Unterschätzte Mikrokontakte: Wie mir Fremde ein Zuhause-Gefühl geben

Was haben Kassiererin, Nachbarin und der Barista aus dem Lieblingscafé gemeinsam? Diese kleinen Alltags-Begegnungen tun viel mehr für uns und unser Glück, als wir ahnen

Kürzlich beim Einkaufen: Mein Lieblings-Paketbote sprach mit meiner Lieblingskassiererin und beide grüßten mich so freundlich, dass mir schlagartig warm ums Herz wurde. Hier bin ich zuhause, das ist mein Kiez, hier gehöre ich hin. Wie kommt es, dass ausgerechnet zwei eigentlich Fremde so ein Zuhause-Gefühl auslösen? Ich weiß doch kaum etwas über sie, nicht mal ihre Namen, und sehe sie dennoch fast täglich, rede übers Wetter oder den Verkehr in der Stadt. Sie weiß, was meine Kinder am liebsten essen und er, wo mein Mann am liebsten seine Schuhe bestellt.

Nathalie Klüver hat sich nach dem Schreiben dieses Texts vorgenommen, jeden Tag ein kleines Mini-Gespräch mit einer fremden Person zu führen
Nathalie Klüver hat sich nach dem Schreiben dieses Texts vorgenommen, jeden Tag ein kleines Mini-Gespräch mit einer fremden Person zu führen
© Nathalie Klüver

Diese «Mikrokontakte» tun gut und wenn ich ehrlich bin, geben sie mir mehr das Gefühl von Aufgehobensein als meine Freund*innen, die nach Studium und Kinderbekommen überall in Europa verstreut wohnen. Dass es nicht nur mir so geht, zeigt ein Blick in die Forschung. Die Wirkung der so genannten «weak ties» wurde lange unterschätzt. So zeigte eine US-Studie, dass die Zahl der losen Kontakte stärker mit Zufriedenheit korreliert als die Zahl enger Freund*innen oder Verwandter. Forschende aus Finnland fanden heraus, dass Menschen mit einem großen Netzwerk an Mikrokontakten ein geringeres Sterberisiko hatten, unabhängig von der Zahl enger Beziehungen.

Diese kleinen Verbindungen geben uns ein Gefühl von Zugehörigkeit

Wieso wirken der Plausch mit der Nachbarin, die Worte mit dem Dackelbesitzer im Hundeauslauf oder das freundliche «das rote Curry extra scharf wie immer» beim Stamm-Thai-Imbiss so gut auf unser Wohlbefinden? «Im Grunde genommen sind es genau diese kleinen Verbindungen, die uns ein Gefühl von Zugehörigkeit geben. Wir fühlen uns wahrgenommen, gesehen als Menschen», erklärt Maike Luhmann, Professorin an der Uni Münster. Sie forscht zum Thema Einsamkeit, hat dazu auch ein Buch («Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft») geschrieben. Und eben gegen Einsamkeit – das Gefühl, nicht mit seinem Umfeld verbunden zu sein – helfen die «weak ties“» indem sie Verbindungen schaffen. Genau das Gefühl von Wärme im Herzen, das ich im Supermarkt hatte.

Ausgerechnet diese kleinen Kontakte sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen, besonders unter jungen Menschen, zugleich geben immer mehr Menschen an, sich einsam zu fühlen. So zum Beispiel jeder Dritte in einer Umfrage, die im vergangenen Jahr mit Unter-35-Jährigen in Deutschland gemacht wurde. Im Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung gaben 2021 zehn Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen an, sich einsam zu fühlen. 

Es braucht nicht gleich die volle Dosis Small-Talk

Aber in Zeiten von Homeoffice, Bluetooth-Kopfhörern und Lieferdiensten bis hin zum kontaktlosen Hotel-Check-In fallen immer mehr Sozialkontakte weg. Lohnt es sich also, sie bewusst zurückzuholen? Auf jeden Fall, sagt Maike Luhmann. Für positive Wirkung brauche es zunächst auch nicht gleich die volle Dosis Small Talk, die ja nicht unbedingt jedem leichtfällt. «Um eine Verbindung zu spüren, ist keine Qualität oder Quantität vorgeschrieben. Erst mal ist jede Art von Kontakt hilfreich.» Und allemal besser, als gar kein Lächeln auszutauschen. Gelegenheiten dazu gibt es mehr, als man glaubt! 

Noch größer ist der Wohlfühleffekt, wenn man zusätzlich zum Lächeln und Grüßen noch etwas mehr sagt. Ein Kompliment zum schönen Sommerkleid. Einen netten Satz zum Hund. Die Frage, wie alt das Kind mittlerweile ist. Die Erwähnung, dass die Eissorte im Einkaufswagen wirklich superlecker schmeckt. Oder einfach einen Kommentar zum Wetter, das gute, alte Small-Talk-Thema, zu dem fast alle etwas sagen können. Aber ist das nicht vielleicht etwas aufdringlich? Das geht vielleicht bei der Nachbarin, die man jeden Tag sieht. Aber einfach so an der Kasse die Frau vor einem ansprechen und das Eis in ihrem Einkaufskorb loben? Vielleicht hat die ja gerade ganz andere Sorgen, als mit mir über Pistazieneis zu sprechen?

Wir unterschätzen, wie sich Fremde freuen, wenn wir sie ansprechen

«Studien zeigen, dass wir unterschätzen, wie sich Fremde freuen, wenn wir sie ansprechen», macht Maike Luhmann Mut. Die Forschung habe gezeigt, dass die meisten Menschen es viel weniger schlimm fänden, als wir uns ausmalen. Deshalb, ihr Rat: Einfach mal ausprobieren. «Es tut einem selbst gut und der anderen Person auch.» Möglichkeiten dafür gebe es mehr, als wir eigentlich glauben. Es hilft also, die Augen offen zu halten, zurückzulächeln, auch mal die Kopfhörer abzunehmen. Klein anfangen, rät Maike Luhmann. «Nehmen Sie sich zum Beispiel vor, jeden Tag mit einer fremden Person ein kleines Mini-Gespräch zu führen.»

Braucht man für die positiven Effekte eigentlich den echten Kontakt von Angesicht zu Angesicht oder zählen Social Media-Kontakte oder WhatsApp auch zu «weak ties»? Wie die alte Bekannte von früher, der man einmal im Jahr zum Geburtstag gratuliert und sich dadurch irgendwie verbunden fühlt? Oder die nette Followerin auf Instagram, die immer ein paar warme Worte unter den Fotos hinterlässt? Zunächst einmal sei jeder soziale Kontakt gut, der einem gut tue, sagt Luhmann. Aber letztlich habe der echte Kontakt im Leben doch noch einmal eine andere Qualität. Social Media-Kontakte könnten aber eine gute Ergänzung sein, vor allem, wenn man nicht die Gelegenheit hat, viel unter Menschen zu sein.

Digitale Verbindungen sind vor allem dort wertvoll, wo räumliche Distanz echte Begegnungen verhindert: als Brücke, nicht als Ersatz. Und sie helfen über Entfernungen hinweg, Kontakte aufrechtzuerhalten. Mein Herz hüpft jedes Mal vor Freude, wenn eine ehemalige Kommilitonin meine Social Media Posts kommentiert. Wir hatten nie viel miteinander zu tun, aber einfach zu wissen, dass sie an mich denkt, sorgt für Verbundenheit.

Außerdem, erinnert Maike Luhmann: Aus „weak ties“ können natürlich auch „strong ties“ werden. Freundschaften, Bekanntschaften, die dann nicht nur für ein Zugehörigkeitsgefühl sorgen, sondern auch gegen soziale Einsamkeit helfen, also den Freundeskreis erweitern. Was spricht also dagegen, die nette Mutter nach dem Elternabend einfach mal zu fragen, ob sie noch Lust hat, etwas trinken zu gehen? Bei mir hat das einmal sehr gut funktioniert. Der nette Vater vom Elternabend ist heute mein Mann. 

 

 

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert