Cornell-Uni, Fall Wuttke, Oktoberfest: Eine Woche, die zeigt, dass wir weiter laut sein müssen

USA, München, Indien – diese Woche erreichten uns von überall Nachrichten über sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Schon wieder. Und so allmählich schwindet die Zuversicht, dass sich jemals etwas ändert. Aber stimmt das wirklich? Wir haben bei Claudia Wuttke nachgefragt, bekannt als «deutsche Pelicot», deren Fall diese Woche erneut Schlagzeilen machte. Ihre Antwort macht Mut und zeigt, dass sich doch eine Menge bewegt. 

Es gibt Wochen, in denen man die Nachrichten am liebsten gar nicht erst lesen würde. Diese hier ist so eine. 

Den Anfang machte die Fortsetzung des Falls Claudia Wuttke. Die Hamburger Krimiautorin ging erneut an die Öffentlichkeit – mit einer Erkenntnis, die selbst nach allem, was sie schon durchgemacht hat, noch einmal den Boden unter den Füßen wegzieht. Zur Erinnerung: Wuttke hatte im Frühjahr durch einen Anruf der Polizei erfahren, was ihr eigener Ex-Partner ihr über 16 Jahre lang angetan haben soll: Ermittler:innen hatten auf einem beschlagnahmten Computer Videos gefunden, die zeigen, wie sie – mutmaßlich betäubt – missbraucht wird. 67 Taten, dokumentiert zwischen 2006 und 2021. 

Endlich hat Claudia Wuttke «ihren Beweis» 

Fast noch bitterer als die Taten selbst war für viele die juristische Realität danach: 65 der 67 Fälle waren bereits verjährt. 

Nun, nach monatelangem Warten, hat ein Gutachten Klarheit gebracht – und genau das ist es, was Wuttkes Fall aktuell wieder in die Medien bringt. Die Gutachter attestieren ihr einen «komatösen Zustand», der «definitiv nicht» einem physiologischen Schlaf entspreche; die Rede ist von «tiefer Sedierung» und «lebensbedrohlich». «Die Taten, an die ich mich nach wie vor nicht erinnern kann, erschrecken mich immer wieder neu», so Wuttke. «Ich hätte sterben können.» 

So erschütternd diese Erkenntnis klingt – für Wuttke selbst ist sie paradoxerweise eine Befreiung. Denn endlich gibt es Schwarz auf Weiß, worauf sie seit Monaten gewartet hat: «Ich persönlich halte es jetzt für bewiesen, dass ich sediert wurde», erklärt sie gegenüber BRIGITTE. «Die Staatsanwaltschaft handelt nun hoffentlich entsprechend.»

Ähnliche Fälle passieren ständig und überall 

Den 1. Oktober nennt sie deshalb «einen sehr guten Tag» – denn an diesem Tag hat ihre Anwältin Christina Clemm die Stellungnahme zu dem Gutachten des Somnologen an die Staatsanwaltschaft Hamburg übermittelt, nach mehr als fünf Monaten Wartezeit. Monate voller Anspannung und Bangen, wie sie gegenüber BRIGITTE erzählt. Und doch zieht sie daraus keine Resignation, sondern Kraft: «Wenn ich mich allein darauf konzentriere, wie ungerecht und brutal unsere gesellschaftliche Realität sich darstellt, raube ich mir den Lebensmut und die Kraft, selbstbestimmt und autark für mich und stellvertretend für so viele andere betroffene Frauen einzustehen.»

Die weiteren Fälle dieser Woche zeigen: Sexualisierte Gewalt und institutionelle Schutzlücken sind keine Einzelfälle.

Gruppenvergewaltigung an Elite-Uni

In den USA etwa wird gerade ein Fall neu aufgerollt, der zeigt, wie wenig Institutionen bislang hinschauen wollten: An der US-Elite-Uni Cornell wirft eine ehemalige Studentin sieben Männern vor, sie 2024 im Haus der Verbindung «Chi Phi» über mehrere Stunden missbraucht und vergewaltigt zu haben – entscheidungsunfähig gemacht durch Ketamin und Alkohol. Laut Anklageschrift soll per Snapchat sogar eine Einladung kursiert sein: «free pussy upstairs». 

Obwohl sich die damals 20-Jährige rund drei Wochen später an die Campus-Polizei wandte, kam es zunächst zu keiner Anklage. Zwei der Studenten wurden von der Uni verwiesen, die übrigen fünf sind nach kurzer Suspendierung mit einem Aufsatz und einem Workshop davongekommen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder aufgenommen; die Frau verklagt die sieben Männer, die Verbindung und die Universität auf Schadensersatz.

Vergewaltigungen auf Oktoberfest

Dass sexualisierte Gewalt kein Ausnahmezustand, sondern Alltag ist, zeigt auch der Blick nach München: Auf Instagram warnte die Ärztin Dr. Luisa Werner diese Woche Frauen eindringlich davor, das Oktoberfest allein oder stark alkoholisiert zu verlassen. Ihr Arbeitsalltag und der vieler Kolleg:innen aus der Frauenheilkunde haben sich seit der Wiesn «komplett verändert» – «täglich mehrmals, sehr sehr häufig», habe sie es mit Vergewaltigungen zu tun, meist auf dem Heimweg, aber auch «zwischen den Zelten». 

Das Gefühl: Es hört nicht auf

Verschiedene Schauplätze, ein Gefühl: Es hört nicht auf. Und irgendwie auch: Es bringt ja doch nichts. Doch ganz so stimmt das nicht.

Wie groß das Problem tatsächlich ist, zeigt eine neue Dunkelfeldstudie des BKA: Jede 15. Frau in Deutschland vermutet, dass ihr schon einmal K.-o.-Tropfen verabreicht wurden – in der offiziellen Kriminalstatistik taucht das als eigenes Delikt aber bis heute gar nicht auf. Charlotte Förster, Juniorprofessorin an der TU Chemnitz, hat mit ihrer anonymen Studie «Don’t knock me out» über 1.000 Verdachtsfälle in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesammelt – angezeigt hat ihren Verdacht aber nur jede Zehnte. Scham, Erinnerungslücken durch die Substanzen selbst und die Erfahrung, von Stelle zu Stelle geschickt zu werden, halten viele Betroffene vom Gang zur Polizei ab.

«Symbolpolitik»: Die Kritik von Betroffenen

Genau in dieser Lage hat der Bundestag Ende September erstmals darüber debattiert, K.-o.-Tropfen künftig als «gefährliches Tatmittel» einzustufen und die Mindeststrafe von drei auf fünf Jahre anzuheben – ein Schritt, der nach außen wie ein klares Signal wirkt.

Doch längst nicht alle sehen darin bereits die Lösung. Nina Fuchs, selbst Betroffene von K.-o.-Tropfen, sagt gegenüber BRIGITTE: «Für mich ist das eher Symbolpolitik, denn wenn man sich mit dem Thema auskennt, weiß man, dass es kaum Verurteilungen gibt. Schärfere Strafen ohne Verurteilung bringen Betroffenen leider sehr wenig. Man könnte so viele Sachen machen, die den Betroffenen wirklich zugutekommen und langfristig etwas für sie zum Positiven verändern. Aber das wird mit dieser geplanten Gesetzesänderung leider nicht gemacht.»

Wo sich wirklich etwas bewegt

Wie weit das deutsche Recht der Realität digitaler und sexualisierter Gewalt oft hinterherhinkt, zeigt auch ein dritter Fall: Collien Fernandes. Ihr öffentlicher Umgang mit jahrelangem digitalem Missbrauch durch ihren Ex-Mann hat die politische Debatte über digitale Kriminalität in Deutschland beschleunigt und konkrete Reformen angestoßen – darunter eine Strafverschärfung bei Deepfake-Pornografie sowie eine Pflicht zur IP-Datenspeicherung. Mindestens ebenso wichtig: Fernandes‘ Auftritt hat ein breiteres Bewusstsein dafür geschaffen, wie hilflos Betroffene von Cyber-Stalking bislang oft dastehen.

Einen konsequenteren Weg ist Frankreich gegangen. Ausgelöst durch den Prozess um Gisèle Pelicot – deren Ex-Mann sie fast zehn Jahre lang betäubte und Fremden zur Vergewaltigung anbot – hat das Land sein Sexualstrafrecht reformiert und das Prinzip «Nur Ja heißt Ja» eingeführt: Sex ohne ausdrückliche, freie, konkrete und widerrufbare Zustimmung gilt nun als Vergewaltigung. Schweigen oder bloßes Nicht-Reagieren zählt ausdrücklich nicht als Zustimmung.

«Ja heißt Ja» ist zwar gescheitert – aber nur vorerst 

In Deutschland dagegen ist genau dieser Vorstoß gescheitert – sowohl im Bundestag als auch auf Ebene der Justizminister:innen wurde «Ja heißt Ja» abgelehnt. Vorerst.

Die Fälle Wuttke, Pelicot und Fernandes machen auf unterschiedliche Weise deutlich, wie präsent Gewalt gegen Frauen ist – und wie groß die gesetzlichen Schutzlücken teilweise noch sind. Gleichzeitig zeigen sie, was möglich ist, wenn Betroffene laut werden und für mehr Schutz und Gerechtigkeit kämpfen. Veränderung passiert. Wuttke selbst bringt es so auf den Punkt: «Ich lebe! Und ich kämpfe.»

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