Samenspender Niklas, 39: "Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird, bekomme ich eine SMS!"

In Deutschland leben bereits sechs Kinder, die durch seine Samenspenden gezeugt wurden, weitere im Ausland. Was motiviert den Mann? Wie fühlt sich seine Partnerin damit? Und wie wird er reagieren, falls ihn seine biologischen Kinder mit 16 kontaktieren möchten? 

Es war im Jahr 2019, als mir auf Instagram eine Anzeige ins Auge sprang: «Hast du dir schon mal Gedanken über Samenspende gemacht?» Die Frage traf bei mir einen Nerv, denn in meinem engen Freundeskreis gab es damals ein lesbisches Pärchen, das sich sehnlichst ein Kind wünschte. Ich hatte hautnah mitbekommen, wie intensiv, steinig und bürokratisch dieser Weg für die beiden war. Damals mussten sie für eine Behandlung noch nach Dänemark ausweichen, weil die Behandlung für gleichgeschlechtliche Paare dort zu dem Zeitpunkt deutlich einfacher war als hier in Deutschland.* 

Der Bewerbungsprozess ist sehr aufwändig

Als ich die Anzeige sah, dachte ich: Warum eigentlich nicht? So könnte ich auch für mich selbst herausfinden, ob ich gesund und fruchtbar bin. Also meldete ich mich bei der European Sperm Bank. Der Aufnahmeprozess zog sich über vier bis sechs Monate hin – und das war auch gut so. Als Erstes wurde eine Samenspende eingefroren und wieder aufgetaut, um zu testen, wie überlebensfähig die Spermien nach dem Kryo-Prozess überhaupt sind. Es folgten umfassende genetische Analysen, eine detaillierte Familienanamnese und gründliche körperliche Untersuchungen. 

Man investiert zu Beginn richtig viel Zeit und Energie, ohne dafür finanziell groß entschädigt zu werden. Pro erfolgreicher Samenspende bekomme ich zwischen 40 und 80 Euro. Kund:innen der European Sperm Bank zahlen pro Halm, in dem die Spermien aufbewahrt sind, dann später rund 1.000 Euro.

Meine Motivation: Ich möchte helfen

Das Finanzielle soll aber auch gar nicht der Ansporn sein. Mir ging es von Anfang an um die intrinsische Motivation: Ich wollte helfen. Diese akribischen Prüfungen gaben mir das beruhigende Gefühl, dass hier mit höchster medizinischer und ethischer Sorgfalt gearbeitet wird. 

Wenn Wunscheltern in der Kartei nach einem Spender suchen, bekommen sie einen sehr intimen Einblick, ohne dass meine Anonymität gefährdet wird: Für mein Profil hat das Team der Samenbank eine Beschreibung über meinen Kleidungsstil und mein Auftreten verfasst, dazu gibt es eine feine Persönlichkeitsanalyse, eine abstrakte Zeichnung von mir, eine Aufzeichnung meiner Stimme und einen persönlichen handschriftlichen Brief, den ich an die zukünftigen Spenderkinder geschrieben habe. Darin beschreibe ich meinen Wunsch, kinderlosen Paaren zu helfen. Außerdem habe ich alte Kinderfotos rausgesucht. Dazu kommen natürlich die Hard Facts wie Augenfarbe, Haarfarbe, Körpergröße, mein Beruf und mein Werdegang. 

Die Samenspende erfordert im Alltag eine gewisse Disziplin. Vor jedem Spendentermin muss man zwei bis drei Tage abstinent sein. Man kann also theoretisch zwei- bis dreimal die Woche spenden. Ich lebe ohnehin gesund, trinke kaum Alkohol und nehme keine Drogen, aber mein Körper hat mir trotzdem schon Grenzen aufgezeigt. Als ich vor zweieinhalb Jahren für einen Marathon trainierte, wurde ich von der Samenbank prompt für zwei bis drei Monate gesperrt! Extremer körperlicher Stress und hohe Sportbelastung drücken nämlich die Spermienqualität massiv herunter. 

Wenn ein Kind geboren wird, bekomme ich eine SMS

Seit dem Samenspenderregistergesetz von 2018 ist in Deutschland endlich offiziell geregelt, wie mit Spenden umgegangen wird. Wenn durch meine Spende in Deutschland ein Kind geboren und im Register eingetragen wird, erfahre ich davon: Ich bekomme eine E-Mail mit einem verschlüsselten PDF und zeitgleich eine SMS mit dem Passwort auf mein Smartphone. In dem Dokument steht es schwarz auf weiß: Ein Kind wurde geboren. Ich erfahre aber weder das Geschlecht, noch den Namen oder den Wohnort des Kindes.

Sechsmal habe ich diesen Moment bisher erlebt. Das bedeutet: Irgendwo in Deutschland laufen sechs kleine Menschen herum, die meine biologischen Nachfahren sind. Wie viele es im europäischen Ausland sind, weiß ich nicht. 

Wenn diese SMS kommt, freue ich mich riesig – aber primär aus Empathie für die Familie. Ich vergleiche das gerne mit einer Blutspende: Wenn ich Blut spende, erfahre ich auch nicht, wer es bekommen hat. Aber ich weiß, dass es im richtigen Moment ein Leben gerettet oder geheilt hat. Bei der Samenspende weiß ich: Irgendwo hat sich ein sehnlicher Kinderwunsch erfüllt. Für diese Menschen verändert sich an diesem Nachmittag das gesamte Leben ins Positivste. Für mich persönlich ändert sich an diesem Nachmittag erst einmal nichts – außer dem schönen Gefühl: Cool, es hat geklappt!

Vater? Das bin ich nicht!

Mir ist eine Sache extrem wichtig klarzustellen: Ich bin der biologische Erzeuger dieser Kinder, aber nicht ihr Vater. Ich habe und beanspruche keinerlei soziale Rolle in ihrem Leben. Die Eltern sind diejenigen, die sich dieses Kind von Herzen gewünscht haben und es großziehen. Genau aus diesem Grund würde ich auch niemals im privaten Freundeskreis direkt spenden. Ich wurde das schon gefragt, aber ich lehne das kategorisch ab. 

Ich möchte diese emotionale Verantwortung nicht spüren. Ich möchte nicht am Sonntagstisch sitzen und beobachten müssen, wie Freunde ihr Kind erziehen, oder mich bei Erziehungsfragen unbewusst einbeziehen wollen. Der Weg über die Samenbank gibt allen Beteiligten rechtliche und emotionale Sicherheit. Er lässt die Familien ganz ungestört in sich wachsen.

Vielleicht lerne ich sie mal kennen – das liegt ganz an ihnen

Mit 16 Jahren haben die Spenderkinder gesetzlich das Recht, beim Register meine Identität und meine letzte bekannte Adresse zu erfragen. Manche Menschen fragen mich, ob mir dieser Gedanke keine Angst macht. Meine Antwort ist: Nein, überhaupt nicht. Ich habe diese Entscheidung vor Jahren völlig bewusst und informiert getroffen. Anonyme Spenden finde ich rückblickend problematisch, weil jedem Menschen das Recht zusteht, zu wissen, woher er biologisch abstammt. In Deutschland sind anonyme Spenden aber auch gar nicht erlaubt.

Wenn in 15 Jahren ein junger Mensch Kontakt zu mir aufnehmen möchte, wird der nicht plötzlich unangemeldet vor meiner Haustür stehen und sagen: «Moin, hier bin ich!» Die Samenbank vermittelt, auf Wunsch unter Einbindung von psychologischem Fachpersonal. Gesetzlich bin ich zu keinem Kontakt verpflichtet, aber ich bin völlig offen dafür. Wenn das Kind nur einen Brief oder eine E-Mail schreiben möchte, beantworte ich seine Fragen gern. Wenn es mich persönlich treffen will, setze ich mich mit ihm an einen Tisch. Ich gehe da ohne eigenen Drang oder Erwartungen heran. Es geht rein um die Neugier des Kindes. Für mich ist das gedanklich die Aufgabe für den 50-jährigen Niklas – und dem blicke ich völlig entspannt entgegen.

Der Elefant im Raum

Als ich mit dem Spenden anfing, war ich Single. Wenn man datet, ist das Thema Samenspende natürlich ein gewisser Elefant im Raum. Ich habe es immer sehr früh erzählt – und es erwies sich als fantastischer Beziehungs-Filter! Ein Date stand einmal auf der Stelle auf, sagte sinngemäß «Das finde ich merkwürdig» und ging. Da wusste ich sofort: Okay, das passt menschlich absolut nicht. Meine heutige Partnerin hingegen findet meine Spendentätigkeit super spannend und unterstützt mich vollkommen. Auch mein Freundeskreis und meine Familie wissen Bescheid. Mein Vater spendet seit 50 Jahren Thrombozyten (Blutplättchen) – die Haltung «Wenn du helfen kannst, dann hilfst du» wurde mir schon im Elternhaus vorgelebt.

Eigene biologische Kinder stehen für meine Partnerin und mich derzeit nicht auf dem Plan. Wenn man mich mit Anfang 20 gefragt hätte, hätte ich wohl gesagt: «Klar, sofort!» Heute, Ende 30, genieße ich meine Rolle als Onkel: Ich bin derjenige, der viel Zeit mitbringt, jeden Quatsch mitmacht und am Abend die Kinder wieder bei den Eltern abgibt. 

Unser Familienbild ist total veraltet

Durch meine Erfahrungen habe ich einen geschärften Blick darauf bekommen, wie veraltet unser gesellschaftliches Bild von Familie oft noch ist. Es macht mich wütend zu sehen, wie sehr Solo-Mütter oder unverheiratete Paare im deutschen Gesundheitssystem immer noch diskriminiert werden. Krankenkassen übernehmen die Kosten für Kinderwunschbehandlungen oft nur bei verheirateten, heterosexuellen Paaren bis 40 Jahre. Das ist absoluter Käse.

Für mich fängt Familie nicht erst bei Vater, Mutter, Kind an. Familie entsteht dort, wo ein Mensch der Welt ein Kind schenken möchte und es mit voller Liebe aufzieht – völlig egal, ob das ein lesbisches Paar, eine Solo-Mama oder ein klassisches Paar ist. Wenn ich mit meiner Spende dazu beitragen kann, diesen Traum zu verwirklichen, dann ist das für mich eine Herzenssache.

*Die Behandlung von lesbischen Paaren ist in Deutschland seit 2018 erlaubt. Allerdings haben Ärzt:innen zu dem Zeitpunkt selbst entscheiden dürfen, ob sie homosexuelle Pärchen behandeln.

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