Freundschaft kennt kein Alter: Die besten Beziehungstipps bekam sie von einem 93-Jährigen

Immer nur mit Gleichaltrigen abhängen? Langweilig – findet unsere Autorin und fragt sich, warum nicht mehr Menschen generationsübergreifende Freundschaften pflegen, um voneinander zu profitieren. 

Den besten Sex-Tipp meines Lebens hat mir mein 93-jähriger Freund Leo gegeben – ja, er ist ein gutes halbes Jahrhundert älter als ich (40). Wir saßen bei ihm auf der Terrasse, tranken Rotwein und redeten über das Geheimnis glücklicher Beziehungen. Irgendwann lehnte er sich zu mir rüber – als wollte er mir gleich ein Staatsgeheimnis anvertrauen: «Barbara und ich rollten regelmäßig große Tapetenbahnen im Wohnzimmer aus, schmierten uns mit Farbe ein und liebten uns darauf», sagte er. Die entstandenen Gemälde hingen später an der Wand. «Es ist wichtig, immer mal was Neues zu probieren und kreativ zu bleiben.» 

So etwas Progressives hatte ich lange nicht gehört. Sofort wusste ich wieder, warum ich so gerne mit Leo und vielen anderen interessanten Frauen udn Männern jenseits der 60, 70 oder 90 befreundet bin. 

Beziehungstipps eines 93-Jährigen

«Alles, was nach Angepasstheit und Regeln roch, war uns zuwider», sagte Leo mir damals noch über seine Ehe, die immerhin 50 Jahre hielt. Bis zu Barbaras Tod vor einigen Jahren. Gleichaltrige fände er oft «anstrengend», weil viele nur noch über Krankheiten reden und ständig jammern würden. Leo arbeitet als Schauspieler. Wenn du ihn nach seinem Wochenende fragst, fallen Namen, bei denen dir schwindelig wird. Seine Anekdoten-Dichte ist höher als die von Bill Kaulitz! Ich bin ein bisschen stolz, dass er auch mich amüsant findet. 

«Wo lernst du die alle kennen?»

Auch, wenn Leo mittlerweile zu Hause gepflegt werden muss, veranstaltet er auch weiterhin Soirées, schreibt Filmkritiken oder spielt in Kurzfilmen mit (das Kamerateam muss dann eben zu ihm nach Hause kommen). Leo hat mir gezeigt, dass es kein Alter gibt, ab dem man sich anders verhalten muss, nur weil es laut gesellschaftlicher Konventionen «nicht mehr angemessen» oder «peinlich» ist. 

Mich ärgert es, wenn Freund:innen in ihren 30ern oder 40ern behaupten, ihre «wilde Zeit» sei nun vorbei oder man könne «in unserem Alter» jawohl nicht mehr in Clubs gehen, das sei doch «peinlich». Auch gut, dann gehe ich eben mit meiner 23 Jahre älteren Freundin Marina tanzen und lasse mich von Menschen wie Leo daran erinnern, dass Alter kein Hindernis ist, kreativ, neugierig und lebendig zu bleiben.

Ich werde oft gefragt, ob ich diese Freundschaften aktiv gesucht habe. («93?! Wo hast du DEN denn kennengelernt?») Habe ich nicht. Leo und ich sind im selben Performance-Kollektiv. Auch einige andere sind Zufallsbegegnungen. Kein Zufall ist, dass ich offen bin für Menschen, die anders und unangepasster leben – egal ob 22 oder 82.

Marina und ich bauen uns gegenseitig auf 

Dazu gehört auch Marina. Mit 26 lernte ich sie im Job kennen, da war sie schon 49. Als ich nach einer Kündigung am Boden war, baute sie mich auf und öffnete mir neue Türen. Kurz darauf bekam ich eine große Chance – und als mich die Nervosität überrollte, setzte sie sich mit mir zusammen und half mir, meine Gedanken zu ordnen. Später konnte ich etwas zurückgeben: Als es Marina selbst nicht gut ging, war ich für sie da und erinnerte sie daran, wie sehr sie andere inspiriert. Das tat ihr gut. 

Gerade datet sie – mittlerweile 62 – wieder jemanden – der Typ ist allerdings ziemlich anstrengend. Wir reden oft darüber und lachen, weil sich manche Dinge wohl nie ändern. 

Ich sortierte seine Matches, er nahm mir die Angst vor der Liebe

Dass ich heute verheiratet bin, habe ich Piet (82) zu verdanken. Piet ist der Onkel meiner besten Freundin und eine Zeit lang fuhren wir zusammen Oldtimer-Rallyes. In der Annäherungsphase zwischen mir und meinem heutigen Mann zögerte ich, weil wir schon lange eng befreundet waren. «Ich will unsere Freundschaft nicht aufs Spiel setzen», jammerte ich. Da fasste mich Piet an den Schultern, sagte liebevoll-streng: «Mensch, fang doch mal an zu LEBEN!» Er sagte es mit so viel Verve, dass es mich von einem Moment auf den anderen überzeugte. 

Oft habe ich gedacht, dass viele Männer in meinem Alter nicht einmal zehn Prozent von Piets Energie und Lebensfreude besitzen. Er ist unfassbar witzig, frech, albern, manchmal fast kindlich und gleichzeitig jemand, der genau weiß, was er will. Sonst wäre er beruflich nicht so erfolgreich gewesen. 

Piets kleine Schwester Emmy (75) steht ihm in nichts nach. Fashionista, großartige Gastgeberin, erfolgreiche Unternehmerin, Grande Dame des guten Geschmacks – und gleichzeitig die fürsorglichste, liebste Person, die ich kenne. Ein paar Mal verbrachten wir unsere Urlaube zusammen und ließen es jedes Mal krachen. Emmy will Spaß und dafür ordert sie auch schon mal eine private Yacht. Tretbootfahren mit ihr wäre aber zu tausend Prozent mindestens genauso witzig. All das mit ihr zu erleben, fühlt sich an wie ein Blick in eine strahlende Zukunft: So geil kann 75 sein.

Age-Gap-Freundschaften als motivierender Zukunftsspiegel

Was die Sozialpsychologie schon länger weiß: Freundschaften mit einem Altersunterschied von mehr als 20 Jahren werden von beiden Seiten als besonders sinnstiftend, stabil und identitätsrelevant erlebt. Jüngere beschreiben eine Art Mentoring, das sich fundamental anders anfühlt als elterliche Führung – ohne Hierarchie, ohne Erwartungsdruck, dafür mit echter Lebenserfahrung. Ältere sagen, dass sie sich durch den Kontakt zu Jüngeren wieder gebraucht fühlen, stärker verbunden mit der Welt und erstaunlich lebendig, als stünden sie noch mitten im Leben.

Ältere fühlen sich verbunden mit der Welt und wieder gebraucht   

Solche Freundschaften sind außerdem mit weniger Einsamkeit, besserer Stimmung und mehr körperlicher Aktivität verbunden – und sie bauen Ageismus ab, also starre Vorstellungen davon, wie man in einem bestimmten Alter zu sein hat. 

Wenn ich Zeit mit Leo, Piet, Emmy und Marina verbringe, ist mir eins klar: Alter ist das, was du daraus machst. Für mich sind diese Freundschaften ein motivierender Zukunftsspiegel, weit weg von den üblichen Klischees vom Älterwerden. Wie will ich mit 65 oder 75 sein? Ich habe die Antwort direkt vor Augen. Und das ist sehr unterhaltsam. 

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