Wie sollten endlich aufhören, unsere Partner zu fähigen Vätern erziehen zu wollen, sagt die Familienbegleiterin und Bestsellerautorin Susanne Mierau. Doch was ist die Alternative? Ein Gespräch.
BRIGITTE: Wenn ein Kind kommt, fallen die meisten Paare in traditionelle Rollenmuster zurück: Die Mutter fühlt sich zuständig, der Vater steht eher am Rand oder wird sogar an die Hand genommen. Warum ist das immer noch so?
Susanne Mierau: Zum einen kommen unsere Prägungen zum Tragen – wir alle haben gelernt, welche Mütter- und Väterrollen wir einnehmen sollen. Gleichzeitig machen es die gesellschaftlichen und politischen Strukturen schwer, gleichwertige Elternschaft zu leben: Da ist zum Beispiel die fehlende bezahlte Freistellung nach der Geburt für den zweiten Elternteil oder der Gender-Pay-Gap, der dazu führt, dass eher die Mütter im Job kürzertreten, um sich ums Kind zu kümmern.
Mütter fühlen sich oft nicht nur für die Kinder verantwortlich, sondern auch für das Wissen der Väter über kindliche Entwicklung oder Erziehung. Geben die Frauen die Verantwortung nicht ab – oder übernehmen die Männer sie nicht?
Einerseits ist bei den Frauen der Wunsch da, Verantwortung abzugeben. Doch wenn sie das tun, fallen die negativen Effekte trotzdem meistens auf sie zurück. Da wird nicht gesagt: ‚Papa hat das nicht richtig gemacht‘, sondern ‚Mama hat dir keine gesunde Brotdose mitgegeben‘ oder ‚Mama hat nicht darauf geachtet, dass du warm genug angezogen bist‘.
Mütter sehen sich häufig mit dem Vorwurf des «Maternal Gatekeeping» konfrontiert – dass sie angeblich selbst regeln wollen, was mit dem Kind geschieht.
Diesen Begriff sehe ich wirklich kritisch. Da Frauen fast immer länger Elternzeit nehmen als die Männer, verbringen sie mehr Zeit mit dem Kind und haben mehr Lernmöglichkeiten und Erfahrungswissen. Deswegen fallen ihnen die Abläufe oft leichter. Und der Vater kann sich dann so ein bisschen darauf ausruhen: Du kannst das besser, das fällt dir viel leichter. Doch dann sind wir in einem Kreislauf, den wir nur noch schwer durchbrechen können. Manchmal wird das von dem Mythos unterstützt, Frauen wären biologisch ohnehin besser fürs Kümmern geeignet.
Oft haben wir Frauen das Gefühl: Wenn ich es nicht mache, macht er es nicht – die Einschlafbegleitung, das Chaos in der Wohnung beseitigen, die Arzttermine vereinbaren. Manchmal fragen wir uns: Sollte ich mich vielleicht einfach entspannen und ihn machen lassen?
Da stellt sich wieder die Frage nach den Konsequenzen. Viele Frauen können sich nicht entspannen, weil sie wissen, dass im Nachhinein oft größere Lasten auf sie zukommen.
Welche Lasten meinen Sie?
In der Beratung habe ich immer wieder getrenntlebende Mütter, die sagen: Wenn das Kind am Wochenende beim Vater war, muss ich das hinterher auffangen. Da wurden zum Beispiel die Hausaufgaben nicht gemacht, weil man lieber eine schöne Zeit miteinander verbringen wollte. Und natürlich ist es wichtig, eine schöne Zeit zu haben. Aber dann ist die Konsequenz für die Mutter, dass sie das nacharbeiten oder das Kind in der Schule entschuldigen muss. Auch das Kind trägt dann Konsequenzen davon. Solche Strukturen kommen aber nicht nur in getrennten Familien vor, sondern auch in Partnerschaften – etwa wenn Mütter versuchen, emotional auszugleichen. Beispielsweise wenn der Vater dem Sohn sagt, dass er nicht weinen soll, wir aber heute wissen, dass das Unterdrücken von Gefühlen ungünstig ist.
Immerhin engagieren die Väter sich heute viel stärker in der Familie als in früheren Generationen.
Es ist ein riesiger Fortschritt, dass Väter heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Und sie lassen sich auch häufiger auf kindliche Interaktionen ein, wie Toben oder Quatsch machen. Gleichzeitig tragen sie das Emotionale und Organisatorische oft noch nicht ausreichend mit. Entweder müssen die Mütter dann die Konsequenzen mittragen, oder sie merken in der konkreten Interaktion: Oh, das kann er nicht gut, da grätsche ich schnell rein. Etwa wenn das Kleinkind einen Wutanfall hat und die Mutter sieht: Meinem Partner fällt es richtig schwer, mit der Wut umzugehen. Dann übernimmt sie wieder die Begleitung des Kindes, ihre eigene Selbstregulation und vielleicht auch noch die Regulation und spätere Information des Partners: Schau dir mal diesen Artikel oder dieses Reel an, das kann man anders machen.

© PR
Genau das kritisieren Sie in Ihrem Buch «Genug erklärt!». Sie wollen Frauen von der Aufgabe befreien, ihren Partner zu kompetenten Familienvätern zu machen. Was schlagen Sie stattdessen vor?
Erstmal müssen wir uns bewusst machen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, für alle die Gefühle zu tragen, alle zu therapieren, Erziehung zu erklären, es allen leichter zu machen. Aus diesem Selbstbewusstsein heraus sollten wir dem Partner sagen: Ich erwarte von dir, dass du erwachsen bist, auch in Hinblick auf deine Rolle als Vater. Dieses Erwachsensein bedeutet, dass du Verantwortung übernehmen musst. Wie du das machst, ist deine Sache. Es gibt Bücher, Podcasts, Beratungen, Kurse, es gibt Therapien. Das ist die Palette. Bediene dich daraus, so wie Mütter es auch tun.
Was, wenn der Partner sagt: Kann ich nicht, will ich nicht, ich fühle mich überfordert?
Da hilft der Vergleich mit der Erwerbsarbeit. Da kann ich auch nicht sagen: Ich habe da keinen Bock drauf. Hier zeigt sich das generelle Problem der fehlenden Wertschätzung von Sorgearbeit. Dabei ist sie extrem wichtig für unsere Gesellschaft und die Demokratie, und die Männer sollten sich dieser Arbeit nicht entziehen. Es gibt niedrigschwellige Angebote auch für Väter, die sich überfordert fühlen. Wichtig ist, sich selbst engagiert auf den Weg zu machen.
Trotzdem: Was, wenn der Partner nicht mitmacht?
Es muss klar sein, dass Elternschaft eine geteilte Aufgabe ist, die erwachsene Menschen gleichwertig übernehmen müssen. Dann kann ich immer noch sagen: Aus einer bewussten Entscheidung heraus übernehme ich die Sorgearbeit weiter, weil ich andere Vorteile in dieser Beziehung sehe. Oder ich stelle fest, die Vorteile überwiegen nicht mehr und es macht mich langfristig krank, in die Überlastung zu kommen. Dann muss ich sagen: Pass auf, das funktioniert so nicht. Entweder es ändert sich was, oder wir müssen unsere Beziehung beenden, weil ich deine Last nicht 20 Jahre oder mehr übernehmen kann. Dabei muss man aber auch sehen: Es gibt Gründe, warum Frauen sich aus belastenden Beziehungen nicht trennen, wie ökonomische Abhängigkeit oder Angst. Nicht alle Frauen haben die Möglichkeit, einfach zu gehen.
Wie gut funktioniert die gleichberechtigte Elternschaft in Ihrer Familie? Sie haben drei Kinder, eines hat eine Behinderung.
Ich bin seit 19 Jahren mit einem feministischen Mann verheiratet. Wir sind sehr bewusst in unsere Partnerschaft gestartet und haben einen sehr langen Ehevertrag gemacht. Darin haben wir genau geklärt, was wir machen, wenn ein Kind eine Behinderung haben sollte, und was das im Falle einer Trennung bedeutet. Wir haben also sehr früh angefangen, über alles zu diskutieren, und sind bis heute im ständigen Austausch. Seit die Kinder da sind, haben wir das Ritual, dass wir jeden Abend auf dem Sofa darüber reden, was gerade belastend ist, was ansteht – und was schön war.
Quelle: .


