Unsere Autorin hat in diesem Jahr bislang ausschließlich Bücher von Frauen gelesen. Liegt das an ihr? Am Buchmarkt? Oder an den Autoren? Literaturkritikerin Nicole Seifert spricht über den Boom der Autorinnen, den Wandel im Literaturbetrieb – und darüber, warum diese Zahlen nur die halbe Wahrheit erzählen.
BRIGITTE: In diesem Frühjahr stammen von 35 Debütromanen der großen Verlage 28 von Frauen, nur sieben von Männern – also 80 Prozent. Das hat die «Zeit» nachgezählt. Hat Sie die Entwicklung überrascht?
Nicole Seifert: Das ist eine Zahl, die mich erstmal freut, weil es zeigt, dass weibliche Stimmen und Geschichten von den Verlagen und vom Publikum gerade besonders geschätzt werden – das war ja lange Zeit anders. Es ist aber nicht das ganze Bild. Blickt man auf die gesamte Produktion, dann ist das Geschlechterverhältnis in den Programmen der literarischen Verlage ziemlich ausgeglichen: Meist gibt es viele ältere Autoren und viele jüngere Autorinnen. Jetzt kann man sich fragen, warum das so ist.
Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, da wurden nur männliche Autoren gelesen: Goethe, Schiller, Kafka …
So toll es ist, dass Autorinnen gerade mehr Raum bekommen – an den Lehrplänen hat sich bisher viel zu wenig geändert, in der Schule werden immer noch sehr wenig Frauen gelesen. Hinzu kommt, dass die Literatur ja Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung ist. Und da sieht es leider nicht gut aus.
Wie meinen Sie das?
Auf Phasen der Selbstermächtigung und Emanzipation folgte historisch jedes Mal ein Backlash, und da sind wir gerade mittendrin. Frauenrechte werden weltweit wieder beschnitten, die Gewalt an Frauen nimmt auf dramatische Weise zu, und viel zu oft wird das von der Politik indirekt noch unterstützt, als dass aktiv etwas dagegen unternommen würde. Und, ehrlich gesagt, solange Männer finden, ihnen würde etwas weggenommen, statt dass sie ihre Freundinnen und Partnerinnen und Schwestern unterstützen und anfangen, diese Veränderungen als Chance für alle zu begreifen, sind wir nicht weit gekommen. Darüber würde ich gern mal was lesen, auch von jüngeren Männern.
Noch 2020 haben Sie gemeinsam mit Berit Glanz gezeigt, wie stark Autorinnen in den Verlagsprogrammen unterrepräsentiert waren. Was hat sich geändert? Und was NICHT?
Zahlen sind für mich immer vor allem ein Gradmesser, eine Diskussionsgrundlage. Entscheidend ist letztlich, wie Literatur von Frauen bewertet wird.
Ist das Problem heute also weniger die Sichtbarkeit als die Bewertung von Autorinnen?
Auch wenn Verlage und Publikum sich für Autorinnen jetzt mehr interessieren – mir fällt auf, dass eine bestimmte Art der Abwertung weiterhin besteht, und zwar durch die Literaturkritik und manchmal auch durch Kollegen. Wenn zum Beispiel eine Frau einen Literaturpreis erhält und ein Kollege polternd den Saal verlässt, wenn Männer «Mängellisten» über Bücher von Kolleginnen führen, oder wenn es im Feuilleton so dargestellt wird, als würde eine Autorin einen Preis nur bekommen, weil sie eine Frau ist, als könne ihr Text ja gar nicht gut und preiswürdig sein – das war im 19. Jahrhundert schon sehr ähnlich.
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit Literatur von Frauen. Was hat Sie dabei besonders überrascht?
Inhaltlich war ich vor allem überrascht, dass Frauen schon immer über Themen geschrieben haben, von denen wir heute gern denken, sie wären in der Literatur neu. Schwangerschaft, Abtreibung, Kindererziehung, ungleiche Aufgabenverteilung in der Ehe, was das mit einer Partnerschaft macht und mit der mentalen Gesundheit von Frauen, wie Faschismus und Patriarchat zusammenhängen – darüber schreiben Autorinnen seit sehr langer Zeit.

© Heike Steinweg
Aber diese Werke sind in Vergessenheit geraten?
Sie wurden nicht gelehrt, nicht kanonisiert, nicht für wichtig erachtet, sie wurden vernichtend besprochen, und zwar weil die Themen nicht ernst genommen oder auch gar nicht verstanden werden wollten von der bis vor kurzem ja männlich dominierten Literaturkritik und -wissenschaft. Und das ist der zweite Punkt, der mich wirklich überrascht hat: wie massiv und vor allem unsachlich diese Abwertung durch Männer war.
Viele Leserinnen greifen heute ganz bewusst zu Büchern von Frauen. Ist das vor allem ein Nachholeffekt – oder hat man keine Lust mehr auf Männerliteratur?
Wir haben uns in der Schule und gegebenenfalls auch an der Uni ja überwiegend mit Literatur von Männern beschäftigt, deshalb ist das jetzt auch ein Nachholbedürfnis. Es gibt so viel Tolles von Frauen zu entdecken, aus der Vergangenheit wie aus der Gegenwart. Dazu kommt ein gewisser Überdruss an männlichen Perspektiven, das nehme ich genauso wahr.
Ich möchte nicht verbittert behaupten: «Ich lese nichts mehr von Männern.» Trotzdem fühle ich manchmal genau das. Woher rührt dieser Überdruss?
In den letzten Jahren haben Studien und Statistiken nochmal sehr deutlich belegt, wie stark sich die Lebenswirklichkeit von Frauen und Männern immer noch unterscheidet – Stichwort Sorgearbeit, mental load, Gender Pay Gap. Die Fälle Pélicot und Ulmen/Fernandes sorgen bei Frauen für Entsetzen, während Männer sich kaum dazu verhalten, dass Frauen durch all diese Fälle zunehmend das Gefühl haben, von potenziellen Tätern umgeben zu sein. Ihr «not all men» ist schal geworden. Dass Männer sich nicht äußern, sich so auffallend raushalten aus der Diskussion, sich nicht zuständig fühlen, sich stattdessen laut beklagen, ist eine zusätzliche Ernüchterung. Viele Frauen wenden sich ab und das schlägt sich eben auch im Leseverhalten nieder. Ich kann verstehen, dass viele Leserinnen auf den männlichen Blick in der Literatur keine Lust mehr haben und sich zeitgenössischen Stimmen von Frauen zuwenden.
Beobachten Sie umgekehrt Unterschiede darin, worüber junge Autoren heute schreiben?
Ich bin beruflich tatsächlich so ausgelastet damit, Autorinnen zu lesen, dass ich zu den Autoren momentan gar nicht komme. Die Frage scheint mir aber wichtig, denn darin kann ein Schlüssel zum Verständnis des Phänomens liegen, über das wir reden: Wie und worüber schreiben junge Männer heute? Schreiben sie über die sich verändernde Welt, nehmen sie die Themen der Zeit auf, auch die vermeintlichen Frauenthemen, oder orientieren sie sich an den Klassikern, sind eher rückwärtsgewandt und reproduzieren Geschlechterklischees?
Manche vermuten auch, dass Männer dem Literaturbetrieb den Rücken kehren, weil sich mit dem Schreiben immer schwerer Geld verdienen lässt. Ist da etwas dran?
Die Tatsache, dass es immer schwieriger wird, vom Schreiben zu leben, trifft natürlich alle, aber an der Theorie, dass Männer Branchen verlassen, in denen Frauen mehr und mehr Fuß fassen, ist leider auch was dran. Wir werden sehen.
Welche Rolle spielen dabei die Leserinnen?
Verlage gucken darauf, was sich verkauft, und auch wer vom Schreiben leben will, kann den Markt nicht ignorieren. Wenn also viel Romance gekauft wird, gibt es noch mehr Romance, bis auch dieser Trend vorbei ist. Letztlich muss sich jede die Frage stellen, wem sie ihr Geld gibt: großen Konzernen oder kleinen Buchhandlungen, gewaltverherrlichenden oder nachdenklicheren Stimmen. Das zählt bei jedem einzelnen Buch.
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