Fehlt uns die Empathie für die modernen Berufswelten von Eltern – oder gilt uneingeschränkt: Ein Kind gehört nicht ins Internet? Ein Gedankenexperiment.
Die Aufmerksamkeit der Fotograf:innen war Drag Queen Candy Crash letzte Woche gewiss, als sie mit ihrer fünf Monate alten Tochter Berlin im exaltierten Leoparden-Partnerlook den roten Teppich der «Kaulitz & Kaulitz»-Premiere betrat. Nach dem Blitzlichtgewitter und zahlreichen Interviews folgte, klar, der obligatorische Shitstorm in den sozialen Medien: «Keine Handtasche, dafür Baby Berlin als passendes Accessoire. Sorry, das stößt mir unangenehm auf», kommentierte jemand auf Candys Instagram-Account. Eine andere Followerin schrieb: «Absolut verantwortungslos!!! Nicht mal Lärmschutzhörer! Das Baby ist keine Puppe!!»
Wo hört Vereinbarkeit auf und wo fängt Vermarktung an?
Erwartbare, nachvollziehbare Reaktionen. Vor allem für die erfolgreiche Influencerin und YouTuberin Candy, die als frischgebackener Papa quasi hauptberuflich auf Social Media ihr Familienleben in Hollywood dokumentiert, seit sie und ihr Partner im Februar 2026 mithilfe einer Leihmutterschaft in den USA Eltern wurden.
Die allermeisten ihrer rund 300.000 Follower:innen feiern «die» 33-Jährige – der im wahren Leben Luca heißt – dafür, dass er als offen schwuler Vater ein Familienmodell vorlebt, das für viele LGBTQ+-Menschen sichtbar macht: Auch wir können Familie sein. Und wer Familie lebt, stößt naturgemäß schnell ans Thema Vereinbarkeit.
Nun ist Candy Crash aber weder Grundschullehrerin in Teilzeit, noch Redakteurin im Homeoffice oder Vollzeit-Housewife, sondern eben eine gefragte Person des öffentlichen Lebens. Und ihr neuester Coup ist eine Nebenrolle in der dritten Staffel der Reality-Doku «Kaulitz & Kaulitz» ihres engen Freundes Bill Kaulitz, der auch die «Patentante» ihrer Tochter ist. Das Format steht seit Tagen auf Platz eins der Netflix-Charts.
Sollten wir mit mehr Empathie auf neue Berufswelten schauen?
Ich erwähne das, weil ein Blick auf neue, moderne Berufswelten durchaus lohnt, um empathisch zu bleiben. Candy Crash bekommt in den USA sicher kein Elterngeld und hat deshalb unmittelbar nachdem das Baby auf der Welt war, als Content Creatorin weitergearbeitet. Anders als eine Angestellte kann sie sich nicht einfach monatelang aus der Öffentlichkeit verabschieden – in der Creator Economy gilt: Wer verschwindet, verliert Reichweite. Und Reichweite bedeutet Einkommen.
Klar, dass Candy bei der Premiere dabei sein wollte. «Ich habe weder eine Nanny, noch ist mein Partner dabei, noch habe ich einen Babysitter», erzählte sie am roten Teppich. Im Klartext: Da ihr Partner offenbar beruflich in Kalifornien zu tun hatte, blieb ihr wohl nur die Wahl, abzusagen – oder mit Baby Berlin nach Berlin-City zu fliegen. Die Drag Queen selbst schrieb zu einem Foto von der Premiere übrigens: «I’m not like a regular mom. Wer bestimmt schon, was normal ist? Und wer sagt, dass normaldenn gleich auch gut ist?»
Wer bestimmt schon, was normal ist?
Wagen wir also ein Experiment und versuchen, ihre Auftritte mit (ungepixeltem) Baby positiv zu sehen. Schließlich reden (wir) alle ständig darüber, dass berufstätige Eltern mehr Sichtbarkeit brauchen und wir Kinder nicht immer nur wegorganisieren können.
Letztes Jahr setzte bereits Grünen-Politikerin Hannah Steinmüller ein Zeichen: Sie war die erste Abgeordnete in der Geschichte des Bundestages, die ihr Kind mit ans Rednerpult nahm. Auch damals wurde hitzig diskutiert: Die einen stempelten sie als Rabenmutter ab, eine große Zeitung fragte: «Muss man das dem Baby wirklich antun?» Andere sahen in ihr einfach eine Frau, die beruflich am Ball bleiben möchte.
Arbeiten mit Kind vs. das Kind vermarkten
Vielleicht fehlt uns tatsächlich die Empathie für Berufe, die anders funktionieren als unsere eigenen – und für Eltern, die keine Wahl haben, als beides gleichzeitig zu sein. Gerade auch angesichts einer neuen Studie, die belegt, dass es der Frauenanteil in Führungsgremien im Vergleich zum Vorjahr wieder um ein Prozent gesunken ist – auf 37 Prozent.
Trotzdem gibt es aber einen gewaltigen Unterschied zwischen mit Kind arbeiten und das Kind mitvermarkten. Ein Baby auf dem Arm bei einer Premierenfeier ist gelebte Vereinbarkeit – das kann man schon mal machen, wenn es nicht anders geht. Ich habe meine Sohn auch schon mit zu einem Interview genommen und er hat sich köstlich amüsiert. Dort waren allerdings auch keine Kameras.
Ich zeige sein Gesicht nichtmal in meinem WhatsApp-Status, geschweige denn in den sozialen Medien. Für mich und die meisten anderen Eltern ist das – zum Glück – ein No-Go. Denn Kinder haben (noch) keine Möglichkeit zu sagen: «Dieses Foto möchte ich nicht im Internet haben». Kinderwunschberaterin und Sozialarbeiterin Katharina Horn betont gegenüber BRIGITTE klar: «Kinder gehören nicht ins Netz. Wir können nicht verfolgen, wer was mit den Bildern unserer Kinder macht – Nutzung für KI, Darknet. Hinzu kommt: Ein Kind kann gar nicht selbst entscheiden, ob es im Internet sichtbar sein möchte und ob es die Konsequenzen tragen möchte.»
Ein Kind kann nicht selbst entscheiden, ob es im Internet sichtbar sein möchte
Was heute niedlicher Familiencontent ist, kann in zehn Jahren beschämend sein. Bilder lassen sich kopieren, speichern und in völlig andere Zusammenhänge stellen. Das digitale Leben dieses Kindes wird unwiderruflich im Netz sein. Und genau deshalb wiegt sein Recht auf Privatsphäre schwerer als der Wunsch seiner Eltern nach Authentizität, beruflichem Erfolg und der vielzitierten Vereinbarkeit. Mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung müssen Candy Crash und ihr Partner leben und sich eines Tages den Fragen ihrer Tochter stellen. Ich wünsche Ihnen dafür nur das Beste.
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