Impathie : Warum wir für andere mehr Mitgefühl haben als für uns selbst

Immer für andere da sein, funktionieren, durchhalten – viele Frauen kennen dieses Muster. Doch wer die eigenen Bedürfnisse dauerhaft übergeht, verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst. Höchste Zeit, Impathie zu lernen, die Empathie gegenüber uns selbst.

Wenn ich mit hochgezogenen Schultern und eingefallenem Brustkorb vor dem Laptop sitze oder mit zusammengebissenen Zähnen durch ein Meeting gehe, verschwindet die Anspannung nicht einfach, sobald ich den Bildschirm zuklappe. Sie fährt mit nach Hause, sitzt beim Abendessen mit am Tisch und liegt nachts neben mir im Bett. Trotzdem rede ich mir ein, dass alles halb so schlimm ist. Morgen ist ein neuer Tag, dann wird es bestimmt besser. Nur noch diese eine Aufgabe. Nur noch diese Woche durchhalten. Dabei würde ich einer Freundin in derselben Situation sofort sagen: Du musst mal durchatmen. Du kannst nicht immer nur funktionieren.

Warum fällt es uns so viel leichter, Mitgefühl für andere zu haben als für uns selbst?

Empathie gilt als eine der wichtigsten sozialen Fähigkeiten. Sie beschreibt unser Vermögen, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Gefühle nachzuvollziehen und entsprechend zu handeln. Sie schafft Nähe, stärkt Beziehungen und hilft uns, Krisen gemeinsam zu bewältigen. Was dabei häufig vergessen wird: Empathie sollte nicht nur anderen gegenüber aufgebracht werden, sondern wir sollten ebenso verständnisvoll mit uns selbst umgehen. Genau daran scheitern jedoch viele von uns – mich eingeschlossen.

Ich merke sofort, wenn es einer Kollegin nicht gut geht. Oder ich höre schon am Telefon, wenn meine beste Freundin etwas belastet. Wenn bei einem Familientreffen etwas in der Luft liegt, bin ich die Erste, die sich dafür verantwortlich fühlt, die Stimmung aufzubessern. Nur bei mir selbst habe ich lange die Signale überhört. So geht es vielen Menschen. Obwohl der Körper oft Warnsignale sendet – Kopfschmerzen, Nackenverspannungen oder Kieferknacken: Sie werden zu scheinbar normalen Begleiterscheinungen des Alltags.

Erschöpfung bekämpfen wir mit Kaffee. Nackenschmerzen vielleicht mit einer Schmerztablette hier und da, und die Magenverstimmung erklären wir uns weg. Könnte ein Infekt sein oder das schwere Essen am Vorabend. Und wenn der Körper doch irgendwann lauter wird, versuchen wir, ihn möglichst schnell wieder zum Schweigen zu bringen. 

 

Wie gelingt ein Leben, das leistungsfähig ist, ohne auszubrennen? Wie können Frauen erfolgreich sein, ohne sich selbst zu verlieren? Diesen Fragen geht Autorin und Longevity-Expertin Nike Schröder, die sie aus eigener Erfahrung nur zu gut kennt, in ihrem neuen Buch nach (ForwardVerlag, 20 Euro). 
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Warum fällt es uns so schwer, auf uns zu achten? Weil viele von uns früh gelernt haben, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen. So beschreibt es Autorin Nike Schröder in ihrem Buch «Die Kunst, stark zu bleiben, wenn alles zu viel ist». Insbesondere Frauen, erklärt sie, lernen früh, Verantwortung zu übernehmen, Harmonie herzustellen und sich über Fürsorge zu definieren. Irgendwann fragen sie nicht mehr, was sie selbst brauchen, sondern nur noch, was andere von ihnen erwarten.

Warum wir verlernt haben, auf uns zu hören

Das Tragische daran ist: Wir verlieren unsere Bedürfnisse nicht von heute auf morgen. «Es geschieht in vielen kleinen Situationen, in denen du gegen dein Gefühl handelst», schreibt Schröder. Wir sagen Ja, obwohl wir Nein meinen oder zumindest beim zweimal Drübernachdenken, Nein gemeint hätten. Wir arbeiten weiter, obwohl wir längst erschöpft sind. Wir entschuldigen das Verhalten anderer, setzen unsere eigenen Wünsche hinten an und nennen das Rücksichtnahme. Mit der Zeit wird die eigene innere Stimme immer leiser.

Psychologisch betrachtet hat diese Anpassung ans Außen viel mit unserem Bedürfnis nach Bindung zu tun. Wir Menschen möchten dazugehören. Anerkennung und Verbundenheit geben uns Sicherheit. Viele von uns haben gelernt, dass wir diese Anerkennung vor allem dann bekommen, wenn wir zuverlässig sind, helfen und uns kümmern. Das macht Empathie zu einer wertvollen Stärke – solange sie nicht ausschließlich nach außen gerichtet ist. Denn wer ständig nur wahrnimmt, was andere brauchen, verliert irgendwann den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen. 

Impathie bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen

Genau hier kommt der Begriff Impathie ins Spiel, über den viel seltener gesprochen wird. Impathie oder Selbstempathie meint, den eigenen Gefühlen mit derselben Offenheit zu begegnen wie den Gefühlen anderer. Sich selbst zuzuhören, statt die innere Stimme sofort zu bewerten oder wegzudrücken. Konkret bedeutet das, nicht zu fragen: «Warum bin ich so empfindlich?», sondern: «Was will mir dieses Gefühl gerade sagen?» Vielleicht ist die Müdigkeit keine Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass eine Grenze erreicht ist. Vielleicht steckt hinter der Gereiztheit nicht schlechte Laune, sondern Überforderung.

Nike Schröder beschreibt, wie sie erst durch einen Burn-out erkannte, dass sie sich selbst verloren hatte. Nach außen war sie erfolgreich, leistungsfähig und für alle da. Innerlich fühlte sie sich leer. Erst ihr Körper zwang sie dazu, innezuhalten und genauer hinzusehen. Das erleben viele Menschen: Der Körper spricht oft lange mit uns, bevor wir bereit sind zuzuhören. Viele von uns versuchen sich dann zunächst an Optimierungsmaßnahmen: besseres Zeitmanagement, produktivere Morgenroutinen oder noch effizientere Strategien gegen Stress. Doch laut Nike Schröder behebt genau das den Ursprung des Problems nicht. Vielmehr müssen wir wieder lernen, mit uns selbst so zu sprechen, wie wir mit den Menschen sprechen, die wir lieben.

Nicht jede Erschöpfung muss überwunden werden. Nicht jedes Unwohlsein ist eine Schwäche. Und nicht jedes Nein macht uns egoistisch. Selbstempathie bedeutet nicht, sich ständig zu schonen oder jede Herausforderung zu meiden. Sie bedeutet, sich selbst wichtig genug zu nehmen, um die eigenen Grenzen wahrzunehmen, bevor der Körper sie für uns zieht. Vielleicht ist das die schwierigste Form von Mitgefühl: sich selbst dieselbe Fürsorge entgegenzubringen, die wir anderen ganz selbstverständlich schenken. 

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