Immer mehr alleinstehende Frauen erfüllen sich ihren Kinderwunsch mit einer Samenspende. Doch was bedeutet dieser Weg für Mütter – und für die Kinder, die daraus entstehen? Sandra, 41, erzählt, wie es sich anfühlte, ihren Traum von der klassischen Familie loszulassen, und was sie ihrem Sohn eines Tages über seine Herkunft erzählen will. Teil 4 unserer BRIGITTE-Serie über Solo-Mutterschaft.
BRIGITTE: Sandra*, du bist 41 und stehst beruflich mitten im Leben. Wann wurde dir klar, dass dein Lebensentwurf «Haus, Mann, zwei Kinder» so nicht stattfinden wird?
Sandra*: Das klassische Rollenbild hatte ich lange im Kopf. Mit 30 wollte ich eigentlich schon zwei Kinder und den passenden Mann dazu haben. Aber irgendwie passte es nicht für eine Familiengründung. Ich habe das Thema lange vor mir hergeschoben, teils, weil ich Angst um meine Karriere hatte und mich auch gesorgt habe, wie ich das finanziell allein schaffen soll. Mit 40 kam dann aber der Punkt, an dem ich dachte: Jetzt oder nie. Entweder ich gehe diesen Weg allein, oder ich bleibe kinderlos.
Viele denken bei Solo-Mutterschaft sofort an dänische Kliniken. Du hast dich aber in Hamburg behandeln lassen. Wie war dieser Prozess?
Ich dachte anfangs auch, ich müsste nach Dänemark, bis Freunde mir erzählten, dass es auch in Deutschland möglich ist. Mein Weg war zu Beginn etwas holprig. In der ersten Klinik stieß mein Wunsch nach einer reinen Insemination auf Unverständnis. Man riet mir zu einer invasiveren IVF (In-vitro-Fertilisation, Anm. d. Red.) und unbedingt einer Eileiterspülung – das wollte ich aber nicht und fühlte mich damit nicht wohl. Ich habe dann die Klinik gewechselt, weil ich meinen eigenen Weg gehen wollte. Ich bezahle den «Bums» schließlich selbst, also möchte ich auch selbst über meinen Körper entscheiden.
Du hast deinen Sohn schließlich über eine Samenspende der European Sperm Bank bekommen. Wie fühlt es sich an, im Internet den «genetischen Vater» auszusuchen – fast wie beim «Swipen» auf Tinder?
Es ist ein seltsamer Prozess, bei dem anfangs auch ein paar Tränen flossen. Aber man kommt dann rein und gewöhnt sich daran. Man klickt sich durch unzählige Profile und kann sich dort alle möglichen Persönlichkeitsmerkmale anschauen: Augenfarbe, Haare, Blutgruppe, aber auch Kinderfotos und handgeschriebene Briefe der Spender. Mir war wichtig, keinen 20-jährigen Studenten zu wählen, sondern einen Mann von Mitte/Ende 30, der mitten im Leben steht. Ich konnte mir auch ein Interview von ihm anhören, um die Stimme und den Humor des Spenders zu fühlen. Am Ende war es eine Mischung aus rationaler Auswahl und Bauchgefühl.
Wie haben deine Eltern und Freund:innen auf deine Entscheidung reagiert?
Meine Eltern stehen hinter mir und unterstützen mich. Das hat mir sehr geholfen. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass ich diesen Weg unabhängig von ihrer Zustimmung gehen würde. Auch von Freunden habe ich viel Rückhalt erfahren. Einige haben mich daran erinnert, dass selbst eine stabile Partnerschaft keine Garantie dafür ist, dass ein Kind dauerhaft mit beiden Elternteilen aufwächst. Wenn dann doch einmal eine der wenigen eher negativen oder kritischen Reaktionen kam, hat mich das aber schon getroffen.
Der Staat fördert den unerfüllten Kinderwunsch oft nur unter bestimmten Voraussetzungen – Solo-Mütter gehen meist leer aus. Was hat dich dein Weg zum Wunschkind gekostet?
Die Insemination selbst ist günstiger als eine IVF. Eine einzelne Samenprobe inklusive Mehrwertsteuer und Versand kostet etwa 1.700 Euro. Ich habe insgesamt drei Halme, so werden die einzelnen Samenproben genannt, gekauft und in ein Depot legen lassen, denn ich ging davon aus, dass ich mehrere Versuche benötigen würde, um schwanger zu werden. Hinzu kamen Kosten für Zyklusmonitoring, Lagerung im Behandlungszentrum, Aufbereitung der Probe und den Eingriff selbst sowie die psychosoziale und rechtliche Beratung.
Da die Insemination bei mir bereits beim ersten Mal erfolgreich war, gab ich die übrigen Halme später wieder zurück, da ein zweites Kind aufgrund meines Alters und der Situation als Alleinerziehende für mich nicht infrage kommt. Während verheiratete Paare oft Zuschüsse bekommen, zahlt man als Solo-Frau fast alles aus eigener Tasche, außer der reinen Diagnostik.
Du hattest eine unkomplizierte Schwangerschaft, aber die Geburt und das Wochenbett beschreibst du als «hart». Was hast du unterschätzt?
Ich dachte, ich schaffe das alles allein. Ich hatte Essensvorräte angelegt und alle Anträge vorbereitet. Allerdings habe ich komplett unterschätzt, wie wichtig es ist, vorab ein Netzwerk zu organisieren, das einem hilft und emotional für einen da ist.
Da mein Sohn per Kaiserschnitt zur Welt kam, war ich in der ersten Zeit kaum mobil. Die Schmerzen der Operationsnarbe machten es mir schwer, mich viel in der Wohnung zu bewegen oder diese gar zu verlassen. Durch die hormonelle Umstellung fühlte ich mich zu Beginn extrem verletzlich und ängstlich und sorgte mich ständig um das Wohlbefinden meines Kindes. Mein Baby brauchte außerdem fast ununterbrochen körperliche Nähe und ließ sich kaum ablegen. Man braucht jemanden, der kocht, putzt, Rezepte aus der Arztpraxis oder die Milchpumpe aus der Apotheke holt oder einfach nur da ist, wenn man sich verletzlich fühlt. Ohne meine Nachbarin, die auch bei der Geburt in der Klinik mit dabei war, meine Familie und Freunde wäre ich verloren gewesen.
Gab es Momente, in denen du dich von der Gesellschaft oder dem medizinischen System ausgeschlossen gefühlt hast?
Im Geburtsvorbereitungskurs sind mir starke Vorurteile begegnet – nicht aber von den Teilnehmer:innen. Die Hebamme empfing mich mit den Worten: «Das wird komisch – also für dich», weil ich allein vor der Tür stand. Während des ganzen Kurses wurde ich wie eine Exotin behandelt. Jedes Mal, wenn sie «Partner» sagte, entschuldigte sie sich bei mir, anstatt mich einfach inklusiv anzusprechen. Ich habe es dann aktiv bei ihr angesprochen, woraufhin es sich etwas gebessert hat. Dennoch fand ich das sehr verletzend und unnötig diskriminierend.
Du nennst dich lieber «alleinerziehend» als «Solo-Mama by Choice». Warum?
Ich mag diese Schubladen nicht. «By Choice» klingt fast so, als wollte man das alles genau so – aber der ursprüngliche Wunsch war ja oft ein anderer. Am Ende ist es einfach eine andere Form von Familie. Mein Sohn hat keinen Vater im Alltag, aber das bedeutet nicht, dass ihm etwas fehlt. Er wächst in einem Umfeld auf, in dem er gewollt und geliebt ist.
Was wirst du deinem Sohn später über seine Herkunft sagen?
Ich werde von Anfang an transparent sein, für mich ist es ja ganz normal. Es gibt viele tolle Bücher für Kinder aus Samenspenden. Die Psychologin riet mir, nicht das Wort «Papa» zu nutzen, sondern Begriffe wie «Spender» oder «genetischer Verwandter» zu verwenden. Perspektivisch möchte ich darauf achten, dass mein Sohn auch männliche Vorbilder und Einflüsse hat.
Du bist beruflich etabliert, hast viele Jahre im Marketing gearbeitet. Wie planst du deine Elternzeit?
Ich habe die maximale Elternzeit von drei Jahren beantragt, plane aber, nach 14 Monaten wieder in meinen Beruf zurückzukehren – mit 32 Stunden pro Woche. Mein Sohn kommt dann in die Kita. Nach zwei Jahren würde ich aber gerne wieder auf 40 Stunden aufstocken.
Welchen Rat gibst du Singlefrauen, die in einer ähnlichen Situation sind und zögern?
Hört auf euer Bauchgefühl! Und frei zitiert: Wer etwas möchte, findet Wege, wer etwas nicht möchte, findet Gründe. Seid ehrlich zu euch selbst und gesteht euch ein, dass ihr Hilfe brauchen werdet. Sucht euch eure Community und organisiert euer Unterstützernetzwerk frühzeitig. Man ist zwar solo, aber man muss es nicht allein meistern.
*Name von der Redaktion geändert
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