Reise durch Montenegro: Mein Wanderurlaub zu den Almen – Traumprinzen inklusive

Unsere Kollegin Susanne Arndt wollte in Montenegro nicht nur Land, sondern auch Leute kennenlernen. Die Lösung: Wohnen auf Almen mit Familienanschluss.

Wie ein Märchenprinz kommt er auf seinem weißen Pferd den Pfad hinabgeritten, ein Fohlen tänzelt nebenher. Zwischen Bergwiesen schält er sich aus der Morgensonne und hebt die Hand zum Gruß. Er trägt Baseballmütze zum gelben T-Shirt, und erst als er absteigt, sehe ich, dass er ein kleiner Prinz ist, mit einnehmendem Lächeln und festem Händedruck. «Nice to meet you!», sagt Mladen und stellt uns seine Stute Bella vor, die auf der heutigen Wanderung unser Gepäck tragen wird. Als meine Freundin Julia die Kamera zückt, legt Mladen einen Stunt hin, springt auf Bellas Rücken, steht aufrecht und posiert fürs Foto: Daumen hoch! 

Stute Bella bleibt trotz Mladens Artistik-Einlage tiefenentspannt. Hinter den beiden: Fohlen Valentina.
Stute Bella bleibt trotz Mladens Artistik-Einlage tiefenentspannt. Hinter den beiden: Fohlen Valentina.
© Julia Rotter

Dass wir in der touristisch noch wenig erschlossenen Bergwelt Montenegros auf Wölfe oder Bären treffen könnten, damit hatten wir gerechnet – nicht jedoch mit einem Prinzen. Dabei hatten wir diese Wanderreise auch gebucht, um mit den Menschen, die hier wohnen, in Kontakt zu kommen: Wir übernachten auf zwei Almen («Katuns») mit Familienanschluss. Wir wollten raus aus unserem komplizierten Großstadtalltag, rein in die Natur, eine einfache Art zu leben kennenlernen.  Vor ein paar Tagen sind Julia und ich bei 39 Grad in einer Hauptstadt gelandet, von der wir noch nie gehört hatten: Podgorica (sprich: Pod-go-ritza), nahe der Grenze zu Albanien. Hier wohnen ein Drittel der rund 600 000 Einwohnerinnen und Einwohner des Balkanlands an der Adria, das kleiner und vor allem sehr viel bergiger ist als Schleswig-Holstein.  

Durch den «Wilden Westen» Montenegros 

Guide Michael Hlavka holt uns am Flughafen ab, um uns zu unserer ersten Gastgeberin Danka Šekularac ins Bjelasica-Gebirge zu fahren. Durch die Morača-Schlucht geht es nach Nordosten in Richtung Serbien. Rechts und links wachsen schattige Felswände in den Himmel, auch der Fahrtwind kühlt uns wohltuend ab. «Als ich vor 20 Jahren aus Berlin hergezogen bin, war diese Gegend Wilder Westen«, schwärmt Michael, und der windschiefe Schnapsstand am Straßenrand scheint noch aus dieser Zeit zu stammen. Am Crkvina-Pass fällt das Autothermometer auf 22 Grad. Irgendwann wird die Straße einspurig, und wenige Kilometer Schotterpiste später erreichen wir die «Katun Suvodo«. Umgeben von Hügeln und bewaldeten Hängen liegt sie auf 1400 Meter Höhe im Nationalpark Biogradska Gora, der berühmt ist für seine uralten Wälder mit bis zu 500 Jahre alten Weiß-Tannen. Das mit 60 Metern größte Exemplar Europas wächst hier.

Montenegro: Ausblick auf einen Bergsee
Die Morgensonne taucht die hügeligen Wiesen im Bjelasica-Gebirge in ein mildes Licht. Susanne Arndt genießt hier den Blick auf den Ursulovačko-Bergsee.
© JULIA ROTTER

In dieser Wildnis steht auf einem Plateau Dankas Haus mit Veranda, in dem sie jeden Sommer mit ihrer Mutter Rada lebt, nebenan ein paar Gästehütten. In einer davon wohnt Dankas Onkel Tom, 60 Jahre alt, der diesen Teil des Bjelasica-Gebirges kennt wie kaum sonst jemand. Wir beziehen ein Häuschen mit Terrasse und Bergblick. Die Grillen zirpen, es duftet nach frisch gemähtem Gras, und die Anspannung der Anreise fällt von uns ab. Als befänden wir uns plötzlich in einer Miniaturwelt, ist Danka nur als winzige Figur am Hang zu erkennen, sie hämmert irgendwas. Als sie uns entdeckt, kommt sie herunter, in staubiger Jogginghose und Bergstiefeln, Werkzeug in den Händen, und strahlt uns an. In fast perfektem Englisch erzählt sie, dass sie gerade einen Weidezaun baut, damit ihre Kühe nicht im Weg sind, wenn gemäht wird. «Ich mache morgen weiter», sagt sie und fügt hinzu: «polako» – langsam, was den Lebensstil hier perfekt beschreibt. 

«Gemeinschaft ist wichtig hier oben», sagt Danka

Während Danka und Rada das Abendessen zubereiten, lümmeln wir in Liegestühlen auf der Wiese. Die Hunde Buddy und Zuco tollen zwischen frei laufenden Hühnern herum. Ich döse fast ein, da schwillt das Bimmeln der Kuhglocken an und die Rinder spazieren gesetzten Schrittes den Hang hinab in Richtung Stall. Danka ruft aus dem Haus: «Die wissen, wann Essenszeit ist!» Bevor sie sich ans Melken macht, bringt sie uns Forellensuppe und warmes Hefebrot raus an den Tisch. Später, als die Mondsichel längst über den Tannen hängt, setzt Danka sich in ihren Jeep, Nachbarn besuchen. Jetzt noch? «Gemeinschaft ist wichtig hier oben», sagt sie, «wir kümmern uns umeinander.» Wir helfen derweil Rada beim Abräumen, die sich mit einer Kanne Tee aus selbst gepflückten Bergkräutern bedankt. Mit ihr verständigen wir uns wortlos.   

Verbringen jeden Sommer auf der Alm: Danka (l.) und ihre Mutter Rada. 
Verbringen jeden Sommer auf der Alm: Danka (l.) und ihre Mutter Rada.
© Julia Rotter

Auf dem Crna Glava liegt uns die Welt zu Füßen

Am Morgen starten wir auf den höchsten Berg des Nationalparks, den 2139 Meter hohen Crna Glava. Michael, Hund Buddy und Tom begleiten uns. Dankas Onkel, der gestern fast gebrechlich auf uns gewirkt hat, durchquert jetzt mühelos Wälder und steigt Berghänge hinauf, wir schwitzend hinterher. Auf halber Strecke rasten wir am Ursulovačko-Bergsee. Ich kühle meine Füße im Wasser, Julia springt rein. Zwei Stunden später stehen wir allein auf dem Gipfel, blicken nach Süden in Richtung Albanien und fragen uns, wie es wohl hinter der eigentümlich knubbeligen Silhouette des weiß betupften Prokletije-Gebirges aussieht, das beide Länder verbindet. Dabei ist die Welt zu unseren Füßen auch schon wunderschön, wo sich Bergblumen, Blaubeerbüsche und mächtige Weiß-Tannen sonnen und sich Geröllfelder mit Wiesen und Seen abwechseln.  

Montenegro: Blick über Täler
Kurz unter dem Gipfel des Crna Glava reicht der Blick über Täler und Berge bis nach Albanien.
© JULIA ROTTER

Am Abend stürzen wir uns müde und stolz auf die Essensberge, während Danka ihren Zaun fertig baut und Rada Wäsche aufhängt. Obwohl hier niemand hetzt und alle sich die Zeit nehmen, die sie brauchen («polako!»), ist «Feierabend» ein Fremdwort. Später frage ich Danka, was sie trotz der ganzen Arbeit jeden Sommer aus dem Tal auf die Alm zieht. 

«Nirgendwo sonst habe ich so eine Verbindung zur Natur», antwortet sie. «Hier erlebe ich zum Beispiel, dass Tiere Gefühle haben.»

 Und obwohl sie schon seit Kindertagen ihre Sommer hier verbringe, lerne sie jeden Tag etwas Neues, zum Beispiel, «dass nach dem Regen alles glücklicher ist«. In Österreich, wo sie im Winter als Chefkellnerin in einem Skigebiet arbeite, sei ihr Kopf dagegen immer voll. Und wann geht es im Herbst wieder ins Tal? «Die Kühe spüren, wenn der Schnee kommt. Dann wollen sie runter, und wir gehen mit.» 

Ich verabschiede mich von ihnen, und auch von den Schweinen, Enten und Hühnern, als wir weitermüssen. Den Bienen winke ich nur aus der Ferne. Wir drücken Danka und Rada, streicheln Buddy ein letztes Mal. Dann bringt Michael uns ins Mokra-Gebirge zur Alm von Gordana an der kosovarischen Grenze – weit im Osten Montenegros, wo wir später auch dem Prinzen vom Anfang dieser Geschichte begegnen werden.  

«Die Natur genießen und Gutes tun» 

Gordana Jokić hat eine einfache Almhütte mit Panoramablick, sieben erwachsene Kinder und 14 Enkel. Heute ist Tochter Sandra mit ihren Kleinen zu Besuch, dazu sind Gäste aus Tschechien da. Sandra zeigt uns die kleine Hütte, in der wir schlafen, und das Bad, das alle teilen. Auf dem mit Holz befeuerten Herd hinterm Haus kocht neben der Suppe ein Topf mit Wäsche wie früher bei meiner Oma. Gordana hat ihren kleinsten Enkel auf dem Arm und herzt ihn die ganze Zeit, selbst wenn sie die Paprika wendet, die in der Pfanne brutzeln. Es herrscht ein Kommen und Gehen, und mittendrin steht die Hausherrin und strahlt Ruhe aus.  

Essen auf einem Tisch Montenegro
Bohneneintopf, Krautsalat und Ajvar: willkommene Spezialitäten nach dem Wandern.
© Julia Rotter

Später werde ich oft an den Satz denken, den Danka uns noch mit auf den Weg gegeben hat: «Alle Menschen sollten ein einfaches Leben führen, die Natur genießen und Gutes tun.» Ich weiß nicht, ob ich auf Dauer in einer Berghütte ohne Waschmaschine glücklich wäre. Aber unsere Natur wäre auf jeden Fall in einem besseren Zustand, wenn alle so lebten wie Danka und Gordana hier oben auf ihren Almen. Das Essen wäre immer regional und unverpackt. Und das Leben fände in Gemeinschaft statt. In den Bergen Montenegros scheint jedenfalls noch keine «Einsamkeitsepidemie» ausgebrochen zu sein – und auf den Märchenprinzen muss hier auch niemand warten.

Susannes Tipps für Montenegro

Hinkommen & Rumkommen

Z. B. Austrian Airlines fliegt über Wien nach Podgorica (Hin- und Rückflug für ca. 270 Euro). Es gibt auch wenige Direktverbindungen mit Ryanair oder Wizz Air. Dann mit Zug, Bus oder Mietwagen weiter ins Bjelasica-Gebirge (zwei bis drei Stunden Fahrt). 

Die Reise

Montenegro: Hütten vor einer Berglandschaft
Die Hütten der «Katun Suvodo» liegen zwischen Berggipfeln, Wäldern und Heuwiesen, nur wenige Kilometer von Serbien und dem Kosovo entfernt.
© JULIA ROTTER

Dieser Trip basiert auf der siebentägigen individuellen Tour «Wandern ohne Gepäck in Montenegro: von Alm zu Alm im Nationalpark Bjelasica/Mokra-Gebirge». Ab 970 Euro/P. inkl. Verpflegung, Gepäcktransport und Transfers (Renatour, Tel. 09 11/89 07 04, renatour.de/montenegro-wandern). 

Übernachten 

Katun Suvodo. Danka bietet ihren Gästen komfortable Bungalows (DZ/F 80 Euro), winzige Schlafhütten ohne Fenster (DZ/F 40 Euro), tolles Essen und spannende Gespräche. Von hier kann man direkt loswandern (Nationalpark Biogradska Gora, danka.sekularac89.gmail.com, katunsuvodo.com). 

Hotel S Family Jovicevic. Zehn der zwölf Zimmer gehen zum wunderschönen Crnojević-Fluss hinaus. Auf der Veranda des Restaurants «20 Porat 23» im Erdgeschoss kann man gut essen. DZ/F ab 57 Euro (Rijeka Crnojevića, Pjaca bb, Tel. 067/49 93 01, z. B. über Booking.com). 

Erleben

Crna Clava. Die Wanderung auf den höchsten Berg des Nationalparks Biogradska Gora mit Bade-Stopp führt durch Wälder, Wiesen und Blaubeerfelder. Von der «Katun Suvodo» sind ca. zwölf Kilometer und 700 Höhenmeter zu bewältigen. 

Skutarisee. Als Finale empfehle ich eine Bootstour durch die spektakulären Landschaften des Crnojević-Flusses. Touren bietet Guide Michael Hlavka auf Wunsch an (Podgorica, Bulevar Vojvode Stanka Radonjića 5, Tel. 0049/176/22 69 5291, travelpointme.com). 

Genießen

Nonna. Sehnsucht nach Hafermilch-Latte und frischen Croissants mit Avocado und Schinken? Gibt’s alles im hippen Café im Stadtteil Novi Grad (Podgorica, 44 Moskovska, Tel. 068/81 51 55, Insta: nonna_podgorica).  

Montenegro: Sitzecke in einem Restaurant
Mein Lieblingslokal in Montenegros Hauptstadt, das «Porto Restauran», serviert zwischen Palmen und berankten Wänden guten Fisch (Podgorica, Ul. Stanka Dragojevića 40, Tel. 063/22 33 03, portorestoranpg.me)
© JULIA ROTTER

Gut zu wissen 

Die Unterkünfte auf den Katuns sind einfach und teilweise mit Gemeinschaftsbad. 

Telefon

Die Vorwahl für Montenegro lautet 003 82.

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