Cornelia Koch, 60, ist von ihrer Heimat Potsdam in gut fünf Monaten durch Deutschland und Frankreich allein bis nach Santiago de Compostela gelaufen. Wie hat diese Reise ihr Leben verändert?
BRIGITTE: Was hat Sie bewogen, sich zu Fuß auf einen mehrere Tausend Kilometer langen Weg durch Europa zu machen?
Cornelia Koch: Eigentlich wollte ich vor meinem 60. Geburtstag nur von Potsdam nach Bad Salzuflen laufen, wo ich aufgewachsen bin. Ich wollte herausfinden, wie ich die geworden bin, die ich bin. Doch dann sind meine Schwester und eine gute Freundin gestorben und eine Liebesgeschichte hatte sich völlig unerwartet in Luft aufgelöst. Das alles wollte ich in Ruhe verarbeiten und ich merkte, dass die paar Wochen, die ich bis Ostwestfalen brauchen würde, dafür nicht reichen. Pilgern wollte ich eigentlich nie, aber das Thema begegnete mir immer wieder. Und da es dabei nicht nur ums Laufen, sondern auch ums Suchen und Finden geht, nahm ich mir schließlich sechs Monate Auszeit, um bis Santiago de Compostela zu wandern.
Da waren Sie 57 und haben pro Tag bis zu 30 Kilometer mit Rucksack und Zelt auf dem Rücken bewältigt. Wie kam es, dass Sie so fit waren?
Ich mache schon mein Leben lang gerne Sport. Früher Leichtathletik und Reiten, heute jogge und wandere ich und im Sommer schwimme ich viel. Auf dem Jakobsweg fing ich dann erstmal mit rund 15 Kilometern am Tag und einem Ruhetag pro Woche an, um Übermüdungsverletzungen zu vermeiden. Dann wurde ich automatisch immer fitter.
Gab es Situationen, in denen Sie an Ihre Grenzen gekommen sind oder vielleicht sogar darüber hinaus?
In Frankreich hatte ich eine psychische und physische Krise, weil ich mich völlig übernommen hatte. Aus der Not heraus sagte ich mir: Vergiss die Idee, dass du immer lebensklüger wirst. Schau einfach von Tag zu Tag, und wenn du es nicht bis Santiago schaffst, dann ist das eben so. Ich habe losgelassen. Und von dem Augenblick, in dem ich mich vom Müssen verabschiedet habe, lief es wieder: Die Beine funktionierten und die Antworten kamen auch wieder.
Hatten Sie niemals Angst – beim wilden Zelten oder wenn Sie durch abgelegene Regionen gewandert sind?
Natürlich hatte ich manchmal Angst. Wenn plötzlich ein Lieferwagen im Wald steht, weiß man nie, wer da drinsitzt. Einmal musste ich auf eine einsame Strecke entlang einer stillgelegten Bahntrasse einbiegen. Da war ein Schrottplatz und die zwei Typen, die davorstanden, haben mich von oben bis unten gemustert.
Ist Ihnen etwas passiert?
Nein, nie. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen vielleicht doch besser sind, als man oft denkt. Ich habe so viel Hilfsbereitschaft und Mitdenken erlebt – vom angebotenen Kaffee morgens vor dem Zelt bis zum Knie, das mir Spanierinnen verbanden, nachdem ich gestürzt war. Das war einfach großartig.

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In Deutschland und Frankreich sind Sie streckenweise ganz allein gewandert, in Spanien ist der Jakobsweg längst zur Massenveranstaltung geworden. Wie war es, plötzlich im Pilgerrudel unterwegs zu sein?
Als ich in Spanien ankam, dachte ich, oh nein, wie furchtbar, das halte ich nicht aus: diese Massen, diese Pilgerautobahn entlang der Straßen, diese überfüllten Herbergen. Doch dann nahm ich das als neue Herausforderung an und ließ mich darauf ein. Ich bin aber auch immer ein bisschen zeitversetzt zu den anderen gegangen und hatte manchmal trotzdem Strecken für mich allein.
Erlebt man nicht auch Gemeinschaft auf dem Camino?
Abends tauscht man sich in den Pilgerherbergen aus: Was mache ich mit meinen Blasen? Mir tut der Rücken weh, hast du einen Tipp für mich? Und sich mit wildfremden Menschen über das Leben zu unterhalten, hat etwas wahnsinnig Verbindendes. Ich habe großartige Menschen kennengelernt. Mit etlichen bin ich bis heute in Kontakt und zum Teil sogar befreundet.
Wenn Sie zurückdenken: Was war Ihr größtes Glück? Haben Sie da ein Bild vor Augen?
Es gab viele kleine Dinge und es gab das große Glück. Das große Glück war, dass ich zum Schluss unerwartet das Gefühl hatte: Ich habe viel mehr gefunden, als ich gesucht hatte – das fehlende Puzzleteil, das aus meinem Leben ein Ganzes macht. Ich habe mit vielen Dingen meinen Frieden gemacht und mich mit mir selbst ausgesöhnt.
Und die kleinen Dinge?
Morgens völlig müde aufzustehen, die Schuhe anzuziehen, die Wanderstöcke in die Hand zu nehmen und zu denken: Geht doch, ich bin gesund und kann den ganzen Tag in der Natur laufen! Und am Abend treffe ich bestimmt nette Menschen – wenn nicht, stelle ich irgendwo mein Zelt auf. Das ist das kleine Glück, das ich gefunden habe und es war so viel größer, als ich dachte. Ich hatte nicht erwartet, dass dieses Vagabundenleben mich so zufrieden und glücklich machen würde.
Sie sprechen von dieser Wanderschaft als der wichtigsten Reise Ihres Lebens. Wie hat das Pilgern Sie verändert?
Ich bin die geworden, die ich bin. Es klingt abgedroschen, aber genau das ist es: Ich habe mich gefunden und bin bei mir angekommen.
Wurde das Pilgern auch zur spirituellen Erfahrung für Sie?
Ich bin aus persönlichen Gründen losgegangen, habe aber zu meinem Erstaunen festgestellt, dass die Reise immer spiritueller wurde. Ich habe meinen Tag gern mit einem Besuch in einer Kapelle oder Kirche begonnen. Und wenn da jedes Mal die Maria wartet und dich begrüßt, ist das fast wie nach Hause kommen. Ich kann jetzt ein bisschen besser verstehen, warum Menschen mit ihren Sorgen und Kümmernissen zu ihr gehen und eine Kerze anzünden. Und natürlich lässt die Messe am Ende in der Kathedrale in Santiago de Compostela mit ungefähr 2000 Menschen keinen Pilger unberührt. Das hat eine Kraft, die einen mitzieht.
Leben Sie heute ein anderes Leben als zuvor?
Vor der Reise habe ich 25 Jahre lang als Journalistin in einer tollen Redaktion gearbeitet. Nach meiner Rückkehr war ich nochmal ein Dreivierteljahr dort und habe dann ohne Netz und doppelten Boden gekündigt. Ich habe mein Buch geschrieben und bin glücklich, als Ersatzoma Zeit für die Enkeltöchter meiner Schwester zu haben und bekomme selbst bald ein Enkelkind. Und im Sommer will ich in meinem Häuschen in Südfrankreich ein Bed & Breakfast anbieten und Französischkurse für Ausländer:innen geben. Ich denke, das wird zum Leben reichen. Denn ich habe gemerkt: Um zufrieden und glücklich zu sein, brauche ich gar nicht so viel.
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