Reich, talentiert, minderjährig: Mit 13 auf Welttournee wie North West? Vorsicht, wenn Eltern alles ermöglichen können

Ferrari mit 21, Konzerttournee mit 13, Werbevideo mit drei: Ob Eltern ihre Kinder verwöhnen oder ihr Talent so früh wie möglich fördern – am Ende droht dasselbe: dass keine Luft mehr nach oben bleibt. Aber wo hört Förderung auf und wo fängt Überforderung an, die am Ende den Charakter verdirbt?

Ein Mädchen, das eigentlich schon im Schlafanzug stecken sollte, betritt eine Bühne. Es ist kurz vor halb acht abends in Chicago, 1.400 Menschen johlen, und die 13-jährige North West beginnt ihr erstes eigenes Solo-Konzert – es wird bis 22:30 Uhr dauern. 

Vermarktung als Superstar – mit 13

Auf Instagram folgen der Tochter von Realitystar Kim Kardashian und Rapper Kanye West 2,7 Millionen Menschen – dort wird sie wie ein Superstar vermarktet. Geschminkt, mit Piercings und falschen Wimpern. Immerhin: Den Account managen mittlerweile ihre Eltern. Ihr Vater lobte öffentlich, wie instinktiv seine Tochter Rhythmen und Rap-Techniken beherrsche. Deshalb buchte er die Halle in Chicago auch höchstselbst, nach dem Motto: «Tob dich aus, Mäuschen.» Für ihn scheint Norths Karriere die logische Fortsetzung seines eigenen musikalischen Erbes zu sein – genau das macht es für ihn vermutlich so schwer, abzuwarten. 

Erziehungsexpertin Nora Imlau erklärt gegenüber BRIGITTE, woher dieser Drang kommt: «Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der oft das Gefühl herrscht: Je schneller mein Kind erwachsen wird, desto besser kann es später bestehen. Dieser Förderdrang beginnt oft schon im Babyalter – das Kind soll als Erstes krabbeln, als Erstes sprechen und mit vier Jahren schon Buchstaben kennen, um in der Schule vorne mit dabei zu sein.» Die Phase, in der Kinder einfach nur Kind sein dürfen, wird immer kürzer. Auch bei «normalen» Kindern. 

Showbühne vs. Normalität

Und North? Ihr rutschte gerade in einem Interview heraus, dass sie gerne bei Starbucks arbeiten würde. Ein Satz, der mehr über den Zustand dieses Kindes verrät als jede Konzertkritik: Während die Eltern längst eine globale Marke aus ihr gemacht haben, träumt der Teenie insgeheim vom Nebenjob hinterm Tresen – von genau der Normalität, die ihr gerade genommen wird. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, dass Norths Nordamerika-Tour kurz darauf wieder abgesagt wurde. Angeblich wegen schleppender Vorverkäufe. 

Gut so. Denn mal ehrlich: Wo soll denn für dieses Mädchen noch Luft nach oben sein, wenn es mit 13 schon alles hatte, wofür andere Künstler:innen ein Leben lang arbeiten? 

Vor demselben «Problem» dürfte auch Henry Samuel, Sohn von Heidi Klum, irgendwann stehen, nachdem er gerade von Stiefpapa Tom Kaulitz zum 21. Geburtstag einen tiefergelegten, knallroten Ferrari für rund 130.000 Euro bekam – ein Auto, das so gar nicht zum ruhigen, sympathischen Henry passt und ihn im Netz prompt zur Zielscheibe von Spott machte. Ein weiteres Beispiel ist Paris Hiltons dreijähriger Sohn Phoenix – er durfte auf Social Media bereits die Hautpflegeserie seiner Mutter testen und über Augencreme gegen Schwellungen «philosophieren». Wieder die Frage: Warum schaffen es einige Eltern partout nicht, zu warten? 

Franca Lehfeld fordert «Rechtsrahmen für Mom-Influencing»

Zu viel, zu früh, zu öffentlich. Ein Grundproblem unserer Zeit, das auch immer mehr Kinder betrifft, die von ihren Eltern in den sozialen Medien «verwurstet» werden: «Wir brauchen einen Rechtsrahmen für Mom- und Family-Influencing», fordert deshalb die Journalistin, Ehefrau von Ex-Finanzminister Christian Lindner und Mutter Franca Lehfeldt. 

Ihrer Ansicht nach gehören dazu drei Punkte: «Die Einnahmen des Kindes werden treuhänderisch gesichert. Das Kind bekommt ein durchsetzbares Recht am eigenen Bild, auch gegen die Eltern, mit Löschanspruch bei Volljährigkeit. Und die Mitwirkung wird an Schutzstandards gebunden, wie wir sie aus dem Jugendarbeitsschutz kennen», so Lehfeldt gegenüber «Die Zeit». 

Wenn frühe Förderung tragisch endet 

Wie gefährlich zu frühe Förderung und Ruhm sein können, zeigt der Fall Presley Gerber. Der Sohn von Cindy Crawford wurde mit gerade einmal 15 von IMG Models unter Vertrag genommen, lief bereits mit 16 für Moschino, Dolce & Gabbana, Calvin Klein. Er sprach immer wieder offen über seine Drogensucht und psychische Probleme. Vorletzte Woche starb er mit nur 27 Jahren in einer Entzugsklinik in Santa Monica – mutmaßlich an einer Überdosis.

Gerber reiht sich damit in eine traurige Tradition früh berühmter Kinderstars ein. Auch Britney Spears stand ab ihrem elften Lebensjahr im Rampenlicht, ehe sie mit Mitte 20 zusammen brach und über ein Jahrzehnt lang unter der Vormundschaft ihres Vaters stand. Aaron Carter, als Teenie-Idol vermarktet, kämpfte fast sein gesamtes Erwachsenenleben mit Drogen und ertrank 2022 mit 34 Jahren unter Drogeneinfluss in seiner Badewanne. Und Drew Barrymore, die schon mit sieben Jahren in «E.T.» brillierte, war eigenen Aussagen zufolge mit 13 bereits alkohol- und drogenabhängig. Nur drei von zahlreichen solcher trauriger Beispiele. Es scheint also etwas dran zu sein, dass sich frühe Karriere nicht unbedingt positiv auf die Psyche von Kindern auswirken. 

Psychotherapeutin Alina Wilms fasst zusammen, was sie eint: «Durch die spezielle Sozialisierung als Stars verpassen sie das Kindsein und können nicht lernen, auch unter nicht-glamurösen Bedingungen zufrieden mit sich, der Welt und dem eigenen Leben zu sein.» Familientherapeut Jochen Rögelein warnt zudem vor einem Trugschluss, dem gerade privilegierte Familien erliegen: «Manche Kinder reicher Eltern erlägen der Illusion unendlicher Ressourcen.» Geld, Netzwerk und die beste Rehaklinik der Welt könnten nichts ausrichten, wenn es an Grenzen, Konsequenzen und der Erfahrung von normaler Anstrengung fehlen würde. 

Kommerzialisierte Kindheit

Man muss dafür gar nicht bis nach Beverly Hills schauen. Auch deutsche «Family Influencer» wie @die_weissens (414.000 Follower:innen) verdienen bis zu 40.000 Euro am Tag mit Videos aus dem Alltag ihrer sechs Kinder, vier davon sind minderjährig. Cornelia Holsten von der Bremischen Landesmedienanstalt kennt das Dilemma: «Wenn man merkt, dass sich der Content, bei dem die eigenen Kinder involviert sind, besonders gut klickt, ist die Verlockung groß, genau diesen vermehrt zu posten.» Die Folge: «In jeder Situation müssen die Kinder damit rechnen, gefilmt zu werden oder ‚auf die Schnelle‘ ein Bild zu inszenieren – egal ob im Urlaub, am Esstisch oder in der Badewanne.» 

Holstens Fazit ist hart, aber richtig: «Die Kinder werden dazu genutzt, Geld zu verdienen, indem sie ohne Privatsphäre im Netz gezeigt werden. Ihre Kindheit wird kommerzialisiert.» Auch das Bundeskriminalamt mahnt – ebenso wie Franca Lehfeldt – eindringlich: «Kinderbilder gehören nicht ins Netz. Sind Fotos und Videos einmal im Internet, kann nicht mehr kontrolliert werden, wer diese Bilder besitzt und was mit den Bildern geschieht.» Selbst scheinbar harmlose Aufnahmen können sexualisiert und im Darknet verbreitet werden. 

Als Chrissy Teigen kürzlich ein Nacktfoto mit ihren Kindern in der Badewanne postete, hagelte es Kritik: «Kinder verdienen auch Privatsphäre» – über 340.000 Likes bekam der Post trotzdem. Genau das ist das Problem: Die Empörung ist groß, der Klick noch größer. Das Beispiel zeigt: Hier geht es gar nicht um die Kinder, sondern um das Geltungsbedürfnis der Mutter. Sehr her, wie toll meine Kinder sind. Wie glücklich wir sind. Wie talentiert oder niedlich oder erfolgreich. 

Liebe bedeutet manchmal, «Nein» zu sagen 

Wahre Liebe bedeutet manchmal auch einfach abzuwarten, bis ein kleiner geliebter Mensch die nötige Reife und Weitsicht hat, um selbst entscheiden zu können, wie öffentlich sie oder er leben will. 

Als ich ungefähr zehn war, wurde meine Mutter mal von einem Talentscout angesprochen – ob ich nicht Lust hätte, bei einem Casting für eine neue Kinderserie mitzumachen. Mama winkte damals bloß lachend ab: «Nein, sie soll sich auf die Schule konzentrieren. Außerdem hab ich kein Auto.» Tja, vielleicht wäre aus mir ein Filmstar geworden, wenn meine Mutter mehr «Soccer Mom Vibes» gehabt hätte … 

Bleibt die Frage: Wie würde ich heute entscheiden? Mein Sohn ist ein extrem talentierter Kletterer. Was, wenn mir seine Lehrer:innen irgendwann ans Herz legen, ihn auf ein Elitesportinternat zu schicken? Fördern oder klammern? Beschützen oder Chance ergreifen? Leicht zu beantworten ist das nicht. Aber wahrscheinlich hat meine Mutter damals alles richtig gemacht, als sie eine frühe Chance (auf Fame, Ferrari und einen Oscar) ziehen ließ, um mir etwas viel Kostbareres zu ermöglichen: eine freie, unbeschwerte Kindheit.

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