Manche Bücher gleichen einem Erdrutsch, der Konstruktionen einstürzen lässt, die wir für unumstößlich hielten, und zum Vorschein bringen, was sich darunter verbarg. So wie «The Overstory» von Richard Powers.
«Du und der Baum in deinem Garten stammt von einem gemeinsamen Vorfahren ab. Vor eineinhalb Milliarden Jahren haben sich eure Wege getrennt. Aber selbst heute, nach einer gewaltigen Reise in unterschiedliche Richtungen, teilen du und jener Baum immer noch ein Viertel eurer Gene.»
Lese ich diese Zeilen aus «The Overstory» (deutscher Titel: «Die Wurzeln des Lebens«), bekomme ich eine Gänsehaut und feuchte Augen. Das Buch hat mich begreifen lassen, dass ich das jüngste Kind einer Familie bin, die ich bislang nicht als solche gesehen habe, obwohl ich ohne sie nicht sein könnte. Eine bunte Familie, der anzugehören mich mit Stolz und Zuversicht erfüllt. Alle Menschen sind meine Geschwister, ebenso wie Ameisen, Pinguine, Rotbarsche, Kastanien und Nelken. Unsere Eltern heißen Leben und Welt, ein magisches und äußerst fruchtbares Paar, das uns alle hervorgebracht hat.
Acht Geschichten, eine Verbindung
In seinem Roman «The Overstory» erzählt Autor Richard Powers acht Geschichten über verschiedene Charaktere, die zum Teil zusammenlaufen und zu einer werden oder in abstrakterer Weise miteinander verbunden sind.
Zum Beispiel sehen wir Adam Appich aufwachsen, der sich schon als Kind mehr dafür interessiert, wie sich Ameisen organisieren, als für das, was seine Geschwister und Mitschüler cool finden. Als beim Einpflanzen des Geburtsbaumes seines Bruders etwas schiefgeht, rechnet der sensible Junge mit dem Schlimmsten: «Adam wartet, Monat für Monat, dass der erstickte schwarze Walnussbaum stirbt und sein Bruder mit ihm […]. Doch beide überleben, was für Adam beweist, dass das Leben etwas zu sagen versucht, das niemand hört.» Später wird Adam Psychologe und widmet seine Forschung der Frage, was Menschen daran hindert, das Offensichtliche zu sehen.
Wir lernen außerdem Nick Hoel kennen, dessen Vorfahren einst mehrere Kastanien auf ihrem Land pflanzten. Nur eine überlebte, das allerdings mehr als ein Jahrhundert länger als Tausende Kastanienbäume in ganz Nordamerika, die einer unbezwingbaren Seuche zum Opfer fielen. Jahrzehntelang fotografierten Nicks Vater, Großvater und Urgroßvater jeden Monat diesen Baum und vererbten Nick neben einer dicken Sammlung Fotos eine Gabe, der er selbst schließlich als Künstler Ausdruck verleiht: Zu sehen und für andere sichtbar zu machen, woran die meisten Menschen blind vorbeilaufen.
Mimi Ma, Neelay, Ray und Dorothy, Douglas, Olivia und Patricia, von der meine oben zitierten Gänsehautzeilen stammen, Richard Powers Charaktere haben unterschiedliche Biografien, Eigenschaften, Nationalitäten und Sichtweisen, doch eines ist allen gemeinsam: Ihre Beziehung zu Bäumen bestimmt in der einen oder anderen Weise ihren Lebensweg – womöglich allerdings nur etwas offensichtlicher als bei vielen anderen Menschen.
Ein ausgezeichnetes Buch der Offenbarungen
Während wir den Protagonist:innen und Handlungssträngen folgen, offenbaren sich Erkenntnisse und Wahrheiten, an denen wir in unserem Alltag meist vorbeilaufen. Zum Beispiel die, dass der Natur eine Intelligenz innewohnt, die wir zu achten unsere Intelligenz zu wenig nutzen – vielleicht steht sie uns dabei sogar im Weg. Oder die, dass wir Menschen die Erde mehr brauchen als sie uns, auch wenn wir so tun, als könnten und müssten wir sie retten. Das Buch hat mich begreifen lassen, dass es vernünftig ist, an das Unmögliche zu glauben, weil das Leben uns wieder und wieder beweist, dass es die Eigenart hat, Undenkbares wirklich zu machen. Es hat meine Sicht auf den Tod verändert, mich mit ihm versöhnt.
«The Overstory», was im Englischen in einem Wald den Bereich der Baumkronen bezeichnet, hat 2019 den Pulitzer-Preis für Literatur bekommen, und ich verstehe, warum. Es hat die Kraft, unsere Ordnung zum Einsturz zu bringen und uns diesen wundersamen Ort sehen zu lassen, den sie verbirgt. Dabei müssen wir zwar die Illusion aufgeben, wir wären die Krone, doch wir gewinnen etwas, das mehr wert ist als Macht und Reichtum: echte Teilhabe an einem riesengroßen, unzerstörbaren Wunder.
Quelle: .



