Kant-Irrtum: Warum die meisten Menschen in ihren Beziehungen einen entscheidenden Fehler begehen

Der sogenannte kategorische Imperativ gehört zu den berühmtesten Erben des Philosophen Immanuel Kant. Allerdings kennen ihn die meisten Menschen falsch – und ignorieren deshalb eine Wahrheit, die für unser Zusammenleben zentral ist. 

Am Wochenende habe ich meine Freundin gefragt, wie sie den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant wiedergeben würde – klassisches Freundinnengespräch bei einem Glas Wein offensichtlich. Sie ist studierte Sozialwissenschaftlerin, daher hat mich besonders interessiert, was sie mit dem Konzept verbindet. Ihre Antwort glich jener, die wahrscheinlich fast alle Menschen anbieten, die schon einmal von dem kategorischen Imperativ gehört haben, und die auch ich lange Zeit für zutreffend hielt.

  • «Behandele andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.»

Um es einmal ganz deutlich festzuhalten: Das ist NICHT der kategorische Imperativ. Was meine Freundin und viele andere Menschen Immanuel Kant in den Mund legen, ist interkulturell bekannt als die Goldene Regel. Die wiederum hat Kant genau genommen bemängelt.

Die Goldene Regel und der kategorische Imperativ

Die Goldene Regel hat bereits mehr als tausend Jahre überdauert und wird von unterschiedlichen Weltreligionen beworben. Im Christentum finden wir sie zum Beispiel in dem Gebot der Nächstenliebe, das besagt, «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst». Im Islam gilt der Prophet Hadith als bekannter Verfechter der Goldenen Regel, der sie folgendermaßen formuliert hat: «Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht.» Wer weder bibel- noch koranfest ist, kennt vielleicht den Spruch: «Was du nicht willst, was man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu.» Auch hierin sehen wir eine Variante der Goldenen Regel.

Vor diesem Hintergrund allein könnte uns bereits klar sein, dass Kants kategorischer Imperativ auf keinen Fall lauten kann, wie wir ihn gemeinhin wiedergeben: Der Mann war ein revolutionärer Denker. Niemals hätte er eine uralte Regel wiedergekäut, die insbesondere unter Gläubigen populär ist. In seiner «Grundlegung zur Metaphysik der Sitten» befasst sich der Philosoph mit der Frage, was Moral und moralisches Handeln ist, und kommt nach langer, für mich weitestgehend unverständlicher Herleitung zu der Formel, die wir uns korrekterweise als kategorischen Imperativ merken könnten:

  • «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.»

Zusätzlich zu diesem Kerngedanken ist dem Autor noch ein zweiter Aspekt wichtig, den er folgendermaßen zu fassen versucht:

  • «Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.»

Es mag nicht auf den ersten Blick ins Auge springen, worin der wesentliche Unterschied zwischen Kants Imperativ und der Goldenen Regel liegt – doch er ist erheblich.

Kant fordert uns dazu auf, uns unserer Subjektivität bewusst zu sein und uns davon zu distanzieren

Im Gegensatz zu Jesus und Hadith sieht Immanuel Kant offenbar gezielt davon ab, die eigene Perspektive als Grundlage für moralisches Handeln anzusetzen. Als Verehrer von Vernunft und analytischem Denken hegt der Philosoph Misstrauen gegenüber subjektiver Wahrnehmung und intuitivem Verhalten. In seiner ausgefeilten Version einer goldenen Regel legt er uns deshalb nahe, uns von unserer individuellen Position zu distanzieren und so zu handeln, dass wir uns vorstellen können: Wenn das alle machen würden, könnten wir gemütlich auf dieser Welt zusammenleben. In seinem Zusatz ergänzt er, dass wir daran denken mögen, dass jeder Mensch an erster Stelle unabhängig und für sich selbst da ist, nicht für uns oder jemand anderen: Niemand ist nur ein Mittel, alle sind (auch) ihr eigener Zweck. 

Zwar mag Kants Variante komplizierter klingen und schwieriger zu behalten sein als die christliche Nächstenliebe, doch er löst damit ein Problem für unser soziales Miteinander, das die Goldene Regel nicht nur ignoriert, sondern verschärft: Andere Menschen wollen oft gar nicht behandelt werden, wie wir behandelt werden möchten. Sie wollen behandelt werden, wie sie behandelt werden möchten.

Illusion der Einsicht und Co.: Das Problem des verallgemeinernden Subjekts

In der modernen Psychologie gilt die Neigung, von sich selbst auf andere Menschen zu schließen, als universeller Bias, der unser Denken prägt und oft zu Fehleinschätzungen und verzerrten Wahrnehmungen führt. Ein Begriff für dieses Phänomen ist etwa «Illusion der Einsicht«. Auch der sogenannte «Closeness Communication Bias» behandelt dieses Problem. Die Goldene Regel tappt in all ihren internationalen Ausführungen genau in diese Falle, bestärkt uns sogar in unserem ohnehin nur schwer zu überwindenden Impuls, anderen Menschen zu unterstellen, was für uns gilt

Dabei gibt es schon in den oberflächlichsten Umgangsformen kulturell bedingte Unterschiede zwischen dem, was wir für angemessen halten, und den Vorstellungen unseres Gegenübers. Zum Beispiel würden wir einer Person zur Begrüßung vielleicht die Hand geben, während eine Japanerin sich eine Verbeugung von uns wünschen würde. Wenn mir eine Freundin von einem Konflikt mit einer anderen Person erzählt, möchte sie womöglich Bestätigung, während ich an ihrer Stelle gerne einen Rat hätte. Manche Menschen mögen körperliche Nähe, andere nicht. Sicherlich sind wir uns in manchen Dingen einig, zum Beispiel will wahrscheinlich kaum jemand angeschrien oder geschlagen werden. Doch von solchen grundlegenden Anliegen abgesehen wissen wir nicht, was andere wollen oder brauchen – und können keinesfalls davon ausgehen, dass es das Gleiche ist wie das, was wir wollen oder brauchen.

Goldene Regel 2.0: Wie wir uns und Kant aus dem Dilemma befreien

Immanuel Kant war möglicherweise kein Meister darin, auf andere Menschen einzugehen – sonst hätte er kaum so lange, komplizierte Schriften verfasst. Klar scheint ihm aber gewesen zu sein, dass die Goldene Regel problematisch ist, weil sie die Individualität und Selbstzweckhaftigkeit des anderen ignoriert. Ihm diese Regel weiterhin in den Mund zu legen, verleiht ihr eine Autorität, die ihr nicht zusteht und die wir ihr insbesondere mit unserer neueren psychologischen Allgemeinbildung im Rücken in heutiger Zeit entschieden entziehen können. Dafür müssen wir uns nicht einmal Kants verklausulierte Worte einprägen, die schließlich auch schon fast ein Vierteljahrtausend alt sind. Wir können sie einfach umformulieren:

  • «Behandele andere Menschen so, wie sie behandelt werden möchten.»

Auch diese Regel hat sicherlich ihre Schwächen. Doch sie erinnert uns immerhin daran, uns füreinander zu interessieren.

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