Heidi trifft Vito: Warum dein Kind deinen Ex mögen darf, obwohl du verletzt bist

Heidi Klum traf mit Tochter Leni zufällig auf ihren Ex Vito Schnabel. Wie meistert man solche emotional herausfordernden Begegnungen? Was müssen wir unseren Kindern überhaupt über gescheiterte Beziehungen erzählen? Zwei Psychologinnen geben klare Empfehlungen. 

Heidi Klum, 53, saß mit Tochter Leni, 22, beim Mittagessen in einem New Yorker Restaurant, vermutlich noch müde von ihrer großen Halloweenparty. Dann stand plötzlich ER neben dem Tisch: Ex-Freund Vito Schnabel, 40.

Auf den Fotos wirkte Klum leicht überfordert, Schnabel ballte die Hände vor lauter Anspannung gar zu Fäusten. Und Leni? Die schien sich als einzige zu freuen. 

Zufälliges Treffen mit dem Ex? Cringe! 

Zwischen Anfang 2014 und Ende 2017 waren Klum und der Galerist ein Paar. Betrogen haben soll er sie «vom ersten bis zum letzten Tag». So deutete Klum es 2024 im Podcast «Call Her Daddy» an, ohne einen Namen zu nennen. Für Leni und Klums andere Kinder soll er zwar nie ein Vaterersatz gewesen sein, aber doch zumindest eine Bezugsperson. 

Die zufällige Begegnung in New York wirft spannende Fragen auf, die viele von uns betreffen: Wie begrüßt man einen Mann, den man geliebt hat, der einem vielleicht sogar das Herz gebrochen hat, den die Kinder aber immer noch mögen? Und: Was sollte mein Kind eigentlich über meine Ex-Beziehungen wissen?

So viel Wahrheit wie nötig, so wenig Belastung wie möglich

Psychologin Nicole Engel sitzt auf Treppe
Expertin Nicole Engel ist Diplom-Psychologin, psychologische Psychotherapeutin und gründete das Psychologicum Berlin, Institut für mentale Gesundheit. Neues Buch: «Woman Out Of Service» (18 €, Mosaik).
© Lenny Rothenberg

«Kinder brauchen Ehrlichkeit, aber keine vollständige Offenlegung aller Erwachsenenkonflikte», sagt die Berliner Diplom-Psychologin Nicole Engel gegenüber BRIGITTE. «Eine gute Orientierung lautet: So viel Wahrheit wie nötig, so wenig emotionale Belastung wie möglich.» Kinder sollten erfahren, dass die Beziehung beendet ist und sich im Alltag etwas ändert. Sie sollten wissen, dass sie keine Schuld tragen, dass ihre Gefühle für den Ex in Ordnung sind und dass sie keine Partei ergreifen müssen. Intime Details oder Abwertungen des Ex brauchen sie nicht.

Das heißt nicht, dass man schweigen muss. Wurde die Mutter belogen oder betrogen, darf man das benennen, so Engel. Etwa so: «Er hat mich verletzt, und deshalb möchte ich keinen Kontakt mehr.» Nicht hilfreich seien Schuldzuweisungen: «Er hat unsere Familie zerstört. Du solltest wissen, was er mir angetan hat.» Denn dann werde aus einer Information schnell eine Aufforderung zur Parteinahme. Anders sei es bei Gewalt, Missbrauch oder Drohungen. Hier müsse altersgerecht informiert und geschützt werden.

«Unsere Kinder sind nicht unsere Freunde»

Familienpsychologin Nina Grimm lächelt
Unsere Expertin Familienpsychologin und Besteller-Autorin Nina Grimm. Neues Buch: «Eine Löwenmama muss nicht zwitschern können» (22 €, Beltz).
© Nicole Tie Fotografie

Familienpsychologin Nina Grimm rät zudem: «Man muss die Rollen klar trennen. Kinder sind nicht unsere Freunde, egal in welchem Alter.» Wenn das Liebesleben das Leben des Kindes berühre, solle man informieren, aber nicht involvieren und dabei zu 100 Prozent in der Selbstverantwortung bleiben. Zum Beispiel so: «Mir geht es gerade nicht gut. Deswegen habe ich rote Augen und wenig Lust, etwas zu unternehmen. Aber ich kümmere mich darum. Das ist nicht deine Aufgabe.»

Wo wird Offenheit zur Last? Engel spricht von emotionaler Parentifizierung: Das Kind übernimmt regelmäßig die Aufgabe, die Gefühle eines Elternteils zu regulieren. Das geschehe oft unbewusst, aus verständlicher Not. Die Mutter ist einsam und verletzt, das Kind ist verfügbar und zeigt Mitgefühl.

Typische Warnzeichen: Das Kind fragt ständig, ob es der Mutter gut geht. Es verschweigt eigene Themen, verteidigt die Mutter gegenüber dem Ex oder hat Schuldgefühle, wenn es ihn trifft. «Besonders tückisch ist, dass diese Kinder häufig sehr reif und verständnisvoll wirken. Sie bekommen Anerkennung dafür. Was leicht übersehen wird: Sie verzichten möglicherweise auf eigene Bedürfnisse», so die Psychologin. Entscheidend sei, ob das Kind sich frei fühlt zuzuhören oder verantwortlich, helfen zu müssen. Nina Grimm schlägt folgenden Satz vor: «Heute bin ich traurig. Ich kümmere mich darum. Du musst das nicht für mich lösen.»

Die Beziehung zum Ex gehört dem Kind

Wichtig sei auch die Unterscheidung zwischen der Beziehung zwischen Mutter und Ex und die zwischen Kind und Ex. «Beide dürfen unabhängig voneinander existieren», sagt Engel. «Ein Kind muss seine Loyalität nicht dadurch beweisen, dass es einen Menschen ablehnt, zu dem es selbst eine Beziehung aufgebaut hat. Umgekehrt muss eine Mutter ihre Verletzung nicht verleugnen, nur um souverän zu wirken.»

Familienpsychologin Grimm bestätigt: «Die Beziehung zwischen Kind und Ex-Partner sollte als eigenständig gehandhabt werden. Sie kann und darf weiter bestehen, auch wenn ich gerade gekränkt bin.» Nach einer Trennung sei ein Kontaktabbruch erstmal natürlich. Dann könne man sagen: «Für mich ist es gerade noch schwer, ihn zu sehen. Aber ich arbeite daran. Du darfst ihn weiter toll finden, und wenn du ihn treffen magst, helfe ich dir dabei.» Das sei «Persönlichkeitsentwicklung hoch 25 und definitiv kein Spaziergang. Aber es lohnt sich.»

Wenn das erwachsene Kind den Kontakt hält

Wenn erwachsene Kinder weiterhin Kontakt zum Ex der Mutter oder des Vaters halten wollen, dürfe man ruhig sagen, was das mit einem mache. Entscheidend sei, wie. Engels Formulierungsvorschlag: «Ich möchte ehrlich mit dir sein: Es fällt mir nicht leicht, dass ihr weiter Kontakt habt. Die Trennung hat mich verletzt. Gleichzeitig weiß ich, dass deine Beziehung zu ihm eine andere ist als meine. Ich möchte nicht, dass du dich zwischen uns entscheiden musst.» Das sei «emotionale Offenheit ohne Vereinnahmung». Ihr Rat: Verletzlichkeit zeigen, aber auf Schuldzuweisungen und emotionale Erpressung verzichten. «Ein erwachsenes Kind darf wissen, dass etwas wehtut. Es muss aber nicht dafür sorgen, dass dieser Schmerz verschwindet.»

Das richtige Maß an Offenheit ändert sich mit dem Alter: 

  • Grundschule: «Kinder brauchen Sicherheit statt Erklärungen», sagt Nicole Engel. Man könne sagen: «Wir sind kein Paar mehr. Das ist eine Entscheidung zwischen Erwachsenen. Du hast nichts damit zu tun. Du darfst ihn trotzdem mögen.»
     
  • Pubertät: «Jugendliche merken, wenn man etwas schönredet. Die Mutter darf mehr über ihre Gefühle sprechen, aber Jugendliche sollten keine Verbündeten gegen den Ex werden», so Engel. Entlastend wirke: «Ich sehe das anders als du, aber ich respektiere, dass du deine eigene Beziehung zu ihm hast.»
     
  • Erwachsenenalter: Hier ist Offenheit auf Augenhöhe möglich. Kinder dürfen zuhören und trösten. Die Grenze ist erreicht, wo aus Nähe eine Verpflichtung wird. Grimm rät, Anekdoten nie ungefragt zu erzählen: «Ich hab dazu eine Geschichte, magst du sie hören?»

Vielleicht lautet also die klügere Frage nicht: Was darf mein Kind wissen? Sondern: Was soll es mit diesem Wissen anfangen? Soll es eine Veränderung verstehen oder bestätigen, dass die Mutter recht hat? Über alles reden zu dürfen heißt nicht, alles hören zu müssen.

Nach einer Begegnung mit dem Ex helfe statt einem schnippisch-beleidigten «Du hast dich aber gefreut» die Frage: «Wie war das gerade für dich?», rät Familienpsychologin Grimm. Dann sollte man die Antwort stehen lassen, auch wenn sie anders ausfällt als erhofft. Zum Beispiel: «Total schön.»

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