Die Stullen, der Dresscode, die Fragen: Menschen aus aller Welt wundern sich oft über Dinge, die man in Deutschland normal findet. Newsfluencerin Johanna Rüdiger ist ganz dicht dran
BRIGITTE: Deinen Kanälen auf Insta und TikTok folgen fast eine halbe Million Menschen aus aller Welt. Meist solche, die neu in Deutschland sind und wissen wollen, wie hier der Alltag funktioniert. Wenn du durch ihre Brille auf dein eigenes Land schaust: Wie sind wir denn so, wir Deutschen?
Johanna Rüdiger: Vor allem ziemlich kühl. Aus ihren Herkunftsländern sind die Menschen oft gewohnt, dass man sich gegenseitig einfach anspricht, in einer Warteschlange oder im Bus, und das passiert ja in Deutschland eher nicht.
Es schauen halt alle auf ihre Handys.
Ja, oder das Gegenteil. Ich wollte es erst gar nicht glauben, aber immer wieder erzählen mir Follower:innen von «The German stare»: also, dass Leute sie in der U-Bahn anstarren. Eine Nutzerin sagt, dass sie in diesen Situationen einfach anfängt zu tanzen, und amüsiert sich dann über die verwunderten Blicke. Andere erzählen von seltsamen Fragen, die sie beim Smalltalk gestellt bekommen.
Was wäre das?
Ein Klassiker ist zum Beispiel, dass Afrika nicht als Kontinent wahrgenommen wird, sondern als Land. Da fallen dann Sätze wie: «Oh, du bist aus Nigeria? Ich war auch schon mal in Kapstadt.» Das ist ungefähr so, als würde man sagen: «Deutschland? Ich kenne Paris gut.» Oder sie werden gefragt: Sprichst du denn auch afrikanisch?
Aua, Fettnäpfchen-Alarm. Wie macht man es besser?
Es ist eigentlich ganz einfach: Menschen freuen sich über ehrliches Interesse an ihrer Person, dem, was sie tun, wer sie sind, aber nicht über die Verkürzung auf ihre Herkunft. Es gibt ja mehr über jemanden zu wissen als wo er geboren und aufgewachsen ist oder welchen Pass er besitzt.
Über welche deutsche Alltagsgewohnheiten wundern sich deine Follower:innen?
Dresscode ist immer wieder ein Thema. Kürzlich war ich bei einer Followerin aus Nigeria auf einer Geburtstagsparty eingeladen und habe sicherheitshalber vorher im Netz gefragt, was ich anziehen soll. Denn Nigerianerinnen sind bekannt für ihr glamouröses Auftreten. Am Ende hatte ich mein schickstes Kleid an, das war gerade noch akzeptabel in der Runde. Undenkbar, im T-Shirt da aufzukreuzen.
Oder in der Funktionsjacke.
Genau. Ein anders großes Thema ist immer das Abendbrot. Für viele ist das ein echtes deutsches Mysterium: belegte kalte Schnitten statt einer warmen Mahlzeit. Brot, sagen mir die Leute, das ist vielleicht ein Snack zwischendurch, oder eine Beilage, aber doch kein vollständiges Essen! Noch seltsamer finden sie allerdings, wenn ihre Kinder bei Schulfreund:innen zum Spielen sind und die Eltern den Besuch vor dem Essen nach Hause schicken, statt ihn mit an den Tisch zu bitten. Würden sie umgekehrt nie tun. Ich war zwei Mal in Ghana und wurde dort so herzlich empfangen, so gastfreundlich, dass ich erst richtig verstanden habe, was für ein Schock dieser Kontrast sein muss.
Oh je. Sind wir wirklich so schlimm?
Nein, am Ende werden ja viele doch noch mit Deutschland warm. Internationale Studierende sagen mir, es sei schwierig, an der Uni Freundschaften zu knüpfen. Aber sie erzählen mir auch: Wenn man diese Distanz überwunden hat, dann sind die Deutschen auch sehr zuverlässig und man hat diese Kontakte fürs Leben. Oder nehmen wir das Thema Sicherheit. Junge Frauen sind es in ihren Herkunftsländern oft nicht gewohnt, dass sie einfach abends auf die Straße gehen können ohne ständig Angst zu haben vor Belästigung. Und viele genießen hier mehr Freiheiten. Das sollen ihre Eltern zu Hause am besten gar nicht erfahren.
Vor ein paar Jahren hat Deutschland noch aktiv um Fachkräfteeinwanderung geworben, jetzt hat sich politisch der Wind gedreht. Wie nehmen die Menschen in deinem Netzwerk den Rechtsruck wahr?
Er macht vielen Sorgen, ich werde oft dazu gefragt. Im letzten Bundestagswahlkampf habe ich in einem Video erklärt, was die AfD für eine Fachkräftestrategie hat, nämlich, kurz gesagt: Mehr deutschstämmige Babys, und mehr Roboter gegen den Pflegenotstand. Daraufhin hat mich eine in Deutschland lebende IT-Ingenieurin aus dem Sudan kontaktiert und gesagt: Haben die das wirklich gut durchdacht? Ich gehöre zu den Leuten, die solche Roboter konstruieren, und wenn wir hier fehlen, dann geht der ganze Plan ja nicht mehr auf. Ich habe sie in meinen Kanal eingeladen, dort bekommen genau solche Perspektiven eine Stimme.
Du machst dieses Social-Projekt jetzt seit sechs Jahren – hat es dich verändert?
Ja, es hat mein Leben total bereichert, vor allem fällt es mir heute viel leichter, auf Leute zuzugehen. Denn ich bin eigentlich ziemlich schüchtern, was man als Journalistin nicht sein sollte. Heute lasse ich keine Gelegenheit aus, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Da bin ich sicherlich weniger deutsch als früher.
Tanzt du auch vor der Kamera, jedenfalls auf TikTok?
Kaum, und wenn, dann bereue ich es sofort. Oft bekomme ich besorgte Kommentare: «Oh, is she dancing to a different tune?» – tanzt sie zu einer anderen Melodie als zu der, die ich höre? Ich fürchte, in der Hinsicht bin ich hoffnungslos.
Info: Johanna Rüdiger ist Journalistin und Koordinatorin für Content Creator bei der Deutschen Welle, nebenbei betreibt sie ihre englischsprachigen Kanäle auf Instagram und TikTok (@johannarudiger). Ihre Follower:innen, insgesamt fast eine halbe Million, leben zum Großteil in Deutschland, aber auch unter anderem in verschiedenen afrikanischen Staaten – zum Teil Menschen, die eine Zeit in Deutschland verbracht haben, zum Teil solche, die über Möglichkeiten zur Einwanderung nachdenken.
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