Blitzlichterinnerungen: Was der 11. September über unser Gedächtnis verrät

Wo warst du am 11. September 2001? Viele wissen bis heute ganz genau, was sie gerade machten, als die Terroranschläge in New York verübt wurden. Doch gerade besonders starke Erinnerungen können trügen. Ein Neurowissenschaftler erklärt, warum wir manche Momente nie vergessen – und uns trotzdem nicht immer richtig an sie erinnern.

BRIGITTE: Herr Konrad, warum speichert unser Gehirn manche Erlebnisse über Jahrzehnte – und andere kaum einen Tag?

Dr. Boris Nikolai Konrad: Weil unser Gedächtnis kein neutraler Videorekorder ist. Es bewertet ständig, was wichtig, neu, emotional oder gut mit vorhandenem Wissen verknüpft ist. Genau deshalb weiß ich noch sehr viel von besonderen Tagen, aber nicht mehr, was ich an einem völlig normalen Dienstag vor fünf Jahren gefrühstückt habe. Nicht jedes Frühstück ist wichtig, nicht jeder Hund, der uns begegnet, ist es wert, erinnert zu werden. Aber der Hund, der mich angefallen hat, oder das romantische Frühstück mit meiner Frau in den Flitterwochen, die stechen heraus und bleiben für immer. Übrigens auch nicht als unveränderte Erinnerung, aber zumindest im Kern. Unser Gehirn funktioniert gerade deshalb so gut, weil es auswählt und sehr viel vergisst.

Warum prägen sich emotionale Ausnahmesituationen offenbar besonders stark ins Gedächtnis ein?

Emotion und Gedächtnis liegen im Gehirn erstaunlich dicht beieinander. Das limbische System ist an beidem beteiligt, an Emotionsverarbeitung und an Gedächtnisbildung. Wenn etwas uns erschreckt, begeistert oder tief berührt, bekommt die Information gewissermaßen ein großes rotes Schild: wichtig. Dadurch entstehen mehr Verbindungen und die Chance steigt, dass das Erlebnis langfristig erhalten bleibt.

Spannend.

Das hatte vermutlich evolutionäre Vorteile. Wer aus besonderen Situationen für die Zukunft gelernt hat, konnte besser Gefahren vermeiden oder Chancen erkennen und so länger leben. Im Gehirn ist die emotionale Aktivität sozusagen dafür da, solche Situationen hervorzuheben.

Im Zusammenhang mit Weltereignissen, wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001, hört man immer wieder von Blitzlichterinnerungen. 

Blitzlichterinnerungen sind sehr lebhafte Erinnerungen an überraschende, emotional bedeutsame Ereignisse, bei denen man häufig noch Jahre später zu wissen meint: Wo war ich? Mit wem? Was habe ich gerade gemacht? Der 11. September 2001 ist dafür ein klassisches Beispiel, zumindest für alle, die heute 35 oder älter sind. 

Und was macht eine Blitzlichterinnerung aus? 

Diese Erinnerungen fühlen sich oft außergewöhnlich präzise an, sind es deshalb aber nicht automatisch. Das «Blitzlicht» ist eher ein gutes Bild für das subjektive Gefühl der Erinnerung. Nicht für eine perfekte fotografische Aufnahme. Biologisch ist es übrigens das Gleiche wie in der Frage zuvor. Eine Nachricht, ein Ereignis sind so stressvoll oder emotional, dass in dem Moment sehr viel mehr abgespeichert wird.

Wie zuverlässig sind diese Erinnerungen? 

Wichtig ist, sich klarzumachen, dass Erinnern immer Rekonstruktion ist. Wir öffnen im Gehirn keine Videodatei vom 11. September und spielen sie wieder ab. Stattdessen setzt unser Gehirn die Szene jedes Mal neu aus verschiedenen gespeicherten Bestandteilen zusammen und füllt Lücken, ohne dass wir das bemerken.

Dr. Boris Nikolai Konrad
Dr. Boris Nikolai Konrad ist promovierter Neurowissenschaftler, mehrfacher Gedächtnisweltmeister und Guinness-Weltrekordhalter. An der Radboud Universität in Nijmegen erforscht er die neurowissenschaftlichen Grundlagen und Anwendungen von Gedächtnistraining und Neurotechnologien. Zudem ist er Autor mehrerer Bücher, darunter «Alles nur in meinem Kopf» und der SPIEGEL-Bestseller «Mehr Platz im Gehirn». 2016 wurde er von der National Speakers Association als «Certified Speaking Professional» ausgezeichnet.
© Kay Blaschke

Also können wir uns gleichzeitig an ein Ereignis wie den 11. September erinnern und uns trotzdem in einzelnen Details täuschen?

Ja. Eine Erinnerung kann unglaublich lebendig sein und trotzdem falsche Details enthalten. In meinem Buch beschreibe ich ein schönes Beispiel aus der Debatte über angebliche Jubelfeiern nach den Anschlägen vom 11. September 2001, die in US-Städten stattgefunden haben sollen und Jahre später in US-Wahlkämpfen Thema wurden. 
Es gibt dafür aber keinerlei Belege, eher stichhaltige Gegenbeweise. Trotzdem sind überraschend viele Menschen überzeugt: «But I saw it!» («Ich habs doch gesehen!»). Sehr wahrscheinlich waren dabei später gesehene Fernsehbilder aus anderen Ländern oder von ganz anderen Ereignissen in die eigene Erinnerung hineingerutscht.

Wie beeinflussen Emotionen, Wiederholungen und mediale Bilder unsere Erinnerung?

Alle drei können Erinnerungen sehr stark machen, aber nicht unbedingt genauer. Emotionen erhöhen die Bedeutung eines Ereignisses. Wiederholung stabilisiert Inhalte im Gedächtnis, besonders wenn wir etwas aktiv wieder abrufen, also uns bewusst daran erinnern, statt es nur nochmal zu sehen. Aber auch Bilder sind für unser Gehirn besonders mächtig. Das nutze ich ganz bewusst im Gedächtnistraining, da wird das zum großen Vorteil. 

Können Wiederholungen auch zum Problem werden?

Wenn wir später immer wieder Fernsehbilder sehen, Gespräche hören oder neue Details erfahren, dann kann sich das, was wir erinnern, mit dem vermischen, was wir ursprünglich tatsächlich erlebt haben. Das zeigt auch das 11.-September-Beispiel. Andere Studien haben das mit Zeugenaussagen belegt: Wer direkt danach noch sehr unsicher war, meint, sich plötzlich doch richtig gut daran zu erinnern, nachdem er einen Zeitungsartikel dazu gelesen hat. Unser Gedächtnis wird dadurch oft fester, aber eben nicht automatisch wahrer.

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