Autorin Evelyn Höllrigl Tschaikner: "Bei sexistischen Witzen frage ich oft einfach: 'Was meinst du damit?'"

Männer die breitbeinig zwei Plätze in der U-Bahn einnehmen oder die erwarten, dass man über ihren  «lustigen» sexistischen Witz lacht – Situationen, die jede Frau kennt. Begegnen kann man denen mit Mikrofeminismus. Klingt süß, hat es aber in sich, wie Autorin Evelyn Höllrigl Tschaikner sagt. 

Dieses Interview erschien erstmals im September 2025

Es müssen nicht immer die großen, feministischen Gesten sein, um nachhaltig etwas zu verändern, sagt Evelyn Höllrigl Tschaikner. Auch mit Mini-Handlungen könne man schon so einiges ins Rollen bringen. 199 Ideen, wie das aussehen könnte, hat sie in ihrem aktuellen Buch «The Daily Feminist» gesammelt. Was sich genau hinter Mikrofeminismus verbirgt und warum der  «Feminismus to go» nicht zu unterschätzen ist, erklärt die Autorin und Journalistin im Gespräch mit BRIGITTE.

BRIGITTE: Mikrofeminismus klingt so verniedlichend und irgendwie unbedeutend. Wann hast du gemerkt, dass mehr dahintersteckt?

Evelyn Höllrigl Tschaikner: Vor allem anhand der Reaktionen. Als ich anfing, auf Instagram über Mikrofeminismus zu posten. Die ersten Beiträge drehten sich darum, Rollen zu durchbrechen – etwa Männern die Tür aufzuhalten oder ihnen Blumen zu schenken. Viele empfanden das als aggressiv oder sahen darin eine Mikroaggression. Erst dadurch wurde mir richtig bewusst, wie viele selbstverständliche Alltagssituationen es gibt, die eigentlich voller Bedeutung stecken und uns gar nicht auffallen.

Oft steckt in diesen kleinen Dingen ja ganz schön viel Sprengkraft.

Absolut! Viele erachten nur das als wichtig, was groß und laut ist – das ist aus meiner Sicht eine patriarchale Denkweise. Auch kleine Dinge können viel bedeuten und sind völlig legitim.

Kannst du Beispiele für kleine, aber wirksame feministische Handlungen nennen?

Das Wichtigste ist für mich Sprache – sie ist ein wirksames Werkzeug für Mikrofeminismus. Zum Beispiel spreche ich vom «Drama King» statt von der «Drama Queen». Solche Spiegelungen machen Ungleichgewichte deutlich. Ich finde auch humorvolle Reaktionen hilfreich, etwa wenn jemand sagt, früher gab es „echte Männer“ – dann erinnere ich an Zeiten, in denen Männer Perücken trugen und sich puderten. Mit Ironie lässt sich vieles auflockern. Außerdem finde ich, Mikrofeminismus heißt auch, lernen, die Welt bewusst aus dieser patriarchalen Perspektive zu sehen.

Was meinst du damit?

Beispielsweise zu erkennen, dass unser Straßenbau nicht für Frauen ausgelegt ist. Viele Straßen sind schlecht beleuchtet und Frauen fühlen sich dort entsprechend unwohl. Solche Dinge sehen wir oft nicht, weil wir einfach damit groß geworden sind. Aber wenn wir das erkennen, macht das ja schon was mit uns.

Viele denken beim Thema Feminismus eher an große Gesten und politische Kämpfe. Wie kann man feministische Themen gut in den Alltag integrieren?

Feminismus ist für viele außerhalb unserer «Bubble» ein Reizwort, manchmal sogar ein Schimpfwort. Gerade deshalb ist niederschwelliger Feminismus wichtig. Mikrofeminismus führt uns vor Augen, wo das Patriarchat überall wirkt, im Büro, in der U-Bahn oder beim Familienessen. Es funktioniert, indem wir ganz bewusst auf Ungleichheiten hinweisen. Mikrofeminismus ist zwar keine Lösung für strukturelle Probleme, aber er kann Aufmerksamkeit für die reale Welt schaffen – und zwar überall.

Cover Evelyn Höllrigl Tschaikner: The Daily Feminist
«The Daily Feminist. 199 konkrete Handlungstipps für Gleichberechtigung im Alltag» erscheint am 24. September 2025 im Kösel Verlag.
© PR

In deinem Buch schreibst du über eine Situation, die sehr viele Frauen kennen: Man sitzt in der Bahn und nebenan breitbeinig ein Mann, der sehr viel Raum einnimmt. Mich macht das immer sehr wütend, aber was zu sagen, traue ich mich nicht. Wie machst du das?

Das kann ich gut nachvollziehen. Mir selbst fällt es schwer, fremde Menschen direkt anzusprechen. Doch neulich hatte ich genau so eine Bahnsituation: Ein Mann hat seine Beine so ausgestreckt, dass ich keinen Platz hatte. Irgendwann habe ich ihn freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen – und er hat die Beine zurückgenommen. Ich glaube, vielen Männern ist ihr Verhalten gar nicht bewusst. Sie haben gelernt, der Raum steht ihnen zu. Es ist nicht leicht, aus der eigenen Komfortzone herauszutreten und sich bemerkbar zu machen. Aber genau das kann Veränderungen anstoßen.

Häufig kommt dann die Kritik: Warum müssen denn wir Frauen darauf aufmerksam machen?

Die Frage ist berechtigt. Es ist mühsam, dass wir so oft in der Verantwortung sind, auf Missstände hinzuweisen – und dafür auch noch als nervig gelten. Aber wenn wir schweigen, bleibt alles beim Alten. Es ist wichtig, die «nervige Feministin» zu sein, damit sich wirklich etwas bewegt. Wenn jemand da breitbeinig sitzen kann und es einfach unfassbar gemütlich hat, dann wird er sich nicht ändern, weil es für ihn selbstverständlich ist, dass er doppelt so viel Raum einnimmt. Er merkt es nicht.

Feminismus wird oft dafür kritisiert, Mauern aufzubauen, statt einzureißen. Feministinnen, heißt es auch, hassen Männer. Wie empfindest du das?

Es geht im Feminismus nicht darum, Mauern aufzubauen und alle Männer als Feinde zu sehen, sondern um Aufklärung über Ungleichheiten. Mir wird regelmäßig in Kommentaren Männerhass vorgeworfen – dabei benenne ich nur Missstände. Es gibt tagtäglich Femizide, während mein sogenannter „Männerhass“ lediglich unbequem ist, weil er die Ordnung stört, nicht aber lebensgefährlich ist. Misogynie hingegen schon. Und was viele vergessen: Das Patriarchat ist nicht nur für Frauen gefährlich, sondern auch für Männer, die im Knast landen oder Suizide begehen.

Frustriert es dich, wie schwierig diese Aufklärungsarbeit ist?

Ja, manchmal frustriert es mich sehr. Männer schreiben häufig, sie hätten solche Dinge nie erlebt – logisch, denn sie sind Männer. Aber sie sprechen dann 99 anderen Frauen die Erfahrungen ab. Das zeigt, wie tief die Perspektivunterschiede sitzen. Trotzdem gibt es auch konstruktive Diskussionen, und auch Männer, die sich engagieren – auch wenn das (noch) eine Seltenheit ist.

Gab es schon mal eine Situation, wo dich der Effekt einer „mikrofeministischen“ Handlung überrascht hat?

Ja, bei sexistischen oder misogynen Witzen frage ich oft einfach nach: „Was meinst du damit?“ Das bringt das Gegenüber oft in Erklärungsnot – oder sie versuchen, mich ins Lächerliche zu ziehen. Aber es verändert die Situation und macht auch dem Umfeld klar, dass solche Witze nicht in Ordnung sind.

In deinem Buch stehen 199 mikrofeministische Handlungen. Ziehst du die alle durch?

Ich habe versucht mit den 199 Mikrofeminismen auch welche außerhalb meiner eigenen Realität abzubilden, jede:r soll und darf sich herauspicken, was er oder sie mag. Und ja, manchmal ich mich selbst schwer damit, direkt zu handeln. Aber schon das Bewusstsein, dass wir Frauen gelernt haben, immer leise und höflich zu sein, ist ein erster Schritt – also zu erkennen, dass wir nicht machtlos (aber oft stumm) sind. Allein dieses kollektive Bewusstsein zu schärfen, empfinde ich als besonders wichtigen ersten Schritt, der Veränderung bewirken kann.

Und gleichzeitig ist es gar nicht so leicht, optimistisch zu bleiben, wenn einem all die Ungerechtigkeiten bewusst werden. Gelingt dir das?

Das fällt auch mir schwer. Ich habe drei Kinder und es ist ernüchternd, wie sehr sich Geschlechterstereotype halten – etwa im Kleidergeschäft oder in ländlichen Gegenden. Auch mein Sohn wird wegen pinker Gummistiefel oft für ein Mädchen gehalten. Dennoch: Gerade deshalb ist Mikrofeminismus wichtig, um auch außerhalb der „Bubble“ Veränderungen zu bewirken.

Glaubst du, dass sich in zehn Jahren im Alltag spürbar etwas durch Mikrofeminismus verändern wird?

Ja, durchaus. Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurückblicke, hat sich viel getan. Begriffe wie „Mental Load“ oder „Care-Arbeit“ waren damals noch kaum bekannt. Jetzt gibt es sie und sie helfen, Probleme zu benennen. Es ist ein Prozess – aber ich bin optimistisch, dass Mikrofeminismus den Alltag in den nächsten Jahren weiter verändern wird.

Was möchtest du, dass die Leser:innen aus deinem Buch mitnehmen?

Vor allem die Erkenntnis, nicht allein zu sein. Wenn wir zusammenstehen und uns austauschen, schwindet das Gefühl der Machtlosigkeit. Wut kann dabei auch produktiv sein – und muss nicht immer laut sein. Es reicht manchmal schon der Blickkontakt mit einer anderen Frau in der U-Bahn. Und zweitens: Jede:r von uns hat die Möglichkeit, im Kleinen etwas zu verändern.
 

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert