Grenzenlose Freiheit, Sex, Extase – sexpositive Partys boomen deutschlandweit. Doch wie sicher sind sie wirklich? Eine Podcast-Doku deckt auf, wie häufig es dort zu Grenzüberschreitungen kommt, und lässt Betroffene zu Wort kommen. BRIGITTE hat mit den beiden Macherinnen über gefährliche Mythen, echte Consent-Kultur und die Frage gesprochen, wem die vermeintliche Befreiung am Ende wirklich nützt.
BRIGITTE: Sexpositive Partys gelten als Schutzräume für freie Entfaltung.In «Die Party ist vorbei» erzählt ihr von Hannah, die voller Vorfreude auf eine Kinky Party geht und dort einen schweren Übergriff erlebt. Am Ende wird der Täter freigesprochen, weil man auf solchen Partys ja «mit Sex rechnen“ müsse. Was sagt dieser Fall über die Szene aus?
Jessica Ramczik: Das Erschütternde an Hannahs Gerichtsverfahren war für mich die Begründung der richterlichen Entscheidung. Obwohl man Hannahs Schilderung folgte, dass ihr gegen ihren Willen ein Finger eingeführt wurde, erfolgte der Freispruch über den subjektiven Tatbestand. Das Gericht argumentierte sinngemäß, im Setting eines Sex-Clubs sei die Wahrnehmung verschwommen. Das zeigt eklatant, wie das Versprechen einer sexpositiven Party in diesem Fall vor Gericht gegen Betroffene gewendet wird. Und genau das ist das Oberthema unseres Podcasts: Wie sicher sind diese Räume wirklich, wenn patriarchale Gewalt dort verharmlost wird?
Nastassja von der Weiden: Was für Hannah als Befreiung begann, endete für sie in der Notaufnahme und einem Gerichtsprozess. Ihr Fall zeigt, was Betroffenen in dieser Szene passieren kann.

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Was genau macht eine Kinky Party eigentlich aus und wie unterscheidet sie sich vom klassischen Swingerclub?
Nastassja: Beide Formate bewegen sich im Rahmen erotischer Feierkultur. Der Grundgedanke einer sexpositiven Kinky Party ist: Sex wird im Clubraum ermöglicht, ist aber ausdrücklich kein Muss. Man tanzt nackt oder in aufwendigen Outfits zur Musik, kommt ins Gespräch und kann in Erotik eintauchen. Ein zentrales Element ist der Dresscode: Es geht darum, durch spektakuläre Kleidung – etwa aus Lack, Leder, Bodypaint oder fantasievolle bunte Outfits – in eine andere Rolle zu schlüpfen und sich ganz anders zu präsentieren als es im Alltag möglich ist.
Jessica: Während Swingerclubs in der Wahrnehmung oft klassischer auf direkte sexuelle Kontakte oder Partnertausch ausgerichtet sind, verbindet die Kinky Party das Ganze mit moderner Technokultur, Clublife und einem oft deutlich jüngeren Publikum. Das Tanzen, der Hype ums Outfit und die Clubatmosphäre stehen ebenso im Vordergrund wie die Offenheit für Sexualität.
Warum boomen Kinky Partys gerade jetzt so stark?
Jessica: Es ist durch soziale Medien wie TikTok und Instagram zu einem ästhetisch aufgeladenen Popkultur-Phänomen geworden. Das ging in der Corona-Zeit los: Nach den Lockdowns gab es einen riesigen Hunger nach Ekstase. Über TikTok und Instagram wird vermittelt: Schnapp dir ein sexy Outfit aus Lack oder Leder, tauche ab und erlebe ultimative Befreiung. Aber ein Gedanke ist nach unserer Arbeit vor allem hängengeblieben: Es gibt kein wirklich freies Feiern in patriarchalen Verhältnissen. Solange der Male Gaze und eine männlich dominierte Pornokultur unsere Sexualität prägen, müssen wir uns fragen, wie befreiend diese Partys für Frauen tatsächlich sind.
Viele Veranstalter:innen werben damit, ihre Partys seien die sichersten Räume überhaupt, weil es Awareness-Teams gibt. Leere Worte?
Nastassja: Das ist meiner Meinung nach eher eine Illusion. Natürlich gibt es engagierte Kollektive und Veranstaltende, die sich viele Gedanken machen und funktionierende Konzepte und Maßnahmen entwickeln, sich dabei immer wieder hinterfragen und Anpassungen vornehmen. Aber auf Partys, wo viel Alkohol, Drogen und offen gezeigte Nacktheit aufeinandertreffen, existiert ein gewisses Gefahrenpotenzial. Diese Räume sind nicht automatisch frei von sexueller Gewalt oder Machtdynamiken.
Jessica: Hinzu kommt das Missverständnis von Awareness. Gute Awareness ist nicht damit getan, zwei Leute mit bunten Westen in den Club zu stellen. Ein wirksames Sicherheitskonzept ist teuer und aufwendig. Es beginnt lange vor der Party: mit Schulungen des Tür- und Barpersonals, Gästebriefings und klaren Regeln beim Substanzkonsum. Zu sagen «Sprecht einfach miteinander», ist kein Sicherheitskonzept, sondern Verantwortungslosigkeit.
Was hat euch an dem Thema persönlich so gepackt, dass ihr über ein Jahr daran gearbeitet habt?
Nastassja: Überall wird über sexuelle Befreiung und Hedonismus berichtet, aber kaum jemand spricht über die Abgründe. Wir mussten uns intensiv in traumasensible Interviewführung einarbeiten, um den betroffenen Frauen im Gespräch den nötigen Schutzraum zu bieten. Da Übergriffe im Partykontext immer noch mit immenser Scham belegt sind, war es extrem schwer, überhaupt Menschen zu finden, die offen sprechen wollten – im Laufe der Recherche sind verständlicherweise auch immer wieder Protagonistinnen abgesprungen.
Jessica: Das Bedürfnis, dieses tief sitzende Schweigen und die Tabus zu brechen, hat uns angetrieben. Wenn Betroffene den Mut aufbringen, Vertrauen zu fassen und von ihren schwersten Momenten zu erzählen, kannst du als Journalistin nicht auf halber Strecke aufhören.

© Kristina Kast
Sind Scham und Schuldgefühle von Betroffenen, die Übergriffe auf sexpositiven Partys erlebt haben, besonders groß?
Nastassja: Wir haben bei unserer Recherche unter anderem mit LARA e.V. gesprochen, einer Berliner Fachberatungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt. Dort wird genau dieses Muster deutlich: Nach einer Grenzüberschreitung suchen Betroffene die Schuld oft bei sich selbst. Sie verfallen in Gedankengänge wie: «Ich war ja auf dieser Party, ich hatte dieses knappe Outfit an, ich habe vorher mit ihm geflirtet – was habe ich denn erwartet?»
Jessica: Da setzt ein ganz fatales, verinnerlichtes Victim Blaming ein. Obwohl diese Partys als befreit und progressiv gelten, bleibt das Erleben von sexueller Gewalt extrem schambelastet und tabuisiert. Aus Angst vor Klischees und Vorverurteilungen schweigen viele Betroffene. Genau deshalb ist uns dieser Punkt so wichtig: Besucherinnen und Besucher investieren oft tagelang Mühe in ihr perfektes Lack- oder Leder-Outfit. Aber sie sollten sich mindestens genauso intensiv Gedanken über ihre eigenen Grenzen machen, Consent üben und lernen, ein „Nein“ klar auszusprechen und zu akzeptieren.
Welche Eigenverantwortung tragen die Partygäst:innen?
Jessica: Viele Menschen investieren tagelang Arbeit in ihr perfektes Outfit. Mein Rat: Du solltest dir über deine eigenen Grenzen und dein Mindset mindestens genauso viele Gedanken machen wie über dein Outfit. Das gilt ganz besonders für Männer und ihre Erwartungshaltung.
Nastassja: Es geht um die aktive Praxis von Consent. Weiß ich selbst genau, wo meine Grenzen liegen und kann ich ein „Nein“ meines Gegenübers akzeptieren? Ein riesiges Problem ist auch die Scham: Wenn etwas passiert, suchen Betroffene die Schuld oft bei sich selbst – nach dem Motto: „Ich war ja auf dieser Party, ich hatte dieses knappe Outfit an.“ Das führt dazu, dass Übergriffe verschwiegen werden. Wir müssen Scham abbauen und echte Consent-Kompetenz lernen. Gebt keinem Club einen unverdienten Vertrauensvorschuss. Sicherheit und Freiheit sind individuell – eine 18-Jährige, die zum ersten Mal da ist, braucht etwas völlig anderes als ein routinierter Partygänger.
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