Eine unterschätzte Nebenwirkung der Wechseljahre ist die Wechseljahre-Wut. Fast zwei Drittel der Frauen erleben Stimmungsschwankungen, bei denen zwischen Gereiztheit und Wutausbruch nur ein kleiner Schritt liegt. Was mit dir genau passiert und wie du damit umgehen kannst, erfährst du hier.
Wenn einem Lamm plötzlich Hörner wachsen, es die Zähne bleckt und Dampf aus seinen Nüstern strömt, dann kommt entweder gleich Newt Scamander auf der Suche nach einem seiner phantastischen Tierwesen um die Ecke – oder du bist einfach in der Perimenopause.
Kennst du diese besondere Form weiblicher Wut auch, diese «Meno-Rage»? Selbst Frauen, die ihr Leben lang ein Ausbund an Freundlichkeit, Hinwendung und Ausgeglichenheit waren, können in dieser Phase vulkanartige Wutausbrüche fabrizieren. Oder auch nur extrem reizbar und dünnhäutig sein. Das irritiert nicht nur ihr Umfeld, auch sie selbst wissen nicht, was da mit ihnen geschieht. Und das macht Angst.
«Plötzlich brüllte ich die Kinder an!»
Falls du dachtest, Hitzewallungen seien das Hauptsymptom der Wechseljahre: Meno-Rage kommt ebenso häufig vor. Fachleute sprechen von bis zu 70 Prozent betroffener Frauen, die unter ihrer Reizbarkeit und unerklärlichen Wutausbrüchen leiden.
In einem Interview erzählte mir kürzlich eine Frau, wie sie sich vor sich selbst erschrak, als sie eines Tages vor ihren Kindern stand und sie aus dem Nichts anbrüllte. Warum sie die Beherrschung verlor, wusste sie nicht mehr, vermutlich war es etwas Alltägliches, Banales. Sie kannte ein solches Verhalten von sich nicht, ihre verdutzten Kinder von ihr ebenso wenig. Was war da in sie gefahren?
Ich muss zugeben, mir sind Temperamentsausbrüche nicht fremd. Schon als Kind fühlte ich mich eher Rumpelstilzchen als Schneewittchen verbunden. Ja, ich war aufbrausend, wurde auch recht schnell wütend. Aber immer aus Gründen! Weil irgendetwas total ungerecht war, zum Beispiel, oder jemand einfach nur gemein. Als Erwachsene konnte ich diese Emotionen dann besser regulieren. Bis bei mir die Hormone durchknallten – nur, dass ich das anfangs nicht wusste.
Es sind die Hormone, jetzt aber wirklich!
Wenn Kleinigkeiten ausreichen, um uns aus der Haut fahren zu lassen oder in Tränen auszubrechen, wenn wir eben noch himmelhoch jauchzend und kurz darauf zu Tode verärgert sind, kommt das nicht von ungefähr. Manch eine kennt diese Achterbahnfahrt aus der Pubertät. In den Wechseljahren passiert ähnliches.
Hormonelle Schwankungen, wie sie typisch sind für die Monate vor der letzten Regelblutung – wir sprechen jetzt nicht vom normalen Zyklus-Auf-und-Ab –, bringen ein fein austariertes System aus dem Gleichgewicht. In seinem Blog erklärt der Gynäkologe Dr. Joseph Roofeh, Mitglied der US-amerikanischen Menopause Society: «Hormonelle Veränderungen verringern die Fähigkeit des Gehirns, Emotionen zu regulieren, und erhöhen gleichzeitig die Stressempfindlichkeit, wodurch kleinere Ärgernisse als überwältigend empfunden werden.»
Gegen Ende der fruchtbaren Jahre schwankt der Östrogenpegel extrem, Progesteron sackt zeitweise nahezu komplett ab. Das macht etwas in unserem Gehirn. Denn dort werden Neurotransmitter wie Dopamin, Cortisol und Serotonin unmittelbar beeinflusst, was das Gehirn mit widersprüchlichen Botschaften flutet.
Das kann sich in diesen Stimmungsschwankungen, ungewohnter Reizbarkeit und plötzlichen Wutausbrüchen niederschlagen. Vor allem, wenn körperliche Symptome wie Hitzewallungen, Müdigkeit und Schlafstörungen unsere emotionalen Reserven zusätzlich belasten. Liegt dann wieder einmal eine Socke auf dem Fußboden, kann die Eskalation ganz schnell gehen.
Kann ich überhaupt etwas tun?
Zu wissen, dass hier biochemische Vorgänge am Steuer sind, kann schon mal beruhigen und helfen, etwas gelassener mit diesen Ausbrüchen umzugehen. Dazu ist es aber notwendig, auch das Umfeld aufzuklären, damit daraus keine familiären oder partnerschaftlichen Krisen werden.
Außerdem lässt sich, sobald die Zusammenhänge erkannt sind, einiges tun: Generell wirken regelmäßiger Sport und das Praktizieren von Stressreduktionstechniken, wie etwa Meditation, Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung, positiv aufs Gemüt. Pflanzliche Wirkstoffe, wie Baldrian, Johanniskraut oder Passionsblume tun ihr Übriges, sofern man ein wenig Geduld mitbringt. Sie wirken alle nur langfristig, aber nicht auf Knopfdruck.
Doch deshalb ist genau jetzt die Zeit, besonders auf sich Acht zu geben, sich selbst mit Nachsicht zu begegnen und auf keinen Fall noch besseres «Funktionieren» von sich zu fordern. Einatmen. Ausatmen. Und noch einmal.
Wird aber der Leidensdruck und die Beeinträchtigung des Alltags so stark, hilft dein:e Gynäkolog:in weiter. So kann in der Frühphase die Gabe von Progesteron für Besserung sorgen. Besprich am besten, welche Art Hormontherapie jetzt für dich sinnvoll wäre.
Ein schmaler Grat
Wenn Frauen gereizt sind, sind sie möglicherweise tatsächlich gereizt worden. Auch das ist ein Punkt, der nicht vergessen werden darf. Hormone sind eine Erklärung für die Reaktionen. Aber sie sind kein Freifahrtschein, nach dem Motto: «Egal, was ich tue, sie flippt sowieso aus.» Die Vorgänge laufen innen ab, aber der Trigger kommt häufig von außen. Deshalb können auch die Angehörigen dazu beitragen, dass die Vulkanausbrüche glimpflich ausgehen. Indem sie kein Drama draus machen, der Hormongebeutelten ihre Ausraster nicht nachtragen und sie dennoch ernstnehmen.
Es bringt schon viel, Rücksicht auf ihre dünne Haut und kurze Lunte zu nehmen. Irgendwann ist die Phase auch wieder vorbei. Gut, wenn dann keine verbrannte Erde zurückbleibt.
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