Autorin Ronja von Rönne : "Man kann jemanden lieben und ihn trotzdem nicht mögen!"

Schreiben ist für sie jedes Mal ein Alptraum. Trotzdem hat Ronja von Rönne gerade ihr fünftes Werk «Alles Liebe» veröffentlicht. Die 34-Jährige weiß, wovon sie redet: Tinder, Hochzeit, Scheidung – Ronja von Rönne hat alles durch. Ein Gespräch über Lügen, Selbstzweifel und die goldenen Nullerjahre. 

BRIGITTE: Ronja, dein neuer Roman handelt von verhängnisvollen Lügen und Selbstbetrug in der Liebe. Du hast einmal gesagt, dass du selbst bei deiner eigenen Hochzeit viel zu wenig nachgedacht hast. Was hat sich in deinem Verständnis davon verändert, was zwei Menschen wirklich zusammenhält?

Ronja von Rönne: Damals habe ich eher Häkchen abgehakt: Kreativer Beruf? Check. Reiselustig? Check. Guter Vater? Check. Ich habe nicht darauf gehört, ob wir als Menschen wirklich kompatibel sind. Heute bin ich mit jemandem zusammen, der ein genauso großer Chaot ist wie ich. Das macht es nicht unbedingt leichter, aber man hat mehr Verständnis füreinander, weil man ähnlich auf das reagiert, was das Leben einem hinwirft. Meist planlos, aber irgendwie ist es tröstlich, wenn mindestens einer von uns beiden gerade sein Portemonnaie verlegt hat. 

In deinem Buch gibt es den Satz: «Ich liebe ihn, aber ich mag ihn nicht.» Ist das ein Paradoxon, das du aus deinem Umfeld kennst?

Absolut. Das passiert in Familien ständig. Man ist zur Liebe verdammt, weiß aber gar nicht, ob man mit seinen eigenen Geschwistern abhängen würde, wenn man nicht verwandt wäre. Ich glaube, man kann jemanden lieben und ihn trotzdem nicht mögen. Aber ich glaube nicht, dass das in einer Paar-Dynamik funktionieren kann.

Ein weit verbreitetes Mantra lautet: «Man muss sich selbst lieben, um andere lieben zu können.» Du hältst das für falsch. Warum?

Ich finde mich selbst maximal okay, aber ich werde trotzdem geliebt. Sich bedingungslos selbst zu lieben, wenn man all seine eigenen Fehler und unangenehmen Seiten kennt, finde ich fast schon albern. Ich würde sogar so weit gehen, Leuten, die behaupten, sich selbst zu “lieben” eine Art Auto-Gaslighting zu unterstellen. Und es ist eine schlicht gemeine These: Solange du dich nicht liebst, bist du auch nicht liebenswert. Was für ein Schwachsinn. Ich denke wir alle lieben Menschen, die sich gerade selbst nicht besonders toll finden. Ein Beispiel: Wenn ein geliebter Mensch in einer schweren Drogensucht verloren ist, liebt der sich garantiert gerade nicht selbst. Längst kein Grund, ihn fallen zu lassen, oder als Angehöriger weniger zu lieben. Selbstliebe ist keine Voraussetzung für die Liebe anderer.

Wir erleben gerade, dass immer mehr Frauen der romantischen Liebe abschwören, weil sie in Beziehungen mit Männern oft den Kürzeren ziehen. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?

Statistisch gesehen profitieren Männer von einer Ehe, Frauen eher nicht. Eine Heirat bedeutet für Frauen durchschnittlich sechs Stunden mehr Arbeit pro Woche, für Männer eine Stunde weniger. Es gibt eine «Male Loneliness Epidemic», wo frustrierte junge Männer sich online gemeinschaftlich in Misogynie suhlen. Aber: Gleichzeitig sind genauso viele Frauen Single. Und diese alleinstehenden Frauen werden nicht zu Arschlöchern, sondern gründen Buchclubs und fliegen mit ihrer besten Freundin in die Toskana und leben durchschnittlich länger, als ihre verheirateten Altersgenossinnen. Also: Ja, Romantik ist uns zwar in die DNA gegossen, aber wir Frauen wollen sie heute nicht mehr um jeden Preis.

Du hast deinen Ex-Mann über Tinder kennengelernt. Würdest du die App heute noch empfehlen?

Die Ehe endete in einer Scheidung, also… (lacht) Meine Freundinnen löschen ihre Profile regelmäßig wieder, weil sie keine Lust mehr auf diese ständigen Spaziergang-Dates haben. Für mich sind Schlagfertigkeit und Geruch extrem wichtig, das merkt man beim Swipen nicht. Ich lerne Leute lieber im echten Leben kennen. Ich glaube, die Aufwands-/Ertragsrechnung geht beim Online Dating meistens einfach nicht auf. 

Du bist mit 23 durch einen Text über Feminismus in einen massiven Shitstorm geraten und brauchtest sogar Polizeischutz. Wie blickst du heute auf diese Ronja von damals?

Ich bin seitdem sehr vorsichtig geworden, aber damals habe ich das Ausmaß gar nicht so begriffen. Der Text war aus jugendlicher Naivität und Arroganz geboren. Ich wollte mich nicht als Opfer stilisieren und dachte, ich brauche den Feminismus nicht, weil ich mich selbst für stark genug hielt. Das war natürlich viel zu kurz gedacht. Feminismus ist so viel mehr, als meine eigene Trotzhaltung. Darauf haben mich Gott sei Dank kluge Köpfe wie Margarete Stokowski damals hingewiesen. Aber: Was mich bis heute ärgert ist, dass «Feministinnen» damals behaupteten, ich sei eigentlich gar nicht verantwortlich, das Patriarchat hätte mich zu diesem Text getrieben, der damalige Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt –  habe mir gesagt, ich solle das so schreiben. Ne, so nicht. Es war meine eigene, wenn auch nicht besonders clevere Idee damals. 

Dein neues Buch wird als Roman des Sommers gefeiert. Was bedeutet dir Erfolg heute – und wer freut sich wirklich mit dir?

Ich habe für «Alles Liebe» die besten Kritiken meiner Karriere bekommen. Aber ich habe gelernt: Nur die eigenen Eltern freuen sich wirklich ehrlich, wenn man Erfolg hat. Bei anderen schwingt oft ein Vergleich mit, besonders wenn sie im selben Bereich arbeiten. 

In deinem Nachwort sagst du, dies sei dein letzter Roman, weil du deinem Umfeld diesen Stress nicht nochmal zumuten willst. Dein Ernst?

(lacht) Ich habe zwar schon einen neuen Vertrag, aber das sind kurze Geschichten. Erst einmal kein Roman mehr. Ich bin froh, dass ich nicht nur vom Schreiben leben muss, sondern auch meine Arte-Sendung «Unhappy» moderieren kann. Diese Abhängigkeit vom Schreiben allein wäre nicht gut für mich. Ich brauche echte Begegnungen mit echten Menschen, me, myself, and I sind eher in einem toxischen Arbeitsverhältnis miteinander. 

Eine Geschichte in «Alles Liebe» handelt von einer 13-Jährigen, die ein Konstrukt aus Lügen erfindet, um gemocht zu werden. Du hast mal erzählt, dass du selbst als Kind Bauchschmerzen vorgetäuscht hast, bis es zur OP kam. Wieviel von dir selbst steckt in den Figuren? 

Sagen wir so: Ich kann die emotionalen Motive dahinter gut nachvollziehen – etwa die Angst, nicht zu genügen. Mein guter Freund und Schriftstellerkollege Benedict Wells sagt über seine Bücher stets “Alles erfunden, aber alles empfunden” – genau so empfinde ich das. 

Du entführst uns im Buch auch zurück in die Nullerjahre, in eine Zeit vor Smartphones und dem alles verschlingenden Social Media. Ist das reine Nostalgie oder vermisst du etwas an dieser «analogen» Zeit?

Ich bin total nostalgisch. Früher gab es eine klare Trennung in Computerzeit und Nicht-Computerzeit; das war gesünder. Auf MySpace musste man noch mit HTML herumbasteln, das war kreativer. Damals waren soziale Medien noch wirklich sozial. Man sah Avocadobrote, aber keine hochprofessionalisierten Influencer-Kanäle. Es fühlte sich sicherer an. Aber vielleicht ist Nostalgie auch ein Alters-Gebrechen. 

Zwischen Hochglanz-Feeds und Dauerwerbung fällt dein Instagram-Account angenehm aus der Reihe. Du sprichst über psychische Erkrankungen, Trauer, persönliches Scheitern. 

Alles andere wäre mir viel zu anstrengend. Dieses Gefälligkeitsgelaber und die ständigen Kooperationen mache ich nicht. Ich nutze es als Tagebuch und um Werbung für meine Texte zu machen. Aber ich kuratiere natürlich auch: Nur weil es privat und sehr offenherzig scheint, behalte ich natürlich sehr viele Momente für mich. Dass Influencer heute oft Ghostwriter für ihre Bücher nutzen, finde ich schrecklich – da könnte man auch gleich eine KI nehmen. Das wäre immerhin ehrlich.

Buchcover "Alles Liebe"
Einer der Romane dieses Sommers: «Alles Liebe» von Ronja von Rönne (23 €, dtv).
© dtv

Apropos KI. Nutzt du solche Tools für deine Arbeit?

Nur zur Recherche, etwa wenn ich wissen muss, wo in Deutschland der Boden sauer oder basisch ist. Ich habe auch einmal eine Geschichte reinkopiert und nach der Fortsetzung gefragt. Der Vorschlag war aber so schlecht, dass er mich auf eine ganz andere, eigene Idee gebracht hat. Aber kein Satz in meinem Buch stammt von einer KI – die kann einfach noch nicht so gut schreiben wie ich. Ironischerweise ist das, was die KI behauptet – nämlich Künstlerinnen ersetzen zu können – das was ich ihr am wenigsten abnehme. Juristen sollten sich Sorgen machen, aber die Sehnsucht nach der menschlichen Interpretation der sogenannten Realität ist ein krisensicherer Job. Sage ich jetzt. Frag mich in fünf Jahren nochmal. 

In deiner Danksagung beschreibst du den Schreibprozess als Martyrium. Was war so schlimm? 

Ich habe fast drei Jahre lang bloß auf Ideen herumgedacht und Notizen auf Papier gemacht, mich aber nicht an den Laptop getraut. Wegen meines ADHS fehlte mir schlicht die Dringlichkeit, die Deadline war zu weit weg. Als ich letztes Jahr endlich anfing, war der erste Entwurf Schrott. Ich musste jede Geschichte drei- oder viermal schreiben.

Und dann kam ein Moment, der alles veränderte: Der Tod deines besten Freundes im letzten Oktober. Wie schreibt man ein Buch über die Liebe, wenn man gerade mitten in der Trauer steckt?

Danach habe ich das Buch erst einmal gar nicht mehr angeschaut. Ein paar Monate später habe ich es in drei Monaten in einem totalen Delirium „runtergerissen“. Ich habe nicht mehr geschlafen, konnte kaum essen. Es wurde körperlich: Irgendwann konnte ich plötzlich nicht mehr richtig sehen, die Dinge wurden in meiner Wahrnehmung zu groß oder zu klein, wie bei „Alice im Wunderland“, mir war schwindelig. Also habe ich  Passagen kurzerhand in ein Diktiergerät gesprochen. Es war wirklich abenteuerlich und grenzwertig. Eine selbstgebastelte Zumutung. 

Hast du diese Symptome medizinisch abklären lassen oder hast du einfach weitergemacht, weil die Deadline unerbittlich näher rückte?

Ich habe erst hinterher mit meinen Ärzten gesprochen. Damals dachte ich, es läge vielleicht an meinen Epilepsiemedikamenten. Aber ich bin leider dieser Schreibtyp: Ich brauche die Deadline im Nacken. Das war schon beim Abitur so, ich mache alles auf den letzten Drücker. Das Problem ist: Bisher hat es immer funktioniert. Würde ich einmal scheitern, würde ich es vielleicht lernen, aber so geht es sich am Ende immer irgendwie aus.

 

 

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