24 Jahre Tagebuch: Habe ich mich zu der Frau geschrieben, die ich heute bin?

Mit Zettel und Stift zu psychischem Wohlbefinden: Wer Tagebuch schreibt, kann mit sehr kleinem Aufwand Großes erzielen. Nur für sich selbst. Warum unsere Autorin findet, dass ihr Tagebuch darf alles wissen darf – und sonst niemand. 

Meinen ersten Tagebucheintrag schrieb ich 2002, mit acht Jahren, und er liest sich ungefähr so: 

Liebes Tagebuch, heute ist nix passiert, es regnet, mir ist langweilig, naja, jetzt gibt es Abendbrot, tschüss! 

In den 24 Jahren, die darauffolgten, füllte ich ein Buch nach dem anderen. Irgendwann hatten die Tagebücher keine kleinen Schlösser mehr, die Herzen über dem i wurden zu Punkten und Klingeln, ich verzichtete auf die höfliche Anrede und auch inhaltlich ging es immer weniger um das Außen (Wetter) und immer öfter um das Innen (Gefühle). Ich schrieb mal mehr und mal weniger, aber ich schrieb und schrieb. Schrieb ich mich zu der Person, die ich heute bin? 

Offensichtlich ja, denn ich habe den Beruf der Journalistin gewählt und Schreiben ist auch ein Handwerk, das gelernt und geübt werden will. Aber vor allem habe ich durch das ständige Reflektieren der eigenen Gefühle schon früh einen Zugang zu meiner Innenwelt bekommen. Heute fällt es mir leicht, durch das Aufschreiben diffuser Wahrnehmungen Klarheit zu schaffen. Andersherum würde ich also behaupten: Hätte ich an manchen Wendepunkten meines Lebens nicht darüber geschrieben, wäre mein Weg vielleicht völlig anders verlaufen.  

Wer schreibt, entlastet den Geist 

Dass regelmäßiges Tagebuchschreiben eine positive Wirkung auf die Gesundheit haben kann – und zwar sowohl auf die mentale, als auch auf die körperliche –, fand der US-amerikanische Psychologe James W. Pennebaker bereits 1986 in einer Studie heraus. Er entwickelte daraus die Idee des expressiven Schreibens: An mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen schreibt man 15 bis 20 Minuten am Stück, und zwar ohne den Stift abzusetzen, ungehemmt, über tiefste Gefühle und Traumata. Dadurch werden unterdrückten Emotionen Raum gegeben, chaotische Gedanken werden sortiert, Ruhe kehrt ein und das Stresslevel im Körper sinkt.  

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie heilsam diese Methode sein kann – und wie schnell sich Besserung einstellt. Bereits nach wenigen Tagen löst sich die Enge in der Brust, im Kopf gibt es Platz für andere Gedanken. 

Während ich als Kind noch meinen Tagesablauf dokumentiert habe, dient mir das Tagebuch heute zur Selbsthilfe. Ich schreibe dort nicht auf, was mich glücklich macht, wen ich liebe, wer mich liebt. Es sind vielmehr Gefühlfragmente, wirr, kontextlos, bizarr. In mein Tagebuch schreibe ich ungefiltert über das, worüber ich nur schwer reden kann, über das, was sich eigentlich kaum in Worte fassen lässt. Über Ängste, über Scham, über Wut. 

Es gab eine Phase, in der so viel Wut rauswollte, dass ich kurzzeitig sogar zu einem für mich eigentlich verbotenen Mittel greifen musste: Ich schrieb nicht mehr per Hand, sondern am Laptop, weil ich dadurch viel schneller und Sehnenscheinen schonender (und wütender!) in die Tasten hauen konnte.  

Aufgeschrieben, um nie wieder gelesen zu werden 

Aber ist es nicht der eigentliche Zweck des Schreibens, gelesen zu werden? Dem widersprechen die zahlreichen Angebote an Schreibgruppen und Poesietherapien, teilweise auch in klinischen und psychotherapeutischen Settings. Dabei geht es weniger um das Ergebnis als um die Tätigkeit an sich. Das Schreiben ist dabei auch ein Werkzeug, um einen Zugang zu einem Teil unserer Seele zu erlangen. Bereits Kindern kann das In-Worte-Fassen der Gefühle und Unternehmungen helfen, die eigene Kreativität zu erkunden, die Welt besser zu begreifen und der inneren Stimme Gehör zu schenken. In einer Welt, die immer lauter wird, ist das vielleicht das allerschwierigste.  

Nicht erst, seit es Internet-Blogs gibt und «Journaling» ein Social-Media-Trend ist, weiß man um die Bedeutung des Schreibens. Von 1942 bis 1944 schrieb die junge Anne Frank Tagebuch in ihrem Versteck in Amsterdam, über Streitereien mit der Mutter, die erste Verliebtheit, körperliche Veränderungen, ihre unvorstellbar große Angst als jüdisches Mädchen. Sie selbst habe vor ihrem Tod den Wunsch geäußert, ihre Tagebücher zu veröffentlichen. Sie wurden zu einem der wichtigsten Zeitzeugendokumente des Nationalsozialismus, ungefiltert, alltäglich und absolut privat.  

Vernichten, vergraben – oder veröffentlichen?  

Die wenigsten Tagebücher mögen eine solche historische Relevanz haben und die wenigsten Autor:innen würden ihre Worte gerne im Buchladen nebenan ausgestellt wissen. Wer mein Tagebuch lesen würde, behielte mich als eine sehr irrationale und wahnwitzige Person in Erinnerung – weil mein Tagebuch eben nicht meinen Charakter preisgibt, sondern nur den Teil spiegelt, der vielleicht phasenweise etwas Hilfe benötigt. Tagebuchschreiben fühlt sich an, als würde ich meinen Gehirn-Cache leeren. Ich würde nicht wollen, dass das jemand liest, der mir wichtig ist. 

Was also machen mit all den Worten, mit all dem Leben? Dafür gibt es im Alten Rathaus in Emmendingen eine Lösung: Dort gibt es das Deutsche Tagebucharchiv, dem man seine Geschichten anonymisiert für die Nachwelt hinterlassen kann. Bereits 5.600 Autor:innen haben ihre Dokumente dort eingereicht, das älteste Tagebuch stammt aus dem Jahr 1760. 

Für mich haben meine Tagebücher etwas Magisches. Sie wegzuwerfen käme mir unmenschlich vor, sie zu veröffentlichen selbstüberschätzend. Angemessen fände ich, sie irgendwann an einem Ort im Wald zu begraben oder in einem besonderen Versteck verschwinden zu lassen, ohne, dass jemand davon weiß. Denn lesen, das soll sie niemand. Mein erstes Tagebuch scheint für dieses Problem allerdings bereits an einer ganz eigenen Lösung zu arbeiten: Dort beginnt die Tintenschrift bereits blasser und blasser zu werden. Und vielleicht verschwindet sie auf magische Weise ja irgendwann von selbst. 

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