Die Phase, in der Kinder einfach nur Kind sein dürfen, scheint immer kürzer zu werden. Ein krasses Beispiel ist North West: Die 13-jährige Tochter von Kim Kardashian und Kanye West kam allein zur Pariser Fashion Week – gestylt wie eine Erwachsene. Familienexpertin Nora Imlau erklärt im BRIGITTE-Interview, warum diese Entwicklung gefährlich ist und warum wir den Satz «Dafür bist du schon zu groß» dringend aus unserem Wortschatz streichen sollten.
BRIGITTE: Frau Imlau, wir sehen heute immer öfter Kinder, die wie kleine Erwachsene gestylt sind. Eltern wollen heute, dass ihre Kleinen cool aussehen, statt in bunten «Paw Patrol»-Shirts herumzulaufen. Ist das eine Abwertung des Kindseins?
Nora Imlau: Historisch gesehen war die Entdeckung der Kindheit als schützenswerter Lebensphase eine riesige kulturelle Errungenschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine regelrechte Renaissance dieser Idee: Kinder sollten es bunt haben, sie sollten krabbeln und klettern dürfen, ohne durch enge Kleidung eingeschränkt zu sein. In den 70er und 80er Jahren war Kindheit eine Welt voller Primärfarben und bequemer Latzhosen. Es war gesellschaftlicher Standard, dass man bis etwa 13 Jahren einfach ein Kind war. Doch in den letzten 20 Jahren hat sich etwas verschoben.
Woran liegt das? Warum freuen wir uns heute, wenn unsere Kinder «weit für ihr Alter» und möglichst früh selbstständig sind?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der oft das Gefühl herrscht: Je schneller mein Kind erwachsen wird, desto besser kann es später bestehen. Dieser Förderdrang beginnt oft schon im Babyalter – das Kind soll als Erstes krabbeln, als Erstes sprechen und mit vier Jahren schon Buchstaben kennen, um in der Schule vorne mit dabei zu sein. Kindheit wird fast schon als Zeitverschwendung betrachtet, wenn sie nicht einem Ziel dient. Dazu kommt eine ästhetische Anpassung an die Erwachsenenwelt: Spielzeug muss heute oft in Pastell- oder Beigetönen gehalten sein, damit es zum Farbkonzept des Wohnzimmers passt.

© Nessi Gassmann
Das klingt nach einem enormen Druck – nicht nur für die Kinder, sondern auch für Eltern.
Absolut. Wir messen Kinderkleidung oft nicht mehr daran, ob sie bequem ist, sondern daran, ob sie uns Erwachsenen gefällt. Kinder haben extrem feine Antennen für unsere Erwartungen. Wenn sie spüren, dass Mama das schicke Hemd oder die stylische Frisur besonders toll findet, kopieren sie diese Präferenzen, um uns glücklich zu machen. So entsteht ein aggressives Gendermarketing: Jungs sehen aus wie kleine Männer, Mädchen tragen Crop-Tops. Wir signalisieren ihnen unbewusst: Wir können es kaum abwarten, dass du endlich groß und kompetent bist. Dabei ist diese anarchische Kindheit, in der nichts zusammenpassen muss und nichts einem höheren Ziel dient, so wertvoll für die Selbstfindung.
Ein extremes Beispiel ist North West, die 13-jährige Tochter von Kim Kardashian. Sie steht als Rapperin bereits auf großen Bühnen, wird geschminkt und wie ein Superstar vermarktet. Gerade erschien sie allein – mit Piercings und falschen Wimpern – bei der Pariser Fashion Week. Was macht das mit der Psyche eines Kindes?
13 ist ein extrem vulnerables Alter, die Schwelle zur frühen Pubertät. In dieser Phase brauchen junge Menschen einen Schutzraum, um herauszufinden, welche kindlichen und welche jugendlichen Anteile sie in sich tragen. Wenn ein Kind in diesem Alter in eine Erwachsenenrolle gedrängt wird, kann sich das anfangs attraktiv anfühlen, weil die Eltern ihm viel zutrauen. Aber es nimmt ihnen den Raum, selbst zu entdecken, wer sie sein wollen. Wer direkt vom Kind zum Erwachsenen transferiert wird, rutscht oft mit Mitte 20 in eine Krise, weil eine ganze Lebensphase fehlt. Auch wenn es so wirken mag, als wolle North West diese erwachsene Rolle als Rapperin oder Fashion-Ikone, entscheidet sich ein 13-jähriges Kind nicht aus freien Stücken dazu. Vielmehr fühlt es sich in dieser Rolle in einem unsicheren Umfeld am ehesten sicher.
Drängen wir unsere Kinder heute auch unbewusst dazu, schneller groß zu werden, weil viele Mütter durch die Doppelbelastung so am Limit sind?
Ja, absolut. Die subjektive Belastung von Familien ist massiv gestiegen, was auch an dem enormen Anspruch des sogenannten Intense Parenting liegt. Wir haben heute das Gefühl, dass wir zu 100 Prozent präsent sein müssen und die Elternschaft fast wie ein Projekt managen, bei dem das Kind nicht einfach nur mitläuft.
Das führt dazu, dass wir uns oft unbewusst wünschen, das Kind würde bestimmte Spielwelten schneller hinter sich lassen, weil sie für uns Erwachsene schlichtweg langweilig sind. Wir haben dann keine Lust mehr auf das hundertste Mal «Tempo, kleine Schnecke» und fangen vielleicht schon viel zu früh mit «Harry Potter» an, weil wir selbst mehr Lust darauf haben.
Eltern sollten sich also vielmehr zurückhalten?
Genau. Früher, etwa in den 50er Jahren, war es gar nicht die Aufgabe der Mutter, auf dem Boden zu sitzen und Autos hin und her zu schieben – die Kinder haben einfach miteinander gespielt. Heute machen wir das gemeinsame Spiel zu einem Leistungs- und Bindungsbaustein, sind dann aber von der Repetition genervt. Mein Rat für überlastete Eltern ist daher mehr Hands-off-Parenting: Wir dürfen liebevoll und zugewandt sein, aber das Spiel sollte wieder primär die Aufgabe der Kinder werden.
Können Trennungen eine solche Entwicklung beschleunigen, weil Eltern ihrem Kind aus einem schlechten Gewissen heraus besonders viel erlauben?
Gerade bei komplizierten Trennungen – wie es wohl auch bei Kim Kardashian und Kanye West der Fall war – fühlen sich Kinder oft gezwungen, früher erwachsen zu werden, um den Stress auszuhalten. Die Trennung kam vor vier Jahren, damals war North West erst neun. Solche späten Brüche kurz vor der Pubertät können besonders disruptiv sein. Kanye West ist zudem ein extrem instabiler Vater, der unter psychischen Problemen leidet und oft unberechenbar agiert, beispielsweise indem er Absprachen nicht einhält. Dieser Stress führt bei Kindern oft dazu, dass sie das Gefühl haben, früher erwachsen werden zu müssen.
Weil sie die Situation sonst gar nicht aushalten?
Das nennt man Parentifizierung: Das Kind versucht, der stabile Pol in der Mitte zu sein. Es ist eine Überlebensstrategie des Nervensystems. Wenn Eltern dann sagen: «Mein Kind will das ja so», muss man klar sagen: Ein 13-jähriges Kind entscheidet sich nicht freiwillig dafür, erwachsen zu sein. Es fühlt sich in seinem unsicheren Umfeld oft nur in dieser Rolle sicher.
Wie reagiere ich, wenn mein Kind plötzlich alle Kuscheltiere aussortieren will oder sich plötzlich schminken möchte? Ab wann ist das normales Ausprobieren und was ist es zu viel zu früh?
Das Explorieren von Erwachsenenrollen gehört zur Selbstfindung dazu. Wir sollten Kinder nicht künstlich kleinhalten, aber wir müssen den Raum für die Gleichzeitigkeit halten. Es muss völlig okay sein, dass ein Teenager tagsüber geschminkt in die Schule geht und abends noch mit dem Teddy im Arm vorgelesen bekommen möchte.
Haben Sie einen praktischen Rat für Eltern, die Angst haben, dass ihr Kind zu schnell groß wird?
Wir sollten den Satz «Dafür bist du doch schon zu groß» komplett aus unserem Wortschatz streichen. Wenn ein zehnjähriges Kind noch einmal ein Wimmelbuch herausholt, ist das eine wichtige Sehnsucht nach Geborgenheit. Ich habe selbst fünf Kinder, und mein zehnjähriger Sohn liest komplexe Bücher, aber manchmal gucken wir abends zusammen ein textfreies Bilderbuch an. Diese Möglichkeit, jederzeit in die Kindheit zurückkehren zu können, macht den Unterschied.

Oft sortieren wir Spielsachen ja auch aus Pragmatismus aus – oder weil wir stolz sind, dass das Kind jetzt schon «Lego Technik» statt Duplo spielt. Sind wir da zu voreilig?
Ja, oft wird das Duplo mit drei Jahren weggegeben, weil das Kind jetzt schon kleine Legos bauen kann. Aber für die Entwicklung ist es wichtig, auch mal zum Babyspielzeug zurückzukehren. Wenn der Impuls vom Kind kommt, all seine Kuscheltiere auszusortieren, ist das ein wichtiger Ritus. Aber man darf sanft anbieten: «Ich packe dein Lieblingskuscheltier in eine Kiste und verstaue es auf dem Dachboden. Vielleicht bist du irgendwann dankbar, dass ich es aufgehoben habe». Wir bestimmen nicht, wann eine Phase endet – das entscheiden unsere Kinder.
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