Weinberge, Bergdörfer und gutes Essen: Zum Schlemmen nach Slowenien

Zum Schlemmen nach Slowenien? Ganz genau. Zwischen Alpen und Adria hat sich ein Paradies für Foodies entwickelt. Unsere Autorin Nina Berendonk ging auf Entdeckungstour.
 

Bloß nicht nach unten schauen! Lieber auf die Stufen, die sich in engen Schleifen in Richtung des blauen Himmels hinaufschrauben, 23 Meter in die Höhe. Und dabei hoffen, dass mir nicht allzu viele Menschen von oben entgegenkommen. Der Gonjače-Aussichtsturm ist nämlich verdammt schmal konstruiert: Wie eine überdimensionale Schraube aus Beton bohrt sich das brutalistische Bauwerk aus den 1960ern in eine Erhöhung über Goriška Brda an der Grenze zu Italien.

Am Ende aber stehe ich mit leicht zitternden Knien auf der obersten Plattform und werde mit einem wunderschönen Rundum-Panorama belohnt. Unten auf dem Parkplatz verkaufen Frauen an grob gezimmerten Ständen Honig und luftgetrocknete Kaki-Früchte, die hier dank des mediterranen Klimas überall an Bäumen wachsen. Rund um den Turm breitet sich eine sanft hügelige Spielzeug-Landschaft aus, mit Weinbergen und silbrig-grün schimmernden Olivenbäumen. Dazu Bergdörfer, die sich um Kirchtürme scharen. Kein Wunder, dass Goriška Brda auch die «slowenische Toskana» genannt wird.

Ehemaliges Jagdschloss
Herrschaftlich: Das ehemalige Jagdschloss des Grafen von Görz ist heute eine beliebte Hochzeitslocation.
© Florian Generotzky

Aber was ist das Weiße da am Horizont? Etwa Schnee? Tatsächlich, eine Steinplatte mit eingravierten Ortsnamen auf der Aussichtsplattform verrät es: Dort hinten liegen die Julischen Alpen mit dem Triglav, dem mit fast 2900 Metern höchsten Berg des Landes. Nach Italien könnte man, so scheint es, fast einen Kaki-Kern hinüberspucken. «Und da hinten ist das Meer», sagt eine ältere Frau zu ihrem Mann und zeigt nach Süden. Das sieht man zwar heute leider nicht – aber mit dem Auto wäre man in einer schlappen Dreiviertelstunde an der Adria.

Wein, Sonne und Olivenbäume

Die schönste Art, die Spielzeug-Landschaft von Goriška Brda zu erkunden, ist das Fahrrad. «Aber nur mit Elektro-Motor!», ergänzt Vesna Valentinčič und lacht über das ganze Gesicht. Meine Reiseführerin steht in Funktionskleidung beim Fahrrad-Verleih des mittelalterlichen Dörfchens Smartno, das man vom Turm aus sehen konnte. «Bei uns geht es die ganze Zeit bergauf und bergab.» Vesna untermalt ihre Worte mit den gebräunten Händen. Dann zischt sie auch schon mit kräftigen Tritten in die Pedale, die Anhöhe hinunter, auf der Smartno liegt, in Richtung Weinberge.

23 Stundenkilometer halten Vesna nicht davon ab, ihren Job zu machen: «Seht ihr die Rosenbüsche vor den Reben?», ruft sie gegen den Fahrtwind. «Das sind unsere natürlichen Alarmanlagen. Rosen reagieren empfindlich auf Schädlinge. Wenn sie nicht gut aussehen, wissen wir, dass wir uns sofort um unsere Reben kümmern müssen.» Denn die sind wertvoll. Einige slowenische Trauben sind autochthon, wachsen also seit langer Zeit nur hier. Der große Stolz der Goriška Brda und des angrenzenden Vipava-Tals ist der Rebula, ein Weißwein, dessen Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht. Viele Winzer lassen ihn mitsamt den Schalen gären, was dem Wein einen dunklen Orange-Ton und eine kräftige Note verleiht.

Weinkeller von Aleks Simčič
In vino veritas: Winzer Aleks Simčič in seinem Weinkeller.
© Florian Generotzky

Auch Vesnas Familie stellt ihren eigenen Wein her. Immer wieder grüßt sie unterwegs Bekannte, die in den Weinbergen arbeiten, winkt Winzerinnen zu, die schmale Traktoren durch die Reben hindurchsteuern, die Köpfe mit bunten Tüchern gegen die Sonne geschützt.
Später biegt Vesna schwungvoll in den Hof von Aleks Simčič in Vipolže ein. An ein altes Wohnhaus schließt sich ein moderner Anbau an, von der Terrasse schweift mein Blick in die Weite über Reben und bewaldete Hügel. 

Das Weingut ist eines der renommiertesten in Slowenien. Seine Rot- und Weißweine, bei deren Herstellung völlig auf Chemie verzichtet wird, sind auch international sehr beliebt. Auf den Tischen warten Schälchen mit regionalem Käse und Schinken, frisch gebackenes Holzofenbrot und Olivenöl aus der Region. Aber vorher möchte Aleks, der das Gut heute mit seinen erwachsenen Söhnen führt, noch einen wichtigen Ort zeigen. Er geht voraus in einen ebenerdigen Gewölbekeller und deutet auf ein Foto an der Wand. Es zeigt seinen Vater Edi, der vor Kurzem gestorben ist, hochbetagt. «Hier in Omas Haus hat mein Vater in den 1980er-Jahren wieder angefangen, ein paar Flaschen eigenen Wein zu keltern.»

Gonjače-Turm Slowenien
Highlight: Der Gonjače-Turm ist nichts für Höhenängstliche – aber die Aussicht einfach wunderbar!
© Florian Generotzky

Gutes Essen gehört zur Kultur

Slowenien gehörte 46 Jahre lang zum sozialistischen Jugoslawien. Für die Planwirtschaft mussten die alten Olivenbäume der Goriška Brda großen Sonnenblumenfeldern weichen und die Winzer der Region beträchtliche Teile ihrer Ernte abgeben. Aber Edi Simčič wollte Klasse statt Masse herstellen – und gleichzeitig das Auskommen der Familie sichern. Nach der slowenischen Unabhängigkeitserklärung 1991 standen viele Bauernhöfe in der Gegend leer, ihre Bewohner waren ausgewandert, auf der Suche nach Arbeit «bis nach Argentinien», erzählt Aleks und streicht sich über den grau melierten Bart. Doch die Simčičs sind geblieben und haben mit dem gearbeitet, was sie hatten: traditionelles Wissen, Qualitätsbewusstsein, die Liebe zu guten, regionalen Lebensmitteln.

Die Geschichte der Familie Simčič ist typisch für dieses kleine Land, das in seiner Vergangenheit so oft hin- und hergerissen war zwischen den Besitzansprüchen verschiedener Großmächte. Ihre Identität, sagen viele Slowenen, hätten sie trotzdem nie verloren. Fragt man Ana Roš, wie sie das Wesen ihrer Landsleute charakterisieren würde, muss sie nicht lange überlegen. «Wir essen gern», sagt sie und lacht, dass die hellblonden Locken hüpfen, «und wir teilen unser Essen gern, damit wir mehr Gerichte probieren können.»

Teller mit Garnelen
Augenschmaus: Die Gerichte vom Sterne-Koch Uroš Fakuč sind Kunstwerke. Wie hier die grünen Gnocchi mit Garnelen.
© Florian Generotzky

Salat zum Beispiel wird in einer großen Schüssel in die Mitte des Tisches gestellt, jeder angelt sich mit seiner Gabel den nächsten Bissen heraus. «War ein bisschen blöd während Covid», sagt Ana und schlägt die Hand vor die Augen – ihre Finger zieren tätowierte Blüten. Die Köchin ist das bekannteste Gesicht des noch ziemlich neuen slowenischen Fine Dinings – ihr Restaurant «Hiša Franko» in Kobarid, am Fuße der Julischen Alpen, ist das erste mit drei Michelin-Sternen im Land. Denn so gern man hierzulande gut isst – den Stolz auf ihre traditionelle Küche mussten sich die Slowenen nach dem Zerfall Jugoslawiens erst wieder zurückerobern.

«Durch die Enteignung vieler Bauern haben wir den Kontakt zu unseren lokalen Erzeugnissen verloren», erzählt Ana. «Dabei ist unsere Küche so reich – sie ändert sich quasi von Dorf zu Dorf.» Die Gegend von Kobarid zum Beispiel ist berühmt für ihren Käse, die Süßwasserfische aus dem gletscherbonbonfarbenen Gebirgsfluss Soča, das Wild aus den riesigen unberührten Waldgebieten, in denen Wölfe und Bären leben. In der slowenischen Steiermark wachsen Riesling und Muskateller, Richtung Adria dagegen isst man wie im Nachbarland Italien. Anas Mutter stammt aus der Hafenstadt Koper und hat früher oft Brodetto für die Töchter gekocht, einen Fischeintopf.

Ein etwas anderes Abendessen

«Alpin-mediterran» nennt die studierte Diplomatin und Küchen-Autodidaktin Ana die slowenische Küche, die sie im «Hiša Franko» serviert. Seit zwei Jahren kann man die auch im Zentrum der Hauptstadt Ljubljana genießen, wo die Küchenchefin 2023 ihr Restaurant «Jaz» eröffnete. Draußen flaniert ein studentisch geprägtes Publikum über das Kopfsteinpflaster am Fluss, begleitet von Livemusik und Gläserklingen aus Bars und Gastgärten. Drinnen steht man zunächst vor einem roten Samtvorhang. Auf einem Tischchen warten ein Holz-Xylofon und ein zweisprachiges Kärtchen: «Zaigraj svoj vstop – play for entry». Schlägt man mit den Klöppeln ein paar Töne an, wird der Vorhang auseinandergezogen, eine junge Mitarbeiterin geleitet an den Tisch.

Kongressplatz Ljubljana
Flaniermeile: Der Kongresni – Kongressplatz – in Ljubljana
© Florian Generotzky

Der leichte, humorvolle Ton ist gesetzt – und zieht sich auch durch die Gerichte, die Ana Roš aus der offenen Küche auf die Marmorplatten der großen runden Tische schickt. Ceviche mit fermentiertem Pfirsich, Sauerklee und gepufftem Buchweizen; Risotto mit Pfifferlingen und Löwenzahn; ein Nachtisch, bei dem sich der traditionelle slowenische Nusskuchen Potica unter zart salzigem Ziegenmilchschaum versteckt. Das ist fantasievoll und spannend zu essen, dabei aber nie überkandidelt. Und vor allem: bezahlbar. Unnötig zu sagen, dass die Chefin sich wünscht, dass die Speisen geteilt werden.

Am Ende meiner Slowenienreise sitze ich im «Jaz» und schwanke innerlich. Soll ich zu Hause allen erzählen, wie schön dieses Land ist, wie freundlich und lustig die Menschen, wie köstlich das Essen selbst in unscheinbaren Restaurants in den Bergen? Dann würde es vielleicht irgendwann sehr, sehr voll hier … Aber dann denke ich an Ana und die slowenische Essenstradition und weiß: Geteilte Freude ist doppelte Freude – mindestens!

Ninas Tipps für Slowenien

Hinkommen und Rumkommen: 

Ljubljana erreicht man gut per Zug (z. B. mit dem Nachtzug von München oder Berlin aus; ab 35 Euro im Super Sparpreis Europa) oder Bus (z. B. FlixBus, ab ca. 35 Euro). Direktflüge gibt es z. B. von Frankfurt oder München aus (ab ca. 130 Euro mit Austrian Airlines oder Lufthansa). Slowenien ist zwar klein, aber innerhalb des Landes bewegt man sich am besten mit dem (Miet-)Auto.

Übernachten:

Hiša Franko. Wer mag, kann nach dem Essen in Ana Roš’ Sternerestaurant auch in einem der zehn Zimmer des historischen Gasthofs übernachten. Und so richtig runterkommen: Hier gibt es keine Fernseher und so wenig Elektronik wie möglich. Braucht man auch nicht bei der umgebenden Natur des idyllischen Soča-Tals. DZ/F ab 150 Euro (Kobarid, Staro Selo 1, Tel. 05/389 41 20, hisafranko.com).

Alma Vista. Aleks Simčič bietet auch Urlaub auf seinem Weingut an. Gäste wohnen in einer modernen Architekten-Villa mit Pool inmitten der Weinreben. Im Haus werden drei verschiedene Frühstücksvarianten serviert. Je nach Saison ab ca. 450 Euro pro Nacht für 4–6 Personen, Frühstück 20 Euro p. P. (Dobrovo, Vipolže 38, Tel. 030/60 25 64, edisimcic.si).

Genießen:

Hiša Franko. Ana Roš’ Sterne-Restaurant liegt in einem historischen Gasthof aus dem 19. Jahrhundert. Ein saisonales Tasting-Menü kostet um die 325 Euro, Weinbegleitung ca. 190 Euro, alkoholfreie Begleitung ca. 135 Euro (Kobarid, Staro Selo 1, Tel. 05/389 41 20, hisafranko.com).

Jaz. Szenig-cool im Herzen des Ausgehviertels von Ljubljana. Das Degustationsmenü kostet um die 220 Euro, ein Drei-Gänge-Menü ca. 55 Euro, ein Glas Wein ab ca. 8 Euro. In beiden Restaurants sowie im Gästehaus unbedingt online reservieren (Čopova ulica 5a, Tel. 01/547 66 62, jaz.anaros.eu).

Streetfood Markt. Von Mitte März bis Oktober findet man diesen wunderbaren Genuss-Ort jeden Freitag zwischen den Drei Brücken und dem Zentralmarkt in Ljubljana. Hier bieten Wirtinnen und Wirte aus ganz Slowenien verschiedene Streetfood-Gerichte an. Besonders schön in der Sonne Kaffee oder Sprizz trinken kann man in Ljubljana gleich gegenüber unter den offenen Kolonnaden der Plečnikove arkade (visitljubljana.com).

Erleben:

Die Burg von Ljubljana. Für die Einwohnerinnen und Einwohner der Hauptstadt ist sie viel mehr als ein Wahrzeichen: Neben einem tollen Blick über die Stadt und viel Wissenswertem zur Geschichte der Festung gibt es ein Café, Kunstausstellungen, Open-Air-Kino und viele andere Kultur-Events. Man kann entweder hochspazieren (ca. 10–15 Minuten vom Zentralen Marktplatz aus) oder die Standseilbahn vom Krekov trg aus nehmen (Grajska planota 1, ljubljanskigrad.si).

Wasserfall des Flusses Soča
Magisch: Das Wasser des Flusses Soča leuchtet türkisgrün.
© Florian Generotzky

Nationalpark Triglav. 880 Quadratkilometer groß und toll zum Wandern und Fahrradfahren – zum Beispiel am Fluss Soča entlang (soca-valley.com).

Nova Gorica und die italienische Zwillingsstadt Gorizia waren lange durch den Eisernen Vorhang getrennt. Nova Gorica wurde von einem slowenischen Le-Corbusier-Schüler als Mustersiedlung am Reißbrett entworfen; nur ein paar Meter weiter steht man in der typisch italienischen Altstadt von Gorizia (slovenia.info).

Museum Kobarid. Wer ansatzweise begreifen will, wie bewegt und tragisch die slowenische Geschichte war, sollte sich die Hauptausstellung anschauen. Sie widmet sich dem lang verdrängten Kapitel der Isonzo-Front während des Ersten Weltkriegs in den Bergen oberhalb des Örtchens (Gregorčičeva ulica 10, Tel. 05/389 00 00, kobariski-muzej.si).

Einkaufen:

Slowenien Concept Store
Es ist schwer, aus «Ika» wieder rauszugehen, ohne etwas zu kaufen. Der Concept Store in Ljubljana hat ausschließlich junges slowenisches Design im Angebot (Ciril-Metodov trg 13, Tel. 01/232 17 43, trgovinaika.si)
© Florian Generotzky

Galerija Emporium. Das herrlich altmodische Kaufhaus liegt am Prešeren-Platz von Ljubljana und ist ein Architektur-Juwel im Wiener Secessionsstil. Drinnen sind die Entwürfe slowenischer Designerinnen und Designer interessant – und das elegante Art Nouveau-Interieur (Prešernov trg 5a, Tel. 041/ 37 75 00, galerijaemporium.si).

Telefon:

Die internationale Vorwahl für Slowenien lautet 00386.

Mehr Infos findet ihr hier: slovenia.info

Hätte ich das gewusst…

Ältere Slowenen sind oft glühende Volksmusik-Fans – und wahnsinnig stolz auf ihre «Oberkrainer», die auch auf Deutsch singen. Wenn man selbst eher nicht aufs Jodeln steht, sollte man dieses Thema weiträumig umschiffen.

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert