Franca Cerutti erklärt, woher dieses «Das bleibt nicht so»-Gefühl kommt.
Meist passiert es in einem richtig guten Moment. Die Beziehung läuft rund, der Urlaub ist gebucht, die Kinder sind gesund – und statt das zu genießen, meldet sich etwas anderes: eine innere Unruhe, ein Zusammenziehen, als müsste man sich ducken. Es gibt kein reales Problem, nur dieses nagende Gefühl: Das wird so nicht bleiben. Manche Menschen können ihre guten Phasen nicht auskosten, weil ihnen eine ahnungsvolle Sorge dazwischenfunkt. Als führe das Schicksal Buch und jede Freude müsse irgendwann beglichen werden.
Die psychologische Forschung nennt das «Fear of Happiness» – die tief sitzende Überzeugung, dass auf Freude unweigerlich etwas Schlechtes folgt. «Je glücklicher ich bin, desto mehr muss ich mit Schlimmem rechnen» – so lautet einer der Sätze, mit denen Forschende diese Haltung messen. Wer sich darin wiedererkennt, weiß: Das hat mit rationaler Vorsicht wenig zu tun. Und dennoch fühlt es sich an wie ein inneres Gesetz.

© Immo Fuchs
Vor allem Menschen, die in ihrer Kindheitemotionaler Kälte oder Abwertung ausgesetzt waren, entwickeln im Erwachsenenalter Angst vor dem Glück. Der Weg dahin führt über Beschämung: Wenn Leichtigkeit und Heiterkeit nicht willkommen waren, weil im Familiensystem jemand litt oder Ausgelassenheit bestraft wurde, wurde Glück irgendwann mit Schuld verknüpft. Pure Freude fühlt sich dann an wie etwas, das unangemessen ist und einem nicht zusteht. Der Körper reagiert mit Anspannung, Wachsamkeit, und manchmal mit dem Impuls, sich die gute Stimmung schnell wieder auszureden.
Angst vor dem Glück?
Diese unbewusste innere Dämpfung der guten Momente ist erst mal nachvollziehbar – wer sich nicht zu sehr freut, kann nicht so tief fallen. Aber wer emotional mit angezogener Handbremse unterwegs ist und sich Freude dauerhaft verkneift, verliert mit der Zeit genau die Ressource, die einen für schwere Phasen stärkt. Die Forschung zeigt: Die «Fear of Happiness» begünstigt langfristig depressive Symptome. Der vermeintliche Schutz wird selbst zur Belastung.
Und jetzt? «Freu dich doch» wird auf Anhieb nicht funktionieren. Es geht eher um die schrittweise Bewusstwerdung: Was passiert eigentlich in mir, wenn es mir gut geht? Und wovor genau will mein innerer Alarm mich schützen? Es geht darum, die Erfahrung zuzulassen, dass Glück zu empfinden heute sicher ist – auch wenn sich das zunächst fremd anfühlt. Freude auszuhalten ist für manche von uns das Mutigste überhaupt.
Quelle: .


