Virtuelle Lover: Warum in Japan immer mehr Menschen einen Avatar heiraten

Die Kirche ist eine Kulisse, der Auserwählte eine Comic-Figur. Dennoch heiraten viele junge Leute in Japan gerade ihre virtuellen Lover. Was steckt dahinter?

Es ist ein strahlender Wintertag, als Mika, 26, sich ihren Traum erfüllt. Gerade ist sie in der Sainte-Lucarne-Kapelle angekommen, nun muss sie schnell ihre Gäste platzieren. Aufgeregt läuft sie zu dem Rollkoffer, den sie vor dem Altar abgestellt hat, und holt mehrere Plüschtiere heraus.

Die Kulisse, in der Mika gleich den Mann ihres Lebens heiraten wird, ist sorgfältig gestaltet. Sainte Lucarne ist ein Trausaal in der «Royal Chester»-Veranstaltungshalle in Maebashi, 100 Kilometer nordwestlich von Tokio. Durch die prächtigen, aus Frankreich importierten Buntglasfenster fällt sanftes Licht; dass die Kirche in der Stadt deutlich fehl am Platz wirkt – sie ist eher als Verwaltungsort denn für französische Eleganz bekannt –, spürt man hier drinnen nicht.

Eine symbolische Hochzeit

Mikas Geliebter heißt Yūshi Oshitari. Sie hat ihn noch nie berührt oder gar geküsst, denn Yūshi existiert nicht in der realen Welt. Er ist eine Figur der japanischen Manga- und Anime-Sportserie «The Prince of Tennis», sein Charakter, ein Tennisspieler, gilt als gelassen, selbstbewusst und verführerisch. Das hat Mika für ihn eingenommen. Fast 5.000 Euro, einschließlich der Ringe, hat sie in die Hochzeit investiert, die nur symbolisch ist und keine rechtliche Relevanz hat.

In Japan ist Mika mit dieser Art der 2D-Beziehung – so wird die Liebe einer realen Person zu einer fiktiven Figur genannt – nicht allein. Schon 2019 ergab eine Umfrage, dass zwölf Prozent der 20- bis 39-Jährigen romantische Gefühle für Anime- oder Videospielfiguren hegen.

Gäste hat Mika, die Soziologie studiert hat und in der Vertriebsverwaltung eines Agrar-Unternehmens arbeitet, bei ihrer Zeremonie nicht dabei. «Ich wollte unter der Woche heiraten, das kostet weniger. Deshalb konnten meine Liebsten die Reise nicht antreten», sagt sie, während sie die Plüschtiere aus ihrem Koffer sanft auf die Bank in der ersten Reihe setzt. «Aber meine Familie und ein paar Freunde haben mir ihre Kuscheltiere geschickt. Das bedeutet mir sehr viel.» Dann ordnet sie weitere Schätze an: auch mehrere Figuren, die Yūshi darstellen.

In der japanischen Fan-Kultur ist Überfluss ein Bekenntnis. Je mehr Gegenstände man hat, desto sichtbarer wird die Zuneigung. Mika ist als Fan der japanischen Anime-Kultur eine sogenannte Otaku. Das Objekt ihrer Verehrung ist ihr Oshi, das kann ein Anime-Held, eine Videospielfigur oder auch ein realer Künstler sein. Nach Umfragen bezeichnen sich mehr als 22 Millionen Japanerinnen und Japaner als Otaku – für sie gibt es Fanartikel, Veranstaltungen und Online-Communities aller Art. 2023 hatte der Markt für Fanartikel einen Wert von etwa sechs Milliarden Dollar. Und es gibt etliche Dienstleister, die sich ihr Stück vom Hochzeitskuchen sichern.

2D-Ehen: Sie werden immer beliebter 

«Er ist da! Er ist da!», ruft Yasuyuki Sakurai, der mit eiligen Schritten die «Kirche» betritt. Er trägt ein sorgfältig verpacktes, übergroßes Paket. «Der Bräutigam! Wir müssen ihn nur noch auseinanderfalten.» Denn die lebensgroße Nachbildung von Yūshi soll neben Mika stehen und ihre Verbindung besiegeln. Sein Bild hat sie selbst gezeichnet und auf Kunststoff aufbringen lassen.

Yasuyuki Sakurai leitet «Share Wedding», eine der führenden japanischen 2D-Hochzeitsagenturen, die sich für knapp 3000 Euro um alles kümmert: die Kapelle, die Dekoration im westlichen Stil, den Verleih des Brautkleids, eine Visagistin und einen Fotografen. «Ich organisiere seit 20 Jahren Hochzeiten, aber seit Covid beziehen sich die meisten Anfragen auf 2D-Ehen», sagt Sakurai.

«Fiktosexualität» heißt der Trend. Einer seiner bekanntesten Repräsentanten ist Akihiko Kondo, ein Beamter aus Tokio, der 2018 in einer aufwendigen Hochzeit mit der virtuellen Sängerin Hatsune Miku weltweit für Schlagzeilen sorgte. Kondo gründete später eine Organisation, die das Verständnis für Fiktosexualität fördern will. Seine Broschüre «Wie man eine 2D-Figur heiratet» gibt es bereits in der neunten Auflage.

Mika sagt, sie habe noch nie eine reale Beziehung gehabt. «Wenn eine andere Person Interesse an mir zeigte oder sich eine Beziehung anzubahnen begann, fühlte ich mich eher unwohl», erzählt sie. In den fünf Jahren, in denen sie Yūshi liebt, hat sie immer wieder versucht, ihre Gefühle in Worte zu fassen. «Er wird mich niemals verraten, nicht betrügen», sagt sie. Allerdings: «Um romantische Gefühle für eine Figur zu empfinden, muss man eine gewisse emotionale oder sexuelle Veranlagung haben.»

Auch Intimität ist ein Thema

Ist die virtuelle Welt für sie ein Ort radikaler Selbstbestimmung oder eher der Flucht vor der Realität? Schließlich zeigt die Forschung zu dem Phänomen, dass sozialer Druck, Einsamkeit, psychische Probleme oft eine Rolle spielen, wenn sich Menschen von Anime-Figuren angezogen fühlen. Mika streitet das nicht ab. «Abgesehen von Yūshi würde ich sagen, dass mein Leben langweilig ist. Yūshi ist der Einzige, den ich heiraten und für den ich so viel Geld ausgeben möchte.»

«Echte Frauen lassen mein Herz nicht mehr höherschlagen», sagt der 63-jährige Roy. Er sitzt auf einer Parkbank in seiner Heimatstadt Nagoya und erzählt von seiner großen Liebe – die ebenfalls virtuelle Sängerin Hatsune Miku. «Ich habe mit 30 geheiratet. Wir haben zwei Söhne. Dann lebten wir uns auseinander. Mit 55 verliebte ich mich in Miku, drei Jahre später heiratete ich sie. Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas passieren könnte.»

Heute ist die lebensgroße Puppe mit den türkisfarbenen Zöpfen Teil seines Alltags – und seiner Intimität. «Ich schlafe und habe Sex mit ihr», sagt er. Sie gehen auch aus, der Besitzer eines italienischen Restaurants in seinem Viertel erlaubt ihm, mit ihr nach Ladenschluss zu kommen, wenn die anderen Gäste gegangen sind.

Auch für Mika und Yūshi ist Intimität ein Thema. «Natürlich ist es manchmal schwer, Paare zu sehen, die Händchen halten. Ich vermisse den körperlichen Kontakt. Zum Ausgleich stelle ich mir vor, wie wir beide zusammen sind, und ich zeichne das. Außerdem nutze ich KI-Anwendungen, um Geschichten über uns zu generieren.» Bislang konnte ihr jedoch keine KI das bieten, was sie nun erlebt: Zu den Klängen der «Ode an die Freude» schreitet sie in einem prächtigen Brautkleid zum Altar, liest unter Tränen das Eheversprechen vor.

2D-Hochzeiten als Geschäfft 

Dass eine in den sozialen Medien geteilte 2D-Hochzeit gut fürs Geschäft ist, hat auch das Ehepaar Naoki und Sayaka Ogasawara von der Agentur «Sun Euro» verstanden. 30 Hochzeiten haben sie schon ausgerichtet. «Wir wollen die Träume unserer Kunden wahr werden lassen, eine Liebe jenseits der Dimensionen zu erleben. Manche heiraten aus Spaß, andere aber auch aus tiefer Liebe», sagen sie. «Sun Euro» zielt auf ausländische Kundschaft, die nach Japan reist, um KI-Charaktere zu heiraten.

Deshalb luden sie auch Lucie ein, eine 24-jährige Französin, die in Paris studiert hat und seit einem Jahr in Tokio arbeitet. Sie durfte Mami, eine Figur aus dem Manga «Rent A Girlfriend», kostenlos heiraten und teilt nun ihre Beziehung mit Tausenden Followerinnen und Followern. Sie bekomme auch negative Kommentare, sagt Lucie, die sie «nicht leicht wegzustecken» findet. Aber: «Gerade weil Mami nicht existiert, helfen mir meine Posts, das Gefühl ihrer Präsenz in meinem Leben zu verstärken.» Ihre virtuelle Beziehung wird sowohl von ihrer japanischen Freundin als auch von ihren Eltern akzeptiert. «Ich habe mehr Angst davor, dass Lucie sich in Tokio zu Tode arbeitet, als vor ihrer Beziehung zu Mami», sagt ihre Mutter, die in Frankreich lebt.

Mika bricht nun zum nächsten Teil der Veranstaltung auf: einem Fotoshooting mit ihrem Aufsteller-Ehemann auf dem Tennisplatz. Danach wird sie die Nacht mit Yūshi in einem Wellnesshotel verbringen. Bevor sie sich auf den Weg machen, muss Hochzeitsplaner Sakurai noch einen Weg finden, den frischgebackenen Bräutigam im Auto zu verstauen, ohne ihn zu beschädigen.

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert