In Island hat unsere Autorin Melodie Michelberger gelernt, das Leben so zu nehmen, wie es kommt: Ein Roadtrip in die einsamen Westfjorde.
Der Regen prasselt so heftig gegen die Frontscheibe, dass die Scheibenwischer quietschen. Unter den tief hängenden Wolkenbändern sind von der Landschaft nur Umrisse zu erkennen. Ich bin auf dem Weg in den Westen Islands, eine Region abseits der bekannten Ringstraße, die viele Reisende wortwörtlich links liegen lassen. Genau deshalb ist sie mein Ziel.
Das Wetter stört mich nicht. Auf dieser windigen Vulkaninsel im Nordatlantik ändert es sich ohnehin alle paar Minuten. Hier bestimmt die Natur den Rhythmus, gerade das macht für mich den Reiz Islands aus. Die Menschen hier lassen sich sowieso nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Sie sind es gewohnt, dass sie Pläne wegen Sturm, seltener wegen Vulkanausbrüchen, über den Haufen werfen müssen. Deshalb wird vieles spontan entschieden. «Island ist ein Last-minute-Land», sagte einmal meine Freundin Sigrún, die in Ísafjörður lebt, der größten Stadt in den Westfjorden. «Es kann passieren, dass man dienstags zu einer Hochzeit am Samstag eingeladen wird, weil das Wetter gerade gut ist.» Ich mag diese Gelassenheit, mit der sich die Menschen hier auf neue Situationen einlassen. «Þetta reddast», wie man in Island sagt, ist keine Floskel, sondern eine Lebenseinstellung: Es wird schon gut gehen.

«Als Kind träumte ich von Island, wo die Erde brodelt und dampft»
Mein erster Stopp ist die Halbinsel Snæfellsnes, rund 130 Kilometer nordwestlich von Reykjavík. Auf ihrer Spitze thront der mächtige Snæfellsjökull. Der Vulkan fasziniert mich, seit ich als Zehnjährige zum ersten Mal «Die Reise zum Mittelpunkt der Erde» von Jules Verne las. Im Roman klettern die Protagonisten in den erloschenen Krater des Snæfellsjökull, um zum Erdmittelpunkt zu gelangen. Ich habe das Buch als Kind unzählige Male gelesen und mich oft in dieses mystische Land weit im Norden geträumt, in dem die Erde brodelt und dampft. Es hat drei Jahrzehnte gedauert, bis ich mir meinen Kindheitstraum erfüllen konnte. Seitdem habe ich Island ausgiebig bereist.
Doch es sind vor allem Snæfellsnes und die Westfjorde, die mich immer wieder zurückkehren lassen. Die Stille, die nur vom Wind durchbrochen wird, berührt mich tief. Ich kann mir vorstellen, dass es diese Einsamkeit früher überall in Island gab. Heute wird sie vor allem im Süden von Mietwagen-Kolonnen und surrenden Drohnen verdrängt. Mit jedem Kilometer, den ich weiter in den Nordwesten fahre, wird es leerer, und ich merke, wie sehr ich diese tiefe Ruhe in meinem Alltag in Hamburg vermisst habe.

© Melodie Michelberger
Auf meinem Weg zur Spitze der Landzunge komme ich an einer Herde Islandpferde vorbei, die mit wehenden Mähnen dem Wind trotzen. Plötzlich, wie aus dem Nichts, erscheint nach einer Kurve der Snæfellsjökull. Sein Gipfel mit zwei markanten Felsspitzen hebt sich deutlich vor dem aufklarenden Himmel ab. Egal, wie oft ich diesen vergletscherten Vulkan schon gesehen habe, ich bekomme jedes Mal Herzklopfen und erinnere mich daran, wie er während eines Burnouts ein Leuchtturm für mich war. Du musst dich durch diese Scheißzeit kämpfen, dann kannst du nach Island reisen. Eingerahmt im Autofenster wie ein verwittertes Gemälde begleitet mich der Snæfellsjökull bis zum Ende der Halbinsel.
«Die karge Landschaft schärft den Blick für das Wesentliche»
Dort, über der zerklüfteten schwarzen Steilküste am Fuße des Vulkans, haben Birgit Guðjónsdóttir, 64, und ihre Tochter Hedi Jónsdóttir, 45, zwei lichtdurchflutete Häuser gebaut, in denen sie Foto-Workshops und Yoga-Retreats anbieten. Birgit lehrt an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin und hat unter anderem bei «Tatort»-Produktionen die Kamera geführt, Hedi lebt als Designerin in London. «Diese raue Natur gibt es nur hier in Island», sagt die zierliche Hedi, während ihr Blick über die moosbedeckten Lavafelder wandert. «Die Landschaft hat eine Präsenz, die das Auge schärft.» Vielleicht ist es genau das, was den westlichsten Zipfel Islands so besonders macht: Er blendet alles Überflüssige aus und verbindet einen mit der Natur und mit sich selbst.

Die beste Aussicht über die Halbinsel hat man vom fast 1500 Meter hohen Gipfel des Snæfellsjökull aus. Hinauf kommt man per geführter Wanderung oder mit der Pistenraupe über den Gletscher. An klaren Tagen kann man sogar die 85 Kilometer entfernten, steilen Klippen von Látrabjarg auf der gegenüberliegenden Seite der Breiðafjörður-Bucht erkennen – der westlichste Punkt Islands. Von hier aus sind es keine 300 Kilometer bis nach Grönland. Tief ins Land eingeschnittene Fjorde reihen sich aneinander, gerahmt von schroffen Bergen, dazwischen das Meer und seine mächtigen Bewohner: Hier habe ich sogar von der Küste aus Wale auftauchen sehen.
Auf dem Weg nordwärts lege ich einen Zwischenstopp in Stykkishólmur ein, einem malerischen Ort auf Snæfellsnes mit bunt gestrichenen Häusern, die wie hingewürfelt auf grünen Hügeln stehen. Von hier aus fährt täglich die Fähre «Baldur» nach Brjánslækur in den südlichen Westfjorden. Das spart Zeit, denn die Fjorde müssen ansonsten in ihrer ganzen Länge umrundet werden – Brücken gibt es nur wenige. Für mich geht es am nächsten Tag allerdings mit dem Auto weiter, mein Ziel ist diesmal der östliche Teil der Westfjorde. Bevor ich mich auf die rund vierstündige Fahrt mache, gehe ich noch einmal zum Hafen und spaziere auf die Halbinsel Súgandisey mit ihrem knallroten Leuchtturm und einem fantastischen Blick auf die vielen vorgelagerten Inseln.

Isländische Hexerei und verlassene Orte
Mein Navi lotst mich über einen Bergpass. Letzten März bin ich hier in einer Schneewehe stecken geblieben, bis ein Schneepflugfahrer mich herauszog. Wieder einmal bewahrheitete sich das lebenskluge Motto «Þetta reddast» – es wird schon gut gehen! Nach zweieinhalb Stunden erreiche ich das Fischerdorf Hólmavík. Es ist mit seinen 300 Menschen der letzte größere Ort auf meiner Route, mit Supermarkt, Tankstelle und einem «Museum für isländische Zauberei und Hexerei».
Über eine kurvenreiche Schotterpiste vorbei an steilen Klippen geht es nach Djúpavík. Djúpavík ist eher eine Ansammlung aus einer verlassenen Heringsfabrik, einem Schiffswrack, einem charmanten Hotel und einer Handvoll verstreuter Häuser. Hier fühlt es sich an, als sei die Zeit stehen geblieben. Dass es diesen Ort überhaupt gibt, ist Eva Sigurbjörnsdóttir, 76, und ihrem Mann Ásbjörn Þorgilsson, 81, zu verdanken. Die beiden verliebten sich in den 1980er-Jahren in diesen ungewöhnlichen Ort, an dem bis 1966 Ásbjörns Großvater gelebt hatte. Sie kauften die verfallene Fabrik und eröffneten in der ehemaligen Unterkunft der Arbeiterinnen und Arbeiter ein Hotel.

«Von den Menschen hier habe ich gelernt, mir mehr zuzutrauen»
Bis heute wohnen nur Eva und Ásbjörn das ganze Jahr an diesem abgeschiedenen Fjord. Im Winter bleibt die Straße manchmal mehrere Monate lang unpassierbar. Dann erreicht man Hólmavík nur per Schneemobil oder Boot. Auch im Sommer kommen nur vereinzelt Autos vorbei. Die meisten gehören Tagestouristinnen und -touristen auf dem Weg zum Krossneslaug, ein Freibad, gespeist aus einer heißen Quelle. Es liegt dort, wo die Piste im Nirgendwo endet. «Wer hierherkommt, sucht die Einsamkeit», sagt Eva, «oder interessiert sich für die Geschichte der Heringsfabrik». Heute finden darin Führungen und Kunstausstellungen statt. Was wäre wohl aus Djúpavík geworden, hätten sich Eva und Ásbjörn nicht entschieden, hierherzuziehen? Es sind Menschen wie sie, die Island für mich besonders machen. Optimisten, die zeigen, dass auch der entlegenste Winkel der Welt wieder Bedeutung gewinnen kann.
Auf meinen inzwischen zehn Island-Reisen bin ich vielen solcher Menschen begegnet. Durch sie habe ich gelernt, mir mehr zuzutrauen. Ich fuhr über unwegsame Pisten, wanderte allein zu einer heißen Quelle an einem vereisten Fjord, jagte nachts Nordlichter. Und merkte: Die besten Abenteuer warten abseits der üblichen Routen. So wie jenes auf meiner Wanderung an der zerfurchten Flanke des Snæfellsjökull, als ich plötzlich inmitten der Weite Gesang hörte. Kurz darauf sah ich aus einem Felsspalt erst eine, dann fünf weitere Nonnen in grauen Gewändern und Wanderstiefeln herauskommen. Sie hatten die Akustik der Sönghellir-Höhle für ein spontanes Konzert genutzt. Dann brausten sie mit ihrem Geländewagen den Snæfellsjökull hinauf, eine Staubwolke hinter sich herziehend.

© Tuul & Bruno Morandi / laif
Melodies Tipps für Island
Hinkommen und Rumkommen
Direktflüge, zum Beispiel mit Iceland Air von Berlin nach Reykjavík und zurück, kosten ca. 350 Euro. Der beste Weg, um den Vulkan Snæfellsjökull zu erkunden, ist die Straße 570 von Arnarstapi im Süden bis Ólafsvík im Norden der Halbinsel und hoch zum Gletscher. Ein geländegängiges Fahrzeug wird empfohlen. Nützliche Apps sind «Safetravel» für Infos zu den Straßenverhältnissen und Sperrungen sowie die isländische Wettervorhersage «Veður».

Übernachten
Hotel Egilsen: Liebevoll gestaltetes Haus mit zehn bunt gestrichenen Zimmern direkt am Hafen. Planen Sie unbedingt Zeit für das großartige Frühstück ein. DZ ab 203 Euro, Frühstück 18 Euro p. P. (Stykkishólmur, Aðalgata 2, Tel. 554 77 00, egilsen.is).
Heydalur: Das Landhotel liegt am Ende eines einsamen Fjords. Es gibt Islandpferde, ein Schwimmbad im Gewächshaus und Hot Pots. Der Rhabarber-Crumble und der frisch gefangene Lachs im Restaurant sind köstlich! DZ ab 146 Euro. Frühstück 19 Euro p. P., Kinder die Hälfte (Ísafjörður, Heydalur 401, Tel. 456 48 24, heydalur.is).
Arctic Canvas: Selbstversorgerinnen und -versorger können im Süden der Snæfellsnes-Halbinsel eine Auszeit verbringen. Der Mindestaufenthalt sind zwei Wochen. Ab 2050 Euro fürs Studio mit Doppelbett (Hellnar, Útnesvegur, arctic-canvas.com).
Genießen
Heimabyggð: In diesem Café in Ísafjörður bekommen Reisende selbst gebackenen Kuchen, leckere Sandwiches und täglich wechselnde Speisen. Abends wird oft Livemusik gespielt (Ísafjörður, Aðalstræti 22b, Tel. 774 25 96, facebook.com/Heimabyggd).
Sjávarpakkhúsið: Das Restaurant liegt direkt am malerischen Hafen von Stykkishólmur. Serviert werden Fischgerichte aus regionalen Zutaten. Im Sommer besser reservieren (Stykkishólmur, Hafnargata 2, Tel. 438 18 00, sjavarpakkhusid.is).
Erleben
Snæfellsjökull: Der Nationalpark informiert online über einfache bis anspruchsvolle Wanderwege rund um den Vulkan. Geführte Wanderungen mit Park-Rangern bietet die Touristeninfo in Malarrif in den Sommermonaten an (snaefellsjokull.is). Um den Gipfel des sagenumwobenen Snæfellsjökull zu erreichen, steigt man am besten mit Vignir und Kolfinna von «Glacier Paradise» hinauf (glacierparadise.is). Tief in den Untergrund, in die erkaltete Lavahöhle Vatnshellir, geht es mit den «Summit Adventure Guides». Auch für Kinder ab fünf Jahren ein spannendes Erlebnis (summitguides.is).
Schwimmen: Wer eine authentische isländische Erfahrung will, besucht ein «Sundlaug» – Schwimmbäder, die es selbst in kleinsten Dörfern gibt. Viele sind dank der geothermischen Aktivität beheizte Freibäder (sundlaugar.is). Alternativ dümpelt man in einem der Hot Pots (heitur pottur). Meine Favoriten: der einsam gelegene Krossneslaug bei Djúpavík und der Hörgshlíðarlaug auf der Ostseite des Mjóifjörður.

© Melodie Michelberger
Heringsfabrik Djúpavík: Jeden Sommer beherbergt das einstige Industriegebäude die internationale Kunstausstellung «The Factory». Es ist ein besonderes Erlebnis, die mit einer Patina aus Ruß überzogenen Hallen zu erkunden (facebook.com/thefactorydjupavik).
Hexenmuseum: Das Haus erklärt die Zeit der Hexenverbrennung in Island. Sehenswert, doch manche Exponate könnten jüngere Kinder ängstigen. Im Café gibt es frische Waffeln mit Sahne (Hólmavík, Höfðagata 8–10, Tel. 897 65 25, galdrasyning.is).
Weitere Infos findest du hier: west.is, westfjords.is
Telefon: Die Vorwahl für Island lautet 003 54.
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