Klar, wissen wir alles besser als die Lehrkräfte! Aber deshalb Elternvertreterin werden? Unsere Autorin Marlene Hellene über den Moment, wenn beim Elternabend alle plötzlich ganz klein werden.
Wir kennen alle das Nichtwählerproblem: Menschen, die nicht wählen gehen und dann von zu Hause aus, in ihren bequemen Fernsehsesseln sitzend, die Regierung, die Politik und per se einfach mal alles unqualifiziert kritisieren. Das sind meist Menschen, die davon überzeugt sind, es besser zu wissen und besser zu können. Durch ihr Nichtwählen, das Sich-ihrer-Verantwortung-Entziehen, entlarven sie sich aber letztlich nur als großmäuligeFaulpelze.
Das ist bei der Wahl der Elternvertreter nicht anders. Ich wage mal die steile Behauptung, dass über das Thema Schule in Elternkreisen fast mindestens genauso viel geschimpft wird wie im Rest der Bevölkerung über politische Entscheidungen.
Die Vorurteile über Lehrkräfte
Lehrkräfte sind zu faul, sagen sie, in ihrer Notengebung zu willkürlich. Gemein und schlecht ausgebildet. Haben keine Ahnung, dafür eine Menge Vorurteile, missverstehen den armen kleinen Johannes und bevorzugen die doofe Anna. Und überhaupt die vielen Ferien. Und die Krankentage. Und mittags haben sie immer frei. Ach, und natürlich verdienen sie zu viel, und ihr Beamtenstatus macht sie unantastbar. Sie dürfen alles, können sich alles erlauben, und Konsequenzen gibt es keine. Ja, und wenn nicht über die Lehrkraft geschimpft wird, ist die Schule im Ganzen schlecht: absurde Lehrpläne, schlechte Ausstattung, Entscheidungen, die nicht nachvollziehbar sind. Und überhaupt macht die Frau Direktorin doch, was sie will. Nur nicht genug für die Schülerinnen und Schüler.

© Friedrich Meyer
Das ist nur eine kleine Auswahl an Beschwerden, aber ich vermute, Lehrkräfte nicken beim Lesen leidgeprüft, sind sie doch jeden Tag damit konfrontiert. Ich will nicht behaupten, dass es keinen Anlass für Kritik am Schulsystem oder Teilen der Lehrerschaft gäbe. Auch will und kann ich mich absolut nicht davon freimachen, selbst welche zu äußern. Und bestimmt fällt in diesem Zusammenhang auch manchmal das ein oder andere schlimme Wort. Vielleicht rolle ich auch bei manchen Schilderungen meiner Kinder die Augen oder muss mich durch innerliche Anti-Aggressions-Atemübungen wieder auf ein normales Pulsniveau beruhigen.
Ja, ich sag’s, wie es ist: Manches läuft richtig scheiße in unseren Schulen. Wegen eines veralteten Systems, fehlender Gelder und manchmal auch wegen einzelner Personen.
Wirklich etwas tun
Im Sessel zu sitzen und zu schimpfen, wird das nur leider auch nicht ändern. Und deswegen gebe ich, die ich schon seit Jahren Witze darüber mache, wie man am besten nicht als Elternsprecher gewählt wird, und mich auf Elternabenden schneller ducke als mein Schatten, hier und jetzt folgenden Rat:
Stell dich zur Wahl! Steh auf, hebe die Hand, nicke. Nicht nur wirst du den – wenn auch meist sehr kurzlebigen – Dank aller anderen Eltern spüren, du hast auch die Möglichkeit, dich für die Rechte der Kinder einzusetzen. Aktiv, ohne nörgeliges Gegrummel aus dem Ohrensessel, dafür tatkräftig mit echten Argumenten.

Elternabende können gruselige Veranstaltungen sein. Besonders für Personen, die leicht frieren, bei Hunger sehr schlechte Laune bekommen, sich schon bei der kleinsten unangebrachten Bemerkung fremdschämen und es generell hassen, im Dunkeln das Haus zu verlassen. Personen wie mich also. Mit dem richtigen Equipment aus Heizdecke, Take-away-Pizza und einem Repertoire tödlicher Blicke ist es am Ende aber oft gar nicht mehr so schlimm.
Also hingehen! Und sei es nur, um herauszufinden, ob der neue Erdkundelehrer wirklich wie Wurmschwanz aus Harry Potter aussieht (ja) und die Englischlehrerin «wie du, Mama, nur sehr viel jünger» (auch ja. Leider).
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