Das Ganzkörpertraining ist gerade voll angesagt. Unsere Autorin ist trotzdem nicht überzeugt.
Ich gebe ihm noch mal eine Chance, weil er so beliebt ist. Nach 15 Jahren Beziehungspause. Und es fängt auch gut an mit mir und dem Reformer Pilates: netter Empfang in einem schicken Studio in der Hamburger Innenstadt, loungige Wohlfühlmusik, blumiger Duft – und Vorfreude. Doch sie hält nur ein paar Minuten an, dann muss ich mich mit etwa 30 anderen Frauen und einem Mann auf dem Flur umziehen. Offenbar hat der Platz nicht mehr für Umkleideräume gereicht, weil sonst die 39 Reformer nicht in den Raum gepasst hätten. Der übrigens im hinteren Teil des Studios, wo trainiert wird, gar nicht mehr so loungig wirkt, eher wie eine Fabrikhalle.
Reformer – für alle, die neu sind im PiIates-Business – sind Fitnessgeräte, die aussehen wie Streckbänke aus einem Folterarsenal, mit allerlei Federn, Seilen und Gurten. An denen zieht und drückt man auf Anweisung einer Trainerin zwischen 45 und 60 Minuten lang herum und beansprucht dabei viele Muskelgruppen im Körper.
Neu ist das Gerät nicht, ich war schon mal vor 15 Jahren beim Reformer Pilates und erinnere mich an Schinderei aus der Hölle und schlimmsten Muskelkater. Trotzdem ist das Ganzkörpertraining der absolute Renner gerade, beim Fitness-Anbieter Urban Sports Club stiegen die Zahlen der Teilnehmenden allein im Vorjahr um 165 (!) Prozent. Neue Studios schießen wie Pilze aus dem Boden, und auch bei TikTok und Instagram trendet das Workout. Die 15-jährigen Töchter meiner Freundinnen flippen aus vor Begeisterung, wenn Mama eine «Class» spendiert. Denn eine Stunde kostet schon mal 30 Euro, das muss man sich leisten können. Am besten bucht man 14 Tage vorher, um einen der begehrten Plätze zu erwischen. Klingt verrückt, ich weiß.
Powerhouse? Gibt’s bei diesem Pilatestraining offenbar nicht
15 Jahre nach dem ersten Date hocke ich also wieder auf diesem Foltergerät – und rase erstmal mit einem Affenzahn auf dem Schlitten nach hinten, weil ich mich zu schwungvoll hingesetzt habe. Wie ein Käfer liege ich auf dem Rücken und fuchtle mit den Armen. Natürlich kriegen das alle mit, so eng wie die Geräte nebeneinanderstehen. Oh je.
Überhaupt komme ich mir minütlich blöder vor, denn eine junge Frau mit bauchfreiem Outfit nach der anderen nimmt auf ihrem Reformer Platz. Gibt es hier eine Kleiderordnung? Oder eine Altersgrenze? Irritiert schaue ich an mir herunter: schwarzes T-Shirt und Leggings. Ich bin ganz klar nicht nur verhaltensauffällig, sondern auch optisch unangepasst und offenbar 20 Jahre zu alt.
Zum Glück habe ich keine Zeit, mich lange unwohl zu fühlen, denn wir legen los: Ausfallschritte in der Schlaufe, Planks auf dem Schlitten, seitliches Armziehen mit Band – alles solide funktionale Übungen. Eine Muskelgruppe nach der anderen arbeiten wir ab. Das berühmte Pilates-Powerhouse, die tiefe Muskulatur in der Körpermitte, muss ich allerdings selbst anspannen, das Wort fällt hier heute nicht, obwohl es sowas wie die DNA einer Pilatesstunde ist. Zwischendurch brennen meine Muskeln, aber ins Schwitzen komme ich nicht so richtig. Es ist fast ein bisschen langweilig, nicht das harte Workout, das ich in Erinnerung habe.
Wo bitte ist der After-Pilates-Glow?
Alle anderen allerdings finden es super. «Mein Bauch ist viel flacher», schwärmt meine Reformer-Nachbarin auf der Linken. Die Frau rechts von mir strahlt: «Großartig», sagt sie, «ich fühle meinen ganzen Körper.»
Ich fühle: Widerwillen. Keinen After-Pilates-Glow, nur miese Laune. Ich glaube, mit mir und dem Reformer Pilates wird das nichts – ein One-Night-Stand ja, aber keine Langzeitliebe. Wir sind ganz offensichtlich nicht beziehungskompatibel.
Dazu nerven mich das Hin- und Herrutschen auf dem Schlitten, die Enge und die Hipster-Trainerin zu sehr. Alles kommt mir künstlich vor, zu sehr auf die Außenwirkung bedacht statt auf das Training, das mich fordern sollte. Vielleicht, denke ich, liegt es an dem coolen und verkaufsfördernden Image, das sich Reformer Pilates zugelegt hat. Dazu passen Schweiß, ein Alter über 50 und gammelige Sportkleidung nicht – und ich damit auch nicht.
War früher alles besser?
Bei meinem ersten Date vor 15 Jahren war ich bei einer Personal-Pilates-Stunde, da gab es nur mich, die Trainerin und einen Reformer. Bei jeder Übung musste ich das Powerhouse mitanspannen, jede Übung war vom Widerstand an mich angepasst, ich gab alles und war danach richtig schön erschöpft. Genau das ist mir wichtig beim Sport: Ich möchte mich auspowern und das Gefühl haben, dass er mich stärker macht.
Nimm es also nicht persönlich, lieber Reformer: Du bist ein klasse Trainingsgerät. Denn Widerstand durch die Federn und Seile ist grundsätzlich sinnvoll, um einen effektiven Trainingsreiz zu setzen und Muskeln aufzubauen. Aber für 30 Euro, bauchfrei und mit so viel Coolness-Faktor? Da musst du dir eine andere suchen.
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