Klara*, 60, hat mit ihrer Tochter keinen Kontakt mehr – es ist der Endpunkt eines langen, schmerzhaften Prozesses. Die Mutter entscheidet sich gegen das Leiden und für ihr Leben. Wie sie das geschafft hat, erzählt sie hier.
Rückblickend betrachtet begann unsere Entfremdung bereits vor 20 Jahren. Die ersten 13 Jahre mit meiner Tochter waren traumhaft schön gewesen. Mit der Pubertät begann es, schwierig zu werden. Jahrelang habe ich mich gefragt, was ich falsch mache. Ich habe mir Rat geholt, Therapie gemacht und Gewaltfreie Kommunikation gelernt, in der Hoffnung, dass es besser wird. Es hat nicht gereicht.
Die Entfremdung schlich sich ein
Irgendwann geht man sich aus dem Weg, um Konflikten auszuweichen, und die Gespräche werden spärlicher. Begegnungen sind nicht länger von Verbundenheit, sondern von einem unguten Gefühl geprägt. Anders als beim Kontaktabbruch wird die Entfremdung nicht angekündigt – sie schleicht sich ein.
Bis zum Sommer letzten Jahres hatten wir immer mal wieder Kontakt. Einmal dachte ich sogar: «Jetzt haben wir es geschafft, alles wird besser.» Aber es wurde wieder schwerer. Nach einer Verabredung nachträglich zu ihrem Geburtstag wurde mir klar: Ich kann nicht mehr, ich brauche eine Pause. Ich beschloss, nicht immer und immer wieder den ersten Schritt zu machen. Dass daraus ein anhaltendes Schweigen werden würde, konnte ich nicht wissen.
Ich will nicht, dass der Schmerz mein Leben zerstört
Ich entschied: Ich will keine Mutter mehr sein. Das ist ein harter Satz, und ich will erklären, wie ich ihn meine. Denn natürlich will ich Mutter sein. Ich liebe meine Tochter. Aber ich will nicht, dass der Schmerz, der damit einhergeht, mein Leben zerstört.
Biologisch bleibe ich Mutter, das Kind ist in mir gewachsen. Aber eine gelebte Mutterschaft findet nicht mehr statt. Und die große Frage ist: Was für eine Mutter bin ich denn noch, wenn es keine Begegnung mehr gibt? Eine Antwort darauf habe ich bis heute nicht gefunden.
Ich hatte mich verloren
Ich habe 20 Jahre lang gekämpft. Irgendwann waren meine Kräfte am Ende. Im endlosen Versuch, etwas zu verbessern, hatte ich mich verloren. Es gab mich nicht mehr, ich habe nur noch gelitten. Ich entwickelte eine Hypervigilanz, eine übersteigerte Wachsamkeit des Nervensystems, und konnte nicht mehr entspannen. Die anscheinende Lieblosigkeit unserer Dynamik hielten mich klein, genau wie die Idee, dass ich in der Lage sein müsste, unsere Beziehung zu kitten. Dazu kam ein Kopfkino aus lauter Vermutungen. Ich weiß ja nicht, was meine Tochter denkt. Heute kann ich aufhören, darüber zu grübeln.
Die meisten Ratgeber streben eine Versöhnung an. Die schließe ich keineswegs aus, um Gottes Willen. Aber die Frage für mich ist: Wie gehe ich mit meinem Schmerz um, wenn es scheinbar keine Versöhnung mehr gibt? Manche Menschen leiden bis an ihr Lebensende. Und ich finde, das hat keiner von uns verdient.
Ich habe mich für die Liebe entschieden
In den letzten Jahren habe ich viel an mir gearbeitet. Ich habe Therapien gemacht und die Interventionen, die ich als Coachin und Organisationsentwicklerin nutze, an mir selbst erprobt. Ich habe gelernt, innerlich «Stopp» zu sagen, wenn ich gedanklich in eine Abwärtsspirale gerate. Manchmal sage ich bei einem Spaziergang alle zwei Meter «Stopp», dann muss ich selbst über mich lachen. Das Schreiben von Morgenseiten und das Übungsbuch «Ein Kurs in Wundern» haben mich dabei unterstützt, mich dafür zu entscheiden, dass ich lieben will.
Ich habe mich aus zwei Gründen für die Liebe entschieden. Erstens hat meine Tochter nichts verbrochen. Zweitens tue ich es für mich. Wenn ich in meinem Ärger bade, geht es mir schlecht. Wenn ich in Liebe verbunden bin, geht es mir besser. Manche Menschen stecken jahrzehntelang in ihrem Hass fest. So möchte ich nicht leben.
Mein Maßstab ist die berühmte Frage des Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer: «Wie möchte ich gelebt haben?» Ich will am Ende nicht sagen müssen, ich hätte 50 Jahre meines Lebens damit verbracht, meine Tochter zu hassen. Das wäre das grauenvollste Leben, das ich mir vorstellen kann.
Der Schmerz ist da, aber er bestimmt nicht mehr mein Leben
Es ist alles noch da: die Trauer, die Scham. Und die Angst, meine Entscheidung später zu bereuen. Auch das gängige Mutterideal setzt mir zu: Mütter lieben bedingungslos, Mütter haben keine eigenen Bedürfnisse, und wenn etwas schiefgeht, sind sie schuld. Aber auch ich war mal Kind und habe meine Wunden. Oft dachte ich, ich sei als Mutter nicht gut genug, nicht liebenswert. Auch das hat die Beziehung zu meiner Tochter geprägt.
«Ich hätte es mir anders gewünscht» – dieser Satz hilft mir, meiner Angst vor Reue zu begegnen. Die Traurigkeit wird nie ganz verschwinden. Es wird weiterhin Tage geben, an denen ich bitterlich weine, weil sie mich überrollt. Und dann wird es wieder friedliche Tage geben. Ich lebe die Trauer heute in einem Maß, in dem auch wieder anderes möglich ist.
Meine Tür ist nicht zu
Ich gehe gern mit meinem Hund in die Berge. Früher war ich manchmal so in meinem lamentierenden Kopfkino gefangen, dass ich nicht mal mehr wusste, wo wir sind, oder welche Jahreszeit wir haben.
Heute sammle ich Glücksmomente. Das ist für mich ein großer Gewinn. Ich sehe wieder die Blumen am Straßenrand, sehe meinen Hund über die Wiese pesen und den ersten Enzian blühen. Spüre die Hand meines Lebensgefährten in meiner. Das wertet die Traurigkeit nicht ab. Aber meine Glücksammlung hilft mir, aus dem Dauerschmerz auszusteigen.
Meine Tür ist nicht zu. Aber ich halte sie auch nicht aktiv auf. Ich wünsche meiner Tochter, dass es ihr gut geht. Das hat sie verdient, so wie jeder andere Mensch.
Ich schließe nicht aus, dass ich mich irgendwann wieder bei ihr melde. Fast jeden Tag prüfe ich: Ist heute der Tag? Möchte ich wieder einsteigen? Diese Freiheit lasse ich mir offen. Eine Garantie, dass mein Schritt Resonanz finden würde, gibt es nicht.
Wenn unsere Entfremdung bestehen bleibt, wird am Ende meines Lebens sicherlich ein Bedauern da sein. Aber gleichzeitig kann ich ein erfülltes Leben geführt haben. Danach möchte ich mich ausrichten, das ist meine Hoffnung.
*Der Name ist der Redaktion bekannt
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