Katharina ist Spenderkind: "Wenn ich dürfte, würde ich Samenspende verbieten"

Katharina ist durch eine Samenspende gezeugt worden – und leidet bis heute darunter, ihren leiblichen Vater nicht zu kennen. Im BRIGITTE-Gespräch erklärt sie, warum sie Samenspenden grundsätzlich verbieten würde und weshalb es aus ihrer Sicht keinen «Kinderwunsch», sondern nur einen egoistischen «Elternwunsch» gibt. Teil 3 der BRIGITTE-Serie. 

Mein Name ist Katharina. Ich bin 1994 in Dresden entstanden. Das war eine Zeit, in der das Thema Samenspende noch in den Kinderschuhen der kommerziellen Vermarktung steckte. Also lange bevor das deutsche Samenspenderregister eingeführt wurde, die zentrale staatliche Datenbank beim BfArM, die persönliche Daten von Samenspendern und Empfängerinnen speichert und das Recht von durch eine Samenspende gezeugten Kindern auf Kenntnis ihrer Abstammung sichert. 

Ich bin ein sogenanntes Spenderkind. Lange Zeit wusste ich nichts davon, bis ich mit zwölf Jahren – mitten in der Trennung meiner Eltern – die Wahrheit erfuhr: Der Mann, den ich als meinen Vater kannte, war nur mein sozialer Vater – nicht mein leiblicher. 

«Plötzlich klaffte in meiner Biografie ein schwarzes Loch»

Damals, mit zwölf, war das für mich erst einmal nur aufregend, fast schon abstrakt. Doch dann kam die Pubertät, diese Phase, in der jeder Mensch anfängt, sich selbst zu suchen, sich zu identifizieren. Bei mir riss diese Suche eine tiefe Wunde auf. In meiner Biografie klaffte plötzlich ein schwarzes Loch. Ich sah in den Spiegel und fragte mich: Wer ist mein leiblicher Vater? Wer ist dieser Mann? 

Die erste Emotion, die ich damals wahrnahm, war Wut. Ich spürte Zorn gegenüber diesem Unbekannten. Dieser Mann hat damals seinen Samen abgegeben und wusste ganz genau, was er tut. Er wusste, dass daraus Kinder entstehen – Menschen aus Fleisch und Blut, mit Emotionen und Gefühlen – keine Autos oder Häuser, die man einfach verkauft. Und er wusste, dass er diese Kinder niemals kennenlernen will. Er hat die Verantwortung für ein ganzes Leben – die Leben seiner eigenen potenziellen Kinder – einfach an der Labortür abgegeben.

Heute, mit 31 Jahren, ist diese Wut immer noch präsent. Wir leben in einer Zeit von DNA-Datenbanken und globaler Vernetzung. Wenn dieser Mann auch nur ein Fünkchen Interesse an den Menschen hätte, die aufgrund seiner Samenabgabe entstanden sind, könnte er sich aus der Deckung begeben. Er könnte sich registrieren, er könnte die Verantwortung übernehmen, die er vor über drei Jahrzehnten weggeschoben hat. Aber Jahr für Jahr verstreicht, und es passiert: nichts. Er versteckt sich, während ich mit den Fragen leben muss. Er enthält mir einen Teil meiner Herkunft vor und das ist seine Schuld, nicht meine.

«Auch meine Mutter hat diese Entscheidung getroffen»

Lange Zeit war meine Wut nur auf ihn gerichtet. Doch mit Anfang 20 dämmerte mir eine traurige Wahrheit: Auch meine Mutter hat diese Entscheidung getroffen. Sie hat mich über alles geliebt, sie war eine gute Mutter, aber sie hat damals ganz bewusst in Kauf genommen, dass ich meinen leiblichen Vater niemals kennenlernen werde. Sie wusste das alles.

Ich bin heute kein Fan mehr von dem Begriff Kinderwunsch. Das ist eine Lüge, die wir uns als Gesellschaft erzählen, um den Egoismus der Erwachsenen dahinter zu kaschieren. Das Kind wünscht sich erst einmal gar nichts – es existiert ja noch nicht. Es ist ein Elternwunsch. Erwachsene wollen sich ein Bedürfnis erfüllen und nehmen dafür die Beziehungen des Kindes zu einem leiblichen Elternteil als Pfand. Meine Mutter sagt heute selbst sehr reflektiert, dass ihr Handeln egoistisch war. Sie sieht den Schmerz, den es in mir auslöst. Ich kann ihr verzeihen, weil es in den 90ern kaum Aufklärung gab, kein Google, keine Betroffenenvereine. 

Aber heutige Eltern haben diese Ausrede nicht mehr. Wer heute den Weg der Samenspende geht, tut das in vollem Bewusstsein über die möglichen Folgen bezüglich der Identität des entstehenden Kindes. Ich habe Verständnis dafür, dass hinter jedem unerfüllten Wunsch, ein eigenes Kind zu bekommen, eine lange Leidensgeschichte der Wunscheltern steht. Dennoch rechtfertigt dieser Wunsch nicht, dass zur Erfüllung ebendieses ein anderer Mensch – das Kind – die weitreichenden Konsequenzen tragen muss. 

«Es ist ein Elternwunsch und plant den Verlust einer Bezugsperson mit ein»

Oft höre ich von Psychologen oder in der Beratung: «Seien Sie einfach offen zum Kind, dann ist alles fein». Das ist ein Witz! Man kann die fehlende biologische Verbindung nicht einfach wegdiskutieren. Jeder Mensch hat eine leibliche Mutter und einen leiblichen Vater, das ist eine biologische Tatsache, die man nicht relativieren kann und vor allem nicht sollte. Die Bedeutung eines leiblichen Elternteils kann und sollte nicht vorab von den Wunscheltern für das Kind geplant beziehungsweise vorgegeben werden. 

Wenn ich meine Talente anschaue, meine Art zu laufen oder meine Musikalität, und ich weiß, dass nichts davon von meiner Mutter kommt – woher stammt es dann? Dieser schwarze Fleck in mir füllt sich nicht durch ein ehrliches Gespräch am Küchentisch. Man plant den Verlust einer essenziellen Bezugsperson von vornherein ein. Das ist eine objektive Benachteiligung, die künstlich herbeigeführt wird, um einen Erwachsenenwunsch zu erfüllen. 

«Ich würde die Samenspende verbieten»

Ich persönlich bin klar gegen Samenspende und wenn ich bestimmen dürfte, würde ich es verbieten. Ich bin aber auch realistisch genug, zu wissen, dass die Reproduktionsmedizin eine riesige industrielle Maschinerie ist, mit der viel Geld verdient wird, weshalb ein Verbot faktisch nicht umsetzbar ist. Innerhalb unseres Vereins Spenderkinder konzentrieren wir uns darauf, die rechtliche Situation für die Spenderkinder und die Aufklärung zu verbessern. 

Wir müssen aufhören, Reproduktionsmedizin und deren Folgen, vor allem für die Kinder, zu verharmlosen. Auf Social Media sehen wir die glücklichen Solomamas, den Lifestyle, das vermeintliche perfekte Glück. Aber die Sicht der Kinder kommt darin nicht vor. Sie wird verharmlost. 

Wenn ich ehrenamtlich Wunscheltern berate, sage ich ihnen direkt: Ich werde euch nicht das sagen, was ihr hören wollt. Es gibt ganz viele spezifische Herausforderungen und Probleme für die entstehenden Kinder in einer solchen Familienkonstellation. 

«Für ihn bin ich nur eine Nummer in einer Kartei»

Es geht nicht nur um Gene. Vielmehr geht es um eine ganze Familie, die uns vorenthalten wird: Großeltern, Onkel, Tanten, vielleicht sogar Halbgeschwister, die irgendwo aufwachsen, während wir nichts von ihnen wissen. Es ist schmerzhaft zu wissen, dass mein leiblicher Vater vielleicht andere Kinder großzieht, die er liebt, während ich für ihn nur eine Nummer in einer Kartei war. Das ist eine Form der Objektifizierung, die mich tief trifft. 

Bei Leihmutterschaft – was ich zutiefst ablehne – ist dieses Gefühl, ein Produkt zu sein, vermutlich noch viel schlimmer. Hier gibt es einen Vertrag zur Herausgabe des Kindes nach der Schwangerschaft. Das verletzt die Würde des Menschen – des Kindes. 

«Bei der Samenspende wird ein Mangel erschaffen»

Ich führe heute ein gutes Leben. Ich habe selbst ein zweijähriges Kind. Aber für mich war immer klar: Entweder ich bekomme ein Kind mit meinem Partner, oder gar nicht. Hätte es biologisch nicht geklappt, wäre nur eine Adoption infrage gekommen. Denn bei einer Adoption wird ein bereits existierendes Kind aufgefangen – bei der Samenspende wird ein Mangel erst erschaffen.

Ich engagiere mich im Verein Spenderkinder, weil ich meine Stimme nutzen will. Ich bin keine leidgeplagte Person, ich benenne lediglich die Fakten, wie es sich anfühlen kann, ein Spenderkind zu sein. Ich bin reflektiert und auch wütend über die Ignoranz, mit der über unsere Köpfe hinweg entschieden wird. Mein Schmerz ist nicht mein ganzes Leben, aber er ist ein bleibender Teil meiner Identität. Ich möchte nicht, dass der Teil unserer fehlenden Identität weiterhin als notwendiges Nebenprodukt eines Erwachsenenwunsches behandelt wird. Wir sind Menschen. Wir haben ein Recht auf unsere ganze Geschichte und wünschen uns von allen Elternteilen – auch unseren genetischen Vätern –, als Individuen wahrgenommen zu werden.

Demnächst in Teil 4 der BRIGITTE-Serie über Solo-Elternschaft: Solo-Mom Sandra, 41, erzählt von ihrer Suche nach dem perfekten Spender

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