Ehemalige Tradwife erzählt: "Ich wollte die perfekte Familie – und verlor mich selbst"

Wie fühlt es sich wirklich an, in der heutigen Zeit sein Leben nach den Regeln einer traditionellen Ehe auszurichten, ein Tradwife zu sein? Briana Bell war eine und erzählt, warum sie sich nach einem Ehemann sehnte, der die Familie führt, wie sie immer tiefer in eine patriarchale religiöse Welt rutschte – und warum ihre Tochter sie schließlich dazu brachte, all das zu hinterfragen.

Sie backen Brot, kümmern sich um die Kinder und repräsentieren ein Leben zwischen Leinenkleidern und blitzblanken Küchen: Seit etwa 2020 feiern sogenannte Tradwives – kurz für «traditional wives» – in den sozialen Medien ein vermeintlich traditionelles Frauenbild. Ihre Videos wirken nostalgisch, beruhigend und harmlos. Doch hinter dem ästhetischen 50er-Jahre-Idyll steckt eine klare Botschaft: Frauen sollen zu Hause bleiben, sich um Haushalt und Familie kümmern und sich ihren Ehemännern unterordnen.

Eine, die genauer auf diese Strukturen schaut, ist die kanadische Journalistin und ehemalige Tradwife Brianna Bell. Sie wurde 2023 international bekannt, als sie über systematischen sexuellen Kindesmissbrauch in der fundamentalistischen christlichen Gemeinschaft Two-by-Twos recherchierte – einer Gemeinschaft, der auch ihre eigene Familie angehörte. Im Interview spricht Bell darüber, was sie an der Tradwife-Idee faszinierte, warum die Sehnsucht nach einem traditionellen Leben problematische Machtstrukturen verbergen kann und wie sie es dort herausgeschafft hat. 

BRIGITTE: Liebe Brianna. Du sagst selbst, du seist eine Tradwife gewesen. Wie bist du zu den traditionellen Rollenbildern gekommen, die damals dein Leben bestimmten?

Brianna Bell: Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Meine Eltern trennten sich, als meine Mutter mit mir schwanger war. Ich hatte immer das Gefühl, dass unser Zuhause weniger wert war. Mir wurde ständig gesagt, mein Leben wäre viel besser, wenn ich einen Vater hätte, meine Mutter verheiratet wäre und ich Geschwister hätte. Wir hatten nicht viel Geld und die Gesellschaft vermittelte mir: Ich komme aus einer kaputten Familie. Also sehnte ich mich nach einer traditionellen Familie. Ich versprach mir selbst, dass ich das später haben würde.

Daran ist ja erst mal nichts verkehrt. 

Ja. Aber irgendwann geriet ich in eine evangelikale Theologie, die sagt, dass Frauen Männern unterlegen sind. Sie einen Ehemann finden, ihm gehorchen und sich von ihm führen lassen sollten. Meine Mutter war katholisch und hatte diese Werte selbst gar nicht. Aber ich glaubte, dass dies der richtige Weg sei.

Was hat dich an der Vorstellung angesprochen, dass der Mann die Familie führt und die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert?

Als Teenager geriet ich oft in Schwierigkeiten, und meine Mutter sagte dann: «Wenn du einen Vater hättest, würdest du diese Dinge nicht tun.» Viele meiner Fehler erklärte ich mir also damit, dass ich keinen Vater hatte. Ich dachte, ein Mann im Haus, der Anführer, Versorger und Beschützer ist, würde meine Familie schützen. Meine Kinder würden richtig erzogen werden und später nicht mit denselben Problemen kämpfen wie ich. Ich wollte das für meine Zukunft reparieren.

Und du bist immer tiefer in diese religiöse Welt gerutscht.

Mit etwa elf Jahren begann ich, allein in eine sehr konservative Baptistenkirche zu gehen, weil meine Mutter am Wochenende arbeitete. Ich fuhr mit dem Fahrrad oder jemand aus der Gemeinde holte mich ab. So wurde ich immer mehr Teil dieser Kirche. Je älter ich wurde, desto öfter hörte ich, dass ich einen Mann finden, mich diesem unterordnen und Kinder bekommen müsse. Vieles davon kam später auch aus dem Internet. Ich hörte Predigten von Leuten wie Mark Driscoll und John Piper und rutschte in diese extremen Ansichten. Du wirst immer tiefer hineingezogen, bis du irgendwann nicht mehr kritisch denkst. Das passiert so langsam, dass man es selbst kaum bemerkt. 

Welche Rolle spielte dein Mann dabei?

Ich war 19, als wir uns kennenlernten, und schon ziemlich tief im konservativen Evangelikalismus. Er nicht, aber ich zeigte ihm Predigten, er war interessiert und irgendwann folgte er mir. Zum Glück war er nie davon überzeugt, dass der Mann das Oberhaupt der Familie sein sollte. Er hat die Macht, die er theoretisch über mich gehabt hätte, nie gegen mich eingesetzt. Als ich erkannte, dass dieses Weltbild toxisch war, begann er, das ebenfalls zu sehen. Wir haben uns gemeinsam davon entfernt. Aber in den ersten Jahren unserer Ehe folgten wir einem Drehbuch, das uns eine ungesunde Beziehung bescherte.

Warum waren die Werte damals trotzdem so überzeugend für dich?

Weil sie mir etwas gaben, das mir in meiner Kindheit gefehlt hatte: Zugehörigkeit und Familie. Diese Gemeinschaft war so anders als das, womit ich aufgewachsen war. Ich hatte das Gefühl, sie hätte Antworten auf Fragen, nach denen ich schon lange gesucht hatte.

Wie kam es, dass du anfingst, dieses Weltbild zu hinterfragen?

Mutter zu werden, hat mir sehr geholfen. Mit 22 bekam ich mein erstes Kind und wollte unbedingt dieser Vorstellung einer «guten» Mutter entsprechen. Aber ich bin ständig gescheitert. Meine Tochter war sehr willensstark. In meiner damaligen Kirche hieß es, man müsse den Willen eines Kindes brechen. Das bedeutete im Grunde, Kinder körperlich zu bestrafen, damit sie gehorchen. Aber ich konnte das nicht tun. Ich konnte mein Kind nicht schlagen. Ich wusste, dass es ihm schaden würde.

Also hast du dich der Kirche widersetzt?

Langsam begann ich, auch die anderen Dinge zu hinterfragen, die mir diese Kirche beigebracht hatte. Das war der Anfang meines Ausstiegs.

Was war das Schwierigste daran, deine Überzeugungen und damit einen Teil deiner Identität aufzugeben?

Mein Mann war Pastor, zwar in keiner konservativen Kirche wie unserer früheren, trotzdem machte es die Ablösung schwer. Die Erwartung war ja, dass ich jeden Sonntag mit in den Gottesdienst gehe. Nach außen zeigte ich meine Frustration mit dem Christentum nicht, gleichzeitig hatte ich innerlich große Schwierigkeiten. Das ging vier oder fünf Jahre so.

Wie hat dein Mann deine Veränderung erlebt?

Wir haben Werte, bei denen wir uns einig sein müssen. Wir glauben, dass die LGBTQ-Community in die Kirche gehört, dass queere Menschen keine Sünder sind und dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben müssen. Er ist weiterhin Pastor, allerdings ein sehr progressiver. Ich gehe nicht mehr in die Kirche. Wir sehen manche Dinge unterschiedlich. Wir versuchen, einander dort zu respektieren, wo wir gerade stehen.

Und wie war das für deine Kinder?

Ich habe lange versucht, sie vor dem zu schützen, was ich selbst durchgemacht habe. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob das immer die beste Entscheidung war. Vielleicht hätte ich sie etwas mehr an meinem Weg teilhaben lassen können. Aber sie waren noch sehr jung. Heute gibt es Momente, in denen sie verwirrt sind, weil sich meine Überzeugungen so radikal verändert haben. Aber: Ich bin ein offenes Buch und wenn sie Fragen haben, können sie mich alles fragen.

Anders als eine Tradwife bist du heute finanziell unabhängig. Was denkst du darüber?

Eigenes Geld und finanzielle Unabhängigkeit sind für mich unglaublich wichtig – vor allem, weil ich heute die Hauptverdienerin in unserer Familie bin. Diese Selbstbestimmung gibt mir eine Unabhängigkeit, die ich nie gehabt hätte, wenn ich zu Hause geblieben wäre. Ich bin sehr stolz auf mich. Ich weiß, wie viel Arbeit es gekostet hat, von einem Punkt zum anderen zu kommen.

Und wenn sich jemand aus freien Stücken entscheidet, Hausfrau zu sein?

Dagegen habe ich nichts. Für mich geht es um die Frage: Triffst du diese Entscheidung selbst? Und kannst du deine Meinung auch wieder ändern? Denn wenn du in einer sehr starren Ideologie feststeckst, ist es unglaublich schwer, dein Wertesystem zu verändern.

Gibt es Glaubenssätze aus dieser Zeit, die du heute noch bei dir bemerkst?

Ja. Wenn ich zum Beispiel eine nicht-traditionelle Familie sehe, in der der Mann zu Hause ist und die Frau arbeitet, gibt es manchmal für eine Sekunde diesen Gedanken: «Oh, interessant.» Dann muss ich mich daran erinnern, dass genau das etwas ist, was ich heute selbst lebe. Wenn eine Ideologie so einengend ist, kann man sehr verurteilend werden. Noch immer arbeite ich dagegenan. Meistens erkenne ich einen solchen Bias inzwischen schnell und kann mich davon lösen.

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