Gendermedizin: "Frauen sind keine kleinen Männer"

…sagt die Herzchirurgin und Gendermedizinerin Prof. Dr. Sandra Eifert – und erklärt, was wir brauchen, um gesund alt zu werden.

 

BRIGITTE: Die Longevity-Szene dreht sich viel um Biohacking, also Selbstoptimierung, Wearables wie Smartwatches und Muskeln. Mein Eindruck ist: Das holt viele Frauen nicht so richtig ab.

Prof. Dr. Sandra Eifert: Das stimmt. Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit Geschlechterunterschieden in der Medizin und habe festgestellt: Männer sind eher fokussiert auf das Ziel, das sie erreichen wollen, ihnen muss man Fakten zeigen. Frauen mögen dagegen sympathische Menschen um sich haben, sie wollen kooperieren. Ihnen hilft es, wenn die Inhalte emotional aufbereitet sind. Auch der Alterungsprozess läuft bei Männern und Frauen nicht gleich ab.

Frauen und Männer altern unterschiedlich

Gendermedizin: Prof. Dr. Sandra Eifert
Prof. Dr. Sandra Eifert ist Oberärztin am Herzzentrum Leipzig und Leiterin der Frauenherzsprechstunde am Herzzentrum der Universität Leipzig.
© C. Bertelsmann Verlag

Frauen altern anders?

Frauen sind keine kleinen Männer. Sie leben einerseits deutlich länger, andererseits verbringen sie die letzten Lebensjahre, besonders jenseits der 70, mit mehr Erkrankungen. Frauen haben zwei klare biologische Vorteile gegenüber Männern: Zum einen die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron, die viele Jahre gut vor Erkrankungen schützen und dann ab Mitte 40 abnehmen. Danach steigt das Risiko, Erkrankungen zu entwickeln. Und zweitens haben wir von unserem Erbgut her eine andere Ausstattung, nämlich zwei X-Chromosomen – die Männer haben ein X und ein Y. Dadurch sind wir immunologisch stärker, weil wir eine größere Toleranz gegenüber Infektionen haben. Hinzu kommt, dass die Schutzkappen auf den Chromosomen, die Telomere, sich im Laufe des Lebens verkürzen oder weniger werden. Bei den Frauen sind sie grundsätzlich länger, und der Prozess der Verkürzung verläuft langsamer – was auch mit den weiblichen Geschlechtshormonen zu tun hat und uns länger leben lässt.

Ein stark reagierendes Immunsystem kann aber auch nachteilig wirken.

Stimmt, deswegen leiden Frauen häufiger an Autoimmunerkrankungen. Aber körperlich und auf die Langlebigkeit bezogen, haben wir dadurch Vorteile. Männer haben durch ihre Hormone andere Stärken: Sie sind mental widerstandsfähiger durch das Testosteron, verarbeiten Stress anders und können im Ergebnis damit besser umgehen. Für uns Frauen ist das ein Nachteil. Kennen wir doch alle: Ob zu Hause oder im Beruf, es wird irgendwas über uns gesagt, wir regen uns auf. Und die Männer sagen: Was hat sie denn jetzt schon wieder?

Ist das nicht eher angelernt, weil schon den Jungs immer noch zu wenig zugestanden wird, emotional sein zu dürfen?

Das ist ein Aspekt, der noch hinzukommt. Es ist eine Kombination aus Biologie und gesellschaftlicher Prägung.

Wir können also gar nichts dafür, dass wir empfindlicher sind und uns kümmern wollen? Man hat ja heute fast schon ein schlechtes Gewissen, wenn man fürsorglich ist.

Medizinisch kann man sagen, dass emotionale Belastungen für Frauen ein größeres Problem darstellen, besonders für das Herz. Nehmen wir das Syndrom des gebrochenen Herzens. Das ist eine Erkrankung, die auf einen starken emotionalen Stress wie Verlassenwerden oder einen Todesfall in der Familie folgt. Die Symptome ähneln einem Herzinfarkt, aber die Gefäße sind gesund. Ursache ist eine Übererregbarkeit von bestimmten Rezeptoren am Herzen, die mit der Stressverarbeitung zu tun haben. Und das betrifft zu 95 Prozent Frauen, 90 Prozent von ihnen sind älter als 50. Man geht davon aus, dass auch das mit dem Rückgang der weiblichen Geschlechtshormone zu tun hat.

Stress ist außerdem ein großer Risikofaktor für viele Krankheiten des Alters, wie Demenz, Herzinfarkt, Übergewicht …

Und deshalb ist es für Frauen besonders wichtig, Stress zu reduzieren. Wir kriegen das lange hin mit den Kindern, dem Job, der Care-Arbeit. Bis wir in die Wechseljahre kommen. Spätestens dann sollte Frau einen Raum für sich selbst schaffen, eine Aktivität finden, bei der sie entspannt und zur Ruhe kommt. Für einige ist Yoga das Richtige, für andere Sport oder Handarbeit. Auch ausreichend Schlaf ist für die Regeneration entscheidend. Und auch die Regulation von Wut und Aggression.

Warum?

Da kommen wieder die gesellschaftlichen Erwartungen: In diesem Fall, dass Frauen Wesen ohne Wut sein sollen. In der Sprechstunde frage ich Patientinnen gerne: Wie sieht es denn bei Ihnen mit der Wut aus? Wie gehen Sie damit um? Frauen tendieren dazu, Wut in sich hineinzufressen. Männer explodieren eher – das ist besser für ihr Herz und ihre Gesundheit.

So verändert sich der weibliche Körper mit dem Alter

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es drei Zeitpunkte gibt, die für die Alterung von Frauen entscheidend sind.

Ja, 45, 60 und 70. Mit Mitte 40 sinken die Hormonspiegel langsam ab, das wird häufig am Anfang gar nicht bemerkt. Vor allem das Östrogen hat einen schützenden Effekt auf Gefäße, Herz, Stoffwechsel, Knochen, Mikrobiom und die seelische Gesundheit – und dieser Effekt fällt nach und nach weg. Einige Jahre später bleibt dann der Zyklus aus, der Energieverbrauchsinkt um etwa ein Drittel. Das wissen viele Frauen nicht und essen normal weiter. Und wundern sich dann, dass sie zunehmen. Wenn der Schutz der Hormone wegfällt, können sich außerdem der Fett- und der Zucker-Stoffwechsel verändern und der Blutdruck kann steigen.

Gendermedizin: Buchcover "Wie Frauen länger leben: Das Geheimnis weiblicher Longevity"
Ihr Buch «Wie Frauen länger leben: Das Geheimnis weiblicher Longevity» ist gerade erschienen (352 S., 22 Euro, C. Bertelsmann).
© C. Bertelsmann Verlag

Wie geht man damit am besten um?

Eine Lebensstilumstellung hilft: Krafttraining, um den Muskelabbau zu bremsen, aber auch Cardiotraining für den Kreislauf und den Blutdruck. Und wie gesagt: Entspannung!

Empfehlen Sie Hormonersatz?

In der Frauenherzsprechstunde sehe ich Patientinnen, die meist schon eine Herzerkrankung haben – da ist er eher nicht geeignet. Aber wenn Frauen Menopause-Beschwerden haben, ist das eine Option. Ich finde aber, dass man es nicht nur nehmen sollte, um dadurch leistungsfähiger zu sein.

Und was passiert als Nächstes, im Alter von 60?

Dann heißt es: Willkommen in der Postmenopause! Die Hormone sind auf niedrigem Niveau angekommen, der Verlust der Östrogenschutzwirkung wird sichtbar: Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, die Knochendichte nimmt schneller ab; damit erhöht sich das Risiko für Osteoporose und Frakturen. Auch das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer kann steigen, möglicherweise durch den Einfluss hormoneller Veränderungen auf das Gehirn.

Was heißt das jetzt für mich? Muss ich bestimmte Werte kennen?

Ich empfehle, ab 50 das Herz untersuchen zu lassen. Bei Knochenschmerzen auch die Knochendichte, regelmäßige Krebsvorsorge, einmal im Jahr zur Frauenärztin, dazu Leber- und Nierenwerte, Lipide und Blutzucker beim Hausarzt, etwa alle zwei, drei Jahre. Auch Darm und Haut dürfen gecheckt werden.

Das können wir selbst für ein langes Leben tun 

Sollte man jetzt anders essen?

Viel buntes Gemüse, Fisch, Nüsse, Vollkornprodukte und ausreichend Proteine sind nun wichtig. Am besten antientzündlich, also viele Ballaststoffe, Beeren, grüner Tee, Olivenöl, Omega-3-Fettsäuren in Fisch und nur wenig Zucker, Alkohol und verarbeitete Lebensmittel.

Dann kommt die 70. Was verändert sich jetzt?

Statistisch gesehen gibt es hier einen Einschnitt, Erkrankungen, die sich schon länger entwickelt haben, zeigen sich jetzt. Es ist ein Zeitpunkt, Beschwerden abzuklären und weiter gut Vorsorge zu betreiben, um die Vitalität zu erhalten. Also: sich gesund zu ernähren, wenig Alkohol zu trinken, nicht zu rauchen, körperlich aktiv zu sein. Ab 65 wird es schwerer, den Eiweißgehalt auf normalem Niveau zu halten, ausreichend Protein ist dann noch wichtiger. Und um seelisch stabil zu bleiben, ist es für uns Frauen sinnvoll, auch in der Rente Verantwortlichkeiten zu haben und sozial gut eingebunden zu sein.

Frauen leben im Schnitt sieben, acht Jahre länger als Männer, haben am Ende aber auch mehr Krankheiten. Wie ist das zu erklären?

Das liegt daran, dass bei einer längeren Lebensdauer auch die Alterungsprozesse langfristiger laufen. Chronische Erkrankungen können sich entwickeln. Hinzu kommt, dass Frauen meist weniger Geld haben als Männer, sie leben häufig alleine. Das ist nicht gesundheitsfördernd.

Ein Lebensstil, der die Langlebigkeit fördert, ist für uns Frauen also noch wichtiger als für die Männer?

Absolut, und es ist nie zu spät anzufangen. Selbst wenn man jahrelang eine Couch-Potato war, kann man beginnen zu walken, zu schwimmen, Radzufahren, Wassergymnastik zu machen – was auch immer man noch kann und gern mag. Dazu ausreichend Entspannung, genug Schlaf, gesundes Essen, Grenzen setzen, Social-Media-Pausen, Freunde treffen. Und: Symptome ernst nehmen und abklären lassen – besonders, wenn sie gehäuft auftreten oder sich verstärken.

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