selbst Hand an. Der gemeinsame Orgasmus lässt nicht lange auf sich warten. Und – päng! – ist Garrett nun endgültig der Held in der Geschichte. Erinnerungen an die Erotik-Romanze «9 1/2 Wochen» aus 1988 mit Kim Basinger und «Sexgott» Mickey Rourke sind sehr wahrscheinlich dringend erwünscht. 

«Channel deinen inneren Fuckboy!» 

Fans loben zudem, dass die Dialoge so schön woke seien (Garrett zu Hannah: «Channel deinen inneren Fuckboy und ghoste ihn!») und Frauenfreundschaften gefeiert würden. Einige Kritiker:innen mutmaßen, dass «Off Campus» uns dabei hilft, endlich wieder an emotional verfügbare Männer zu glauben. Garrett und Co. seien so schön einfühlsam, würden über ihre Gefühle sprechen und die Grenzen der Frauen respektieren. (Was eigentlich Bare Minimum sein sollte.) Gleichzeitig ist Garrett aber auch ein rücksichtsloser Fuckboy, der einer Frau, die in ihn verliebt ist, erst NACH dem Sex sagt, dass er nichts Festes will. Red Flag! 

Patrick Swayze meets Michael Hutchence 

Aber, hey, dafür sieht er aus wie eine Mischung aus Patrick Swayze und Michael Hutchence von INXS. Auf einer Party legt er einen Rock-Klassiker aus den 80ern auf und ein Freund sagt zu ihm: Hätte nicht erwartet, dass du auf Oldies stehst.» Und alle Ü40-Frauen vor dem Fernseher nur so «Yes, Baby, hier bin ich!»

Sowieso drückt die Serie permanent Knöpfe, die Frauen jenseits der 40 an ihre Jugend erinnert. Billy Idol (nicht Eilish!) singt den Titelsong, die Jungs stemmen ihre Gewichte, während AC/DC läuft, Hannah hört alte Rocksongs auf Kassette, trägt Merch von den Stones (nicht Ikkimel!) und auf einer Party dasselbe Bunny-Kostüm wie einst Bridget Jones; Garrett zitiert aus «Dirty Dancing» («der Lieblingsfilm meiner verstorbenen Mutter»). 

«Mommy Porn» gegen Krisenstimmung 

«Off Campus» ist ziemlich offensichtlich nicht für die Gen Z gemacht, sondern «Mommy Porn» at its best. Balsam für die Seele angesichts der aktuellen niederschmetternden Weltlage und dem angeknacksten Männerbild durch immer neue Fälle von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch. 

Mehr als eine seichte, ziemlich versexte Teenieserie ist «Off Campus» für mich trotzdem nicht. «American Pie» war witziger, «9 1/2 Wochen» erotischer und «Dirty Dancing» mitreißender. Aber das ist nur meine bescheidene Meinung. Wem es ähnlich geht: in der Arte-Mediathek gibt’s gerade die Film-Kollektion von Pedro Almodóvar zum Durchsuchten. Gestern war mir nach «Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs». Und das lasse ich jetzt einfach mal so stehen.

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