Die Ruhe selbst: Drei Frauen, die wissen, wie man mit Stress umgeht

So schwer, sich nicht stressen zu lassen? Wenn diese Frauen es hinkriegen, schaffen wir das auch! Drei Strategien aus dem (zu) vollen Leben.

1. «Ich schaffe mir einen sicheren Ort»

Wer sich wie TamaraGailberger jeden Tag um ein krankes Kind sorgt, weiß, wie wichtig kleine Ruhe-Inseln sind (und Hundevideos!)

Tamara Gailberger
Tamara Gailberger, 48, ist systemische Therapeutin für Trauer und Belastungssituationen (tamara-gailberger.de).
© Catrin-Anja Eichinger

Unser Sohn hat eine chronische Erkrankung, und wir sind häufig im Krankenhaus. Das ist stressig. Man könnte vielleicht denken, dass Glück da keinen Platz hat. Doch ich habe gelernt, wie ich mein Nervensystem beruhigen und in mir selbst Gelassenheit herstellen kann. 

Zum Beispiel hilft alles, was mir guttut und Wohlbefinden in mir auslöst. Beim letzten langen Krankenhausaufenthalt habe ich deshalb Bilder mitgebracht und an einer Leine aufgehängt, die ich an der Wand aufgespannt habe. 

Die Fotos zeigten lauter Momente, die uns als Familie viel bedeuten. Sie anzuschauen, war ein großer Anker für Ruhe, Gelassenheit und auch Glück. Ich räume auch das Krankenzimmer immer auf, mache es hübsch, lüfte gut. Damit signalisiere ich meinem Nervensystem, dass hier ein sicherer Ort ist. 

Die Kunst, mir einen sicheren Ort zu schaffen, hilft mir sehr. Mein Sohn kann das auch schon. Sogar in Hochspannungssituationen spielen wir eine kleine Runde Karten, gucken lustige Hundevideos – und lachen zusammen. So erleben wir auch Glücksmomente, wenn es gerade schwierig ist.

2. «20 Minuten zwischen Bäumen und Vogelgezwitscher»

So hält man den Druck der Sterneküche aus: Köchin Sabrina Fenzl hat ein gutes Rezept zum Runterkochen parat.

Stressstrategien: Sabrina Fenzl
Sabrina Fenzl, 37, leitet das Fine-Dining- Restaurant «Mind» in Markt Indersdorf. Ihren Michelin-Stern hält sie das dritte Jahr in Folge, ihr erstes Kochbuch erscheint im November.
© MIND by Kathi & Franka

Die Geschichten, die man über Sterneküchen hört, habe ich alle erlebt: Es gab Geschrei und es wurden Pfannen geschmissen. So wollte ich nie werden und wurde es auch nicht. Aber es gibt Dinge, die mich trotzdem zuverlässig aus der Ruhe bringen, dann werde ich durchaus unangenehm. Wenn die Küche vom Team nicht sauber gehalten wird zum Beispiel, wenn nicht alles beschriftet und aufgeschrieben wird. Da kann und will ich nicht gelassen bleiben, sonst herrscht Chaos.

Ein gutes Stück Gelassenheit in meinem Job ist dennoch unerlässlich, damit ich körperlich und mental gesund bleibe. Das ist ein Balanceakt, den ich immer noch übe. Aber ich weiß immer besser, was mir guttut: An meinem freien Tag stehe ich ohne Wecker auf und bin für mein Team nur im Notfall erreichbar, um etwas Abstand zu bekommen. Am meisten brauche ich zum Ausgleich aber die Natur. Ich habe mein Restaurant deshalb ganz bewusst da eröffnet, wo mein Herz und meine Seele sind. Es liegt nur ein paar Autominuten von meinem Haus in einem kleinen Dorf entfernt. Mein Garten ist meine Inspiration, ich ernte hier auch immer wieder für meine Gerichte.

Außerdem habe ich in der Nähe eine Forstwirtschaft. Wenn ich bei der Entwicklung eines Rezepts nicht weiterkomme oder ich meinen Fokus neu ausrichten möchte, fahre ich bei Wind und Wetter in dieses kleine Waldstück. Oft reichen schon 20 Minuten zwischen Bäumen und Vogelgezwitscher, und ich bin wieder bei mir. Indem ich mir bewusst und regelmäßig Zeit für mich nehme, finde ich die Kraft und den Ausgleich, die ich für die Arbeit in der Sterneküche brauche.

3. «Ich konzentriere mich voll und ganz auf meine Rolle»

Simone Menne ist eine Größe in der deutschen Konzernwelt. Wie behält man die Nerven, wenn von einem Arbeitsplätze, Krisenmanagement, Aktienkurse abhängen?

Stressstrategien: Simone Menne
Simone Menne, 65, arbeitet als Managerin. Ihre Karriere begann bei Lufthansa, heute bekleidet sie Positionen in diversen Aufsichtsräten und spricht zu Themen wie Digitalisierung oder Frauen in der Wirtschaft.
© Jürgen Mai

Der schlimmste Tagmeiner Karriere war der Germanwings-Absturz, verursacht durch einen suizidalen Piloten 2015. Als Konzernvorständin musste ich mitentscheiden: Wie gehen wir mit den Angehörigen um, den Mitarbeitenden? 

In solchen Extremsituationen hilft es nur, in Aufgaben und Zuständigkeiten zu denken, ins Tun zu kommen. Sich klarzumachen: Ich trage die Verantwortung, meinem Team ist nicht damit gedient, wenn ich durchdrehe. Gleichzeitig braucht es einen Raum für Überforderung, Trauer, Hilflosigkeit. Es gab in meinem Berufsleben einige Situationen, in denen ich mich zwischendrin in ein Büro zurückgezogen habe, um zu weinen. Das darf sein, die Gefühle müssen irgendwohin.

Aber auch in weniger dramatischen Momenten hilft es mir, mich auf meine berufliche Rolle zu konzentrieren. Als Aufsichtsrätin in Großunternehmen trete ich oft vor großem Publikum auf, und ich ziehe davor ganz bewusst meine förmliche Kleidung an und eine Kette mit einem afrikanischen Anhänger, meinem Talisman. Das fühlt sich an, als würde ich eine Rüstung anlegen, in eine Rolle schlüpfen als Funktionsträgerin. Das schafft innere Distanz. 

Und schließlich beruhigt mich die Erfahrung: Es passiert nichts Schlimmes, wenn es mal nur mittelgut läuft. Ich wurde auf der Hauptversammlung der Lufthansa zur Finanzvorständin ernannt, saß im Publikum, es war eigentlich nicht vorgesehen, dass ich mich äußere. Dann kamen Fragen der Aktionäre, und der Pressesprecher entschied: Frau Menne, erzählen Sie doch mal von sich! Ich kann mich nicht an meine Worte erinnern, es kam wohl ganz sympathisch rüber, aber komplett ungeplant. Aber es hat auch meine weitere Karriere nicht verhindert. Und das ist eine gute Erfahrung: Entspann dich, es muss nicht immer alles 100 Prozent sein.

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