Er floh nach Deutschland, sie sitzt in Afghanistan fest. Wie fühlt sich eine Ehe an, die fast ausschließlich am Telefon stattfindet?
Seit mehr als zehn Jahren sind Karim* und Fatima* (*die Namen liegen der Redaktion vor, wurden aber aus Sicherheitsgründen geändert) ein Paar. Kennengelernt haben sie sich 2013 in ihrer Heimat Afghanistan, beim Fernsehen. Er war Videojournalist, sie Synchronsprecherin. Doch sie konnten dort nur wenige Jahre gemeinsam verbringen.
Heute lebt Karim in Deutschland, seine Frau nach einer Zeit im Iran zurück in Afghanistan. Dazwischen liegen tausende Kilometer, Visa, abgelaufene Papiere, Botschaftstermine, Grenzschließungen – und ein gemeinsames Leben, das seit Jahren auf seine Fortsetzung wartet.
Afghanistan war nicht mehr sicher
Karim musste Afghanistan verlassen, weil er als Journalist über die Taliban berichtet hatte und zunehmend unter Druck geriet. «Mein Plan war es nicht, nach Europa zu gelangen. Ich wollte in den Iran zu meiner Schwester, dort etwas ausharren, bis Gras über die Sache wächst.» Doch die Lage in Afghanistan spitzte sich weiter zu. Seine Familie hatte Angst, ihn ganz zu verlieren, und er musste ihnen versprechen, vorerst nicht zurückzukommen.
«Im Iran konnte ich nicht bleiben, mein Visum war abgelaufen, also entschied ich mich, auf illegalem Weg in die Türkei zu fliehen», erzählt er. 2016 kam Karim über Griechenland nach Deutschland. Fatima, seine damalige Freundin, blieb zunächst in Afghanistan. «Es war die einzige Lösung für uns, und ich wollte ja wieder zurück, sobald sich die Situation sich gebessert hatte.»
Ihre Familien wussten zu diesem Zeitpunkt nichts von der Beziehung. Alles sei heimlich gewesen, sagt Karim. Trotzdem hielten sie engen Kontakt. Er berichtete ihr von jedem seiner Schritte, sie unterstützte ihn und sagte immer wieder: «Geh irgendwohin, wo es sicher ist. Irgendwann kommen wir zusammen.»
Der Traum vom neuen Leben
Karim baute sich in Deutschland ein Leben auf. Er lernte die Sprache, machte eine Ausbildung zum Mediengestalter und fand einen Job. Aber fünf Jahre lang konnte er seine Partnerin nicht sehen. Denn ohne Aufenthaltstitel hätte er Deutschland nicht verlassen können, ohne alles zu riskieren, sagt er. Erst 2021 bekam er den Titel. «Damals dachte ich, man hätte mir ein neues Leben geschenkt», erzählt er. «Ich durfte reisen, endlich schien es möglich, meine Familie und meine Freundin, die mittlerweile im Iran lebten, wiederzusehen.»
Noch im selben Jahr heiratete das Paar im Iran. «Wir mussten erst unsere Familien einweihen, aber die haben grünes Licht gegeben. Wir feierten sogar ein kleines Hochzeitsfest», sagt Karim. Das war eine hoffnungsvolle Periode, vielleicht die hoffnungsvollste. Denn nach all den Jahren schien das gemeinsame Leben nun endlich greifbar. Die Vorfreude, seine Frau endlich nach Deutschland holen zu können, hielt allerdings nicht lange.
Der alles entscheidende Antrag… abgelehnt
Kurz darauf beantragte Karim den Familiennachzug. Nach einem Jahr wurde der Antrag von der deutschen Botschaft in Teheran abgelehnt – ohne triftigen Grund. Daraufhin stellte er den Antrag erneut. Auf eine Antwort wartet er bis heute. Doch da die Papiere seiner Frau für den Aufenthalt im Iran abliefen, musste sie schließlich zu Beginn des Jahres nach Afghanistan zurückkehren – dorthin, von wo Karim einst geflohen war und auch Fatima nicht bleiben konnte. «Ich habe es nicht geschafft, sie rauszuholen», sagt er. «Und ich kann nicht nach Afghanistan. Wenn ich nach Afghanistan gehe, weiß ich nicht, was mit mir passiert.»
Er möchte deshalb auch nicht, dass sein Gesicht oder das seiner Frau öffentlich zu sehen sind. Erst wenn sie Afghanistan verlassen habe, könne er offen über ihre Geschichte sprechen, erklärt er. Die Hoffnung, dass das irgendwann passieren wird, hat er noch nicht verloren.
Aus dem «bald» wurden Jahre
Die räumliche Trennung, die unterschiedlichen Leben, all das zieht nicht spurlos an dem Paar vorbei. Seit Karim in Deutschland lebt, haben sie sich insgesamt nur viermal gesehen – jeweils für etwa 20 bis 25 Tage. Ansonsten bleibt ihnen das Telefon. Sie sprechen fast täglich. Doch auch die Gespräche sind von Entfernung geprägt. Denn Karim erzählt seiner Frau längst nicht mehr alles.
«Oft teile ich gute Zeiten nicht mit ihr», erzählt er. «Ich will nicht, dass sie den Eindruck hat, ich führe hier ein tolles Leben und sie sitzt in Afghanistan fest». Er weiß, dass seine Frau sich wahrscheinlich für ihn freuen würde. Trotzdem kennt er die Gedanken und Gefühle, die in ihrer Situation entstehen können. «Sie kann ja nicht einfach rausgehen, arbeiten, reisen oder sich ein eigenes Leben aufbauen», erklärt er. «Sie lebt in einem Gefängnis.»
Früher erzählte er ihr von Hamburg, zeigte ihr die Stadt und berichtete von seinem Alltag. Damals glaubten beide noch daran, dass sie bald zusammen sein würden. Aus diesem «bald» wurden Jahre. Und mit voranschreitender Zeit wurde es immer schwieriger, sie an seinem Leben teilhaben zu lassen.
Ein Versprechen, das bleibt
Dieses Leben, das er sich hart erkämpft hat, besteht längst aus vielen weiteren Kämpfen: Karim arbeitet in Vollzeit, zahlt Miete und Steuern, unterstützt seine Familie und Frau finanziell und macht zusätzlich einen Minijob, um die Kosten für Visa, Reisen und ihren möglichen Weg nach Deutschland zu finanzieren. Ihr gegenüber den Optimismus zu bewahren, ist nicht immer einfach. Immer wieder hat er ihr versprochen, dass alles gut wird, dass sie irgendwann zusammen sein würden. «Und dann sagt sie immer: Du hast mir viel zu viel versprochen», berichtet er. Das tut ihm so leid. «Ich habe alles gemacht, alles gegeben. Und ich bin immer noch optimistisch.»
Während Karim in Deutschland versucht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, kann Fatima nur darauf hoffen, dass sich irgendwo eine Tür öffnet. Dass ein Visum möglich wird. Dass ein Dokument anerkannt wird. Gleichzeitig wartet Karim auf seine Einbürgerung. Mit einem deutschen Pass, glaubt er, würde sich die Situation seiner Frau vielleicht grundlegend verändern.
Karim kennt andere Geflüchtete, die an dieser Ungewissheit zerbrochen sind. Manche hätten den Kontakt zu ihren Partnerinnen oder Partnern verloren, andere hätten mit Drogen angefangen. Dabei quält ihn nicht nur die Angst um seine Frau. Er fühlt sich auch schuldig, weil er in Sicherheit lebt, und sie nicht.
Die Frauen in Afghanistan haben jeden Tag Angst um ihr Leben
Seine Geschichte ist längst keine private Angelegenheit mehr für ihn. Wird in Deutschland über Geflüchtete gesprochen, sagt er, würde oft vergessen, warum Menschen ihre Heimat überhaupt verlassen, was sie auch aufgeben. «Niemand will seine Wohnung, sein Land, seine Familie einfach zum Spaß zurücklassen. Die hatten keine andere Möglichkeit.»
Besonders schwer fällt ihm, dass die Situation der Frauen in Afghanistan schon so lange anhält und wenig mediale Aufmerksamkeit bekommt. Seine Frau durchlebt die Folgen der Taliban-Herrschaft nicht als Schlagzeile, sondern jeden einzelnen Tag. Karim sagt: «Jeden Tag hat sie Angst um ihr Leben, wenn sie nach draußen geht, deswegen verlässt sie das Haus fast gar nicht mehr. Es gibt keine Zukunft.»
«Ich kämpfe noch immer»
Für ihn ist Afghanistan keine ferne politische Krise. Afghanistan ist der Ort, an dem die Frau lebt, die er liebt. Die Frau, mit der er seit 2013 zusammen und seit 2021 verheiratet ist. Die ihn durch die schwersten Jahre begleitet hat, obwohl sie selbst kaum Möglichkeiten hatte, etwas an ihrer Situation zu ändern. Und solange sie dort ist, fühlt sich auch sein eigenes Leben in Deutschland nicht vollständig an. Er arbeitet, schmiedet Pläne, baut sich eine Zukunft auf. Aber der für ihn wichtigste Teil dieser Zukunft wartet hinter einer Grenze auf ihn.
«Ich kämpfe noch immer», sagt er. Und in diesem Satz steckt beides: die Erschöpfung der vergangenen Jahre – und die Hoffnung, dass es irgendwann nicht mehr nur ums Warten geht, sondern endlich um ein gemeinsames Leben.
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