Alltagsangst: Wie du sie erkennst – und lernst, mit ihr umzugehen

Damals war telefonieren das Hobby unserer Autorin. Heute befürchtet sie hinter jedem Klingeln eine schlechte Nachricht. Warum geht es so vielen so?  

426486 – bis heute weiß ich die Telefonnummer meiner besten Freundin von früher aus dem Kopf. Ich habe sie mindestens so oft in unser Festnetztelefon eingebeben, wie sich die Nummer als Zahl liest. Telefonieren war mein Hobby. Ein Handy hatte ich damals noch nicht, aber ich weiß noch, dass ich einmal so vertieft in ein Telefonat war, dass ich das Festnetztelefon auf den Weg in den Supermarkt mitgenommen habe. Bis die Verbindung abbrach.  

Je älter ich wurde, desto weniger spaßig wurden meine Telefonate. Wenn mich heute jemand anruft, bedeutet das meist schlechte Nachrichten: Magen-Darm in der Kita, fehlende Unterlagen für den Steuerberater oder, seit neustem auch eine Gefahr, irgendein panikmachender KI-Anruf. Mich überkommt automatisch ein Gefühl der Angst, wenn ich eine unbekannte Nummer auf meinem Display sehe.  

Das steckt hinter der Telefonphobie

Das, was ich empfinde, nennt man Telefonangst. Sie kommt im Rahmen sozialer Angststörungen vor, ist aber keine eigenständige Diagnose. Das Klingeln des Telefons löst bei Betroffenen extremen Stress aus. Der Körper reagiert unter anderem mit Schweißausbrüchen, es folgen Vermeidungsstrategien. Dabei gibt es verschiedene Abstufungen der Angst: Von Unbehagen beim Klingeln des Telefons, wie bei mir, bis hin zur Panik bei dem Gedanken, selbst ein Telefonat tätigen zu müssen. Eine Hürde ist vor allem der Druck, beim Gespräch unmittelbar angemessen zu reagieren, ohne vorher zu wissen, mit wem man es zu tun haben wird. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der es normal ist, ein Gespräch via WhatsApp mitten im Chat einfach ohne ein Wort des Abschieds zu verlassen – und erst nach zwei Stunden wieder zu antworten. «Sorry, bin kurz eingenickt!» – Man stelle sich das mal face-to-face vor.  

Wenn mein Telefon unerwartet klingelt, falle ich erstmal in eine leichte Schockstarre. Wer könnte mit mir ein Hühnchen zu rupfen haben? Selten wage ich es, direkt ranzugehen. Meist warte ich ab, bis der Bildschirm wieder schwarz ist – und folge dann einer ausgeklügelten Routine: Nummer googeln. Nichts zu finden? Nummer speichern, in den Kontakten nach Profilbild suchen. Auch nichts? Zurückrufen, aber: zu sehr früher oder sehr später Stunde. Hoffen, der Anrufbeantworter geht ran – und nennt einen Namen. Ich möchte einfach wissen, mit wem ich es zu tun habe, bevor ich in ein Gespräch verwickelt werde.  

Haben wir das Telefonieren verlernt?

2026 ist man es nicht mehr gewohnt, zu telefonieren. Deshalb betrifft die Telefonphobie auch vor allem Millennials und die Gen Z. Also diejenigen, die mit genügend Alternativen aufgewachsen sind: Arzttermine lassen sich online vereinbaren, der Kundenservice hilft weiter als Chatbot, den Tisch im Restaurant reserviert man per Mausklick. Dass es mal so etwas wie eine Telefonauskunft gab, erscheint regelrecht absurd. Und selbst, wenn man mit Freunden oder Familie über die Distanz sprechen will, wählt man wohl eher den Videocall.  

Dabei war Telefonieren mal viel mehr als nur ein Mittel zum Zweck der Kommunikation. Der Coolness-Faktor wurde in meiner Jugend auch danach bestimmt, was nach dem Piep-Ton kam. Wer meinen Anrufbeantworter erreichte, hörte De La Soul: «Hey how ya doin‘ / Sorry ya can’t get through / Why don’t you leave your name / And your number / And I’ll get back to you». Ich ordnete meinen selbst aufgenommenen Anrufbeantworter damals in der Coolness-Skala schon ziemlich weit oben ein. Aber auch der Klingelton wurde zu einem Teil der Persönlichkeit. Klingelte das Handy damals in der Öffentlichkeit, gingen wir auch nicht dran – aber nicht aus Angst, sondern, weil wir den Song zu Ende hören wollten. Heute weiß ich nicht mal mehr, welchen Klingelton ich überhaupt habe. Ich habe mein Handy ohnehin immer auf lautlos.  

Diese Tipps haben mir geholfen 

Telefonieren wird immer überflüssiger. Dennoch gibt es nach wie vor Situationen, in denen es unabdingbar ist – in Notfällen zum Beispiel. Wie kann man vorgehen, wenn der Gedanke an das Telefon nicht nur Unbehagen, sondern regelrecht Panik auslöst – man einen Anruf aber dringend tätigen muss?  

1. Bereite das Telefonat vor: 

Mach dir Notizen, welche Punkte du ansprechen willst. Die Anrede zu Beginn des Gesprächs kannst du dir in vollständigen Sätzen aufschreiben und zu Beginn des Telefonats dann einfach vorlesen. So startest du sicher in das Gespräch.  

2. Es ist okay, eine Antwort nicht direkt parat zu haben: 

Lege dir Sätze zurecht wie: «Darüber muss ich einmal nachdenken, ich melde mich mit der Antwort später zurück.» 

3. Realitätscheck: 

Mach dir bewusst, dass am Ende der Leitung auch nur ein Mensch sitzt. Vielleicht einer, der ähnliche Sorgen teilt. Wenn man sich verhaspelt – einfach drüber lachen, tief durchatmen und weitermachen.

Besonders der Realitätscheck hilft mir bei meiner Angst am effektivsten. Ich versuche mich bei jedem Klingeln zu erinnern: Niemand möchte mir etwas Böses. Ich nehme mir die Zeit, zu warten, bis ich mich bereit fühle. Und wenn das Klingeln bis dahin schon aufgehört hat, dann rufe ich eben zurück. Dennoch: Zur Sicherheit sollte mich vielleicht niemand als Notfallkontakt eingespeichert haben. Es sei denn, es wird vermerkt: Den Anruf bitte 30 Minuten vor dem Notfall per SMS ankündigen! 

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