Boomer-Kindheit: Darum fällt es uns so schwer, um Hilfe zu bitten

Du bist unabhängig, stark, regelst alles selbst? Chapeau! Doch diese Stärke kann Verbundenheit verhindern und einsam machen. Was dahinterstecken könnte. 

Ich habe den Anspruch, mein Leben allein zu schultern. Ich brauche niemanden dafür, oder besser: Ich will niemanden dafür brauchen. 

Das Gefühl ist so stark, als sei es Teil meiner DNA: logisch, dass ich mein Leben selbst finanziere, mein Kind großziehe und alles selbst regle, vom Fensterputzen bis zur Steuererklärung. Und wenn ich mir doch mal Hilfe organisiere, weil ich etwas nicht kann oder nicht will – Fahrrad reparieren, Wohnung streichen, Kisten schleppen –, bezahle ich gerne jemanden dafür. Freunde und Familie frage ich möglichst wenig um Hilfe, wehre ihre Hilfsangebote sogar ab. Ich will niemandem etwas schuldig und von niemandem abhängig sein.

Liegt’s an der Boomer-Kindheit?

Ein Teil davon lässt sich vermutlich damit erklären, dass ich in den 60er und 70ern aufgewachsen bin. Wie damals üblich, schärfte meine Mutter mir ein: Mädchen, mach eine vernünftige Ausbildung, du musst in der Lage sein, für dich selbst zu sorgen! 

Hinzu kam das Gefühl, schnell anderen lästig zu sein. Die meisten unserer Mütter und Väter sind in Nationalsozialismus und Krieg aufgewachsen, in einer Zeit also, in der Zuwendung als «Verzärtelung» verpönt war. Viele von ihnen haben keine liebevolle Kindheit erlebt, und so koppelten sie Liebe und Anerkennung auch bei den eigenen Kindern häufig an Leistung und angepasstes Verhalten. Wir lernten, möglichst nicht zu stören und die Dinge allein mit uns auszumachen. 

Zumal wir viel Zeit ohne Aufsicht verbrachten. Manche von uns waren als Schlüsselkinder auf sich gestellt, weil beide Eltern arbeiten mussten und «Nachmittagsbetreuung» ein Fremdwort war. In anderen Familien waren die mütterlichen Pflichten mit dem Bereitstellen des Mittagessens erstmal erfüllt. Bis zum Abendbrot waren wir Kinder meist unter uns. Streitigkeiten wurden ohne die Hilfe von Erwachsenen ausgetragen, auch den Schulweg meisterten wir allein.

All das förderte ein hohes Maß an Selbstständigkeit und das Gefühl: «Ich kann das, ich komme alleine klar». Psycholog:innen sehen bei Boomern dann auch häufig als Kern-Selbstbild: «Ich bin die Person, die Dinge regelt und niemanden dafür braucht.» Und ja, das ist eine wichtige Ressource in meinem Leben, für die ich dankbar bin. 

Sich helfen zu lassen, hilft auch unseren Beziehungen

Doch wie alles im Leben hat auch diese Stärke ihre Schattenseiten: Wenn wir doch mal Hilfe benötigen, kratzt das an unserem Selbstverständnis als kompetente, autonome Person. Wir setzen die Hürde zu hoch, uns Hilfe zu suchen oder diese anzunehmen. Erst wenn wir verzweifelt sind, weil nichts mehr geht, werden wir aktiv. Manchmal warten wir zu lange, und stecken schon mittendrin im Burnout. Zahlen aus 2023 zeigen, dass gerade Frauen zwischen 60 und 64 ausbrennen. Und damit ist niemandem geholfen – weder uns noch den anderen, die nun helfen müssen, weil wir nicht mehr können.  

Wenn andere dann tatsächlich etwas für uns tun, fühlt es sich so an, als schuldeten wir ihnen etwas. Der Irrglaube: Wir haben uns abhängig gemacht und müssen das schnellstmöglich wieder in Ordnung bringen, indem wir der anderen Person ebenfalls einen Gefallen tun. Dabei stärken wir unsere Beziehungen, wenn wir uns helfen lassen: Sich zu zeigen und auszusprechen, dass man Hilfe braucht, kann die Voraussetzung für echte Begegnung sein. 

Um Hilfe zu bitten bedeutet, dem Drang zu widerstehen, die perfekte Version seiner selbst zu präsentieren – diejenige mit den Antworten, dem Plan, der ruhigen Ausstrahlung. Es bedeutet, innezuhalten und sein wahres Ich sprechen zu lassen. (Nancy Ancowitz in «Psychology Today»)

Aus der Suche nach Unterstützung kann Verbundenheit entstehen, und Verbundenheit ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wer immer nur autonom und unabhängig agiert, kann einsam werden. Und was sonst sind Beziehungen als Geben und Nehmen?

Auch unser Gegenüber profitiert

Studien haben gezeigt, dass es nicht nur uns selbst zugutekommt, um Hilfe zu bitten, sondern auch unserem Gegenüber: Wir geben jemandem die Chance, sich einzubringen und wichtig zu sein. Und auch das ist ein wichtiger Glücksfaktor im Leben eines jeden Menschen: Mattering, das Gefühl, für andere von Bedeutung zu sein.

«Um Hilfe zu bitten, kann sich wie eine Bloßstellung anfühlen», sagt Nancy Ancowitz. «Aber es kann auch eine Einladung sein und manchmal der Beginn von etwas Echtem: einer Beziehung, nicht nur einer Transaktion.» Um das Bitten zu kultivieren, helfe zum Beispiel dieser Gedanke: «Ich scheitere nicht, sondern wir bauen gemeinsam etwas auf.» Das Hilfegesuch ist dann kein Zeichen von Bedürftigkeit, sondern eine Gelegenheit für Zusammenarbeit – für ein «Wir» statt für ein «Ich».

Seit ich das erkannt habe, übe ich mich im Hilfe annehmen. Und im Hilfe erbitten. Es fällt mir nicht leicht. Aber das ist kein Grund, es nicht zu versuchen.

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