Unser Körper ist häufig viel schlauer als der Kopf – durch ihn gibt es Heilung auch ohne Worte.
Das Wichtigste zuerst: Niemand will zurück in eine Zeit, in der über vieles, was uns Menschen beschäftigte, geschwiegen wurde; in der man Dinge mit sich selbst auszumachen versuchte und still litt, statt sich Unterstützung zu holen. Und sicher gibt es auch weiterhin Themen, über die wir mehr sprechen sollten, ebenso wie Gesellschaftsgruppen, in denen die verbale Offenheit noch längst nicht angekommen ist.
Es geht hier also nicht darum, öfter mal die Klappe zu halten. Aber der Satz «Lass mal drüber reden» ist noch keine Lösung und auch nicht immer der Weg, damit es uns besser geht. Ein Gespräch – ob privat oder in der Therapie – kann befreiend sein, aber ist kein Allheilmittel. Manchmal kann es Probleme verfestigen oder sogar verschlimmern.
«Für mich sind wir eine Gesellschaft der zu vielen Worte und des zu wenigen Seins», schreibt die Psychologin Jennifer Subke in «Wenn alles zu viel wird» (Neva Verlag). «Wir spüren uns oft selbst nicht und versuchen, uns durch Worte zu rechtfertigen, uns zu entschuldigen, etwas schönzureden oder beim anderen Ballast abzuladen.» Dabei kommen wir oft weiter, wenn wir nicht (nur) auf Worte setzen.
Am Anfang war keine Sprache
… und noch lange nicht das Wort. Menschliche Sprache ist maximal ein paar 100 000 Jahre alt. Unser autonomes Nervensystem, das unbewusst arbeitet und mit Sympathikus und Parasympathikus in zwei Bereiche unterteilt wird, entstand dagegen vermutlich schon vor 400 bis 500 Millionen Jahren. Immer mehr körperorientierte Verfahren in Therapie und Selbsthilfe nehmen sich daher explizit archaische Prozesse zum Vorbild: «Tension and Trauma Releasing Exercise» (TRE) zum Beispiel wie Tiere, die eine gefährliche Situation überstanden haben. Oder EMDR die schnellen Augenbewegungen aus dem REM-Schlaf, 300 Millionen Jahre alt, in dem das Gehirn Erlebtes verarbeitet. EMDR gilt als die wirksamste und schnellste Therapieform, um Traumafolgestörungen zu behandeln – oft reichen wenige Sitzungen. Sogenanntes Debriefing, das auf strukturierte Gespräche setzt, um Belastungsstörungen und Ängste zu verhindern oder abzumildern, kann dagegen sogar schaden, wie man inzwischen weiß.
Wie wortlos Körper und Psyche miteinander verbunden sind, lässt sich aber auch jenseits solcher Methoden erfahren, vor allem bei Bewegung. Denn sie steigert sehr direkt Stimmung, Stressresilienz, Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein.
Nerven brauchen mehr als Reden
«Das autonome Nervensystem sorgt an erster Stelle für die Sicherheit – die Erfahrung von Sicherheit ist auch die Basis von Bindung und Beziehung», sagt Annette Hamann, die in ihrer Bielefelder Praxis für körperorientierte Psychotherapie vor allem mit der sogenannten sanften Haltetherapie arbeitet.
Der schlichte Satz «Hier bist du sicher» oder «Jetzt kannst du dich entspannen» kommt jedoch gar nicht bei unserem Nervensystem an, erst recht nicht, wenn es dauerhaft angespannt ist. Es muss Sicherheit auch körperlich spüren. Annette Hamann bietet das Halten für Einzelpersonen, aber auch für Paare an. «Die meisten Paare, die zu mir kommen, reden zunächst ganz viel, auch weil sie ein großes Bedürfnis haben, von jemand Dritten, also in dem Fall von mir, Recht zu bekommen.» Natürlich sei ein Gespräch wichtig, um Vertrauen aufzubauen. Doch dann müsse sie ihre Klientinnen und Klienten oft auch bremsen, um sie anzuleiten, sich erst mal wieder selbst zu spüren.
«Es geht darum, bei sich zu sein statt immer nur mit Worten beim anderen», so Hamann. Das beginnt mit ganz einfachem Nachforschen, wie man gerade auf Stuhl oder Sessel sitzt, wie sich die Aufregung im Körper anfühlt, ob man den Wunsch hat, sich umzusetzen, um sich entspannter zu fühlen. «Der Körper hat seine eigene Sprache und gibt ständig Zeichen, wir haben nur verlernt, sie wahrzunehmen», sagt Annette Hamann. «Wenn dann beide Partner wirklich zur Ruhe kommen, leite ich das sanfte Halten an, zum Beispiel auf einer Matte.» Anders als bei einer Umarmung im Alltag, wird dabei immer vorher genau abgesprochen, wer wen hält und was die Person, die gehalten wird, sich wünscht. «Die Botschaft des Haltenden ist dabei nicht ‚Ich möchte dich beruhigen oder streicheln‘, sondern einfach nur ‚Ich bin da‘.» Die Therapeutin spricht von einer physischen, lebendigen Erfahrung, die viel tiefer gehe, als wenn dieser Satz ausgesprochen würde.
Wir sind dafür gemacht, berührt zu werden
«Berührungen können etwas, das Worte nicht können. Sie sind echter, ehrlicher und direkter», sagt Dr. Michaela Maria Arnold. «Sie sind wie eine Ursprache, auf die wir immer zurückgreifen können.» Die Ärztin für Naturheilverfahren und Autorin von «Das Berührungsbuch» (Klett-Cotta) ist auch staatlich anerkannte Masseurin. In ihrer Doktorarbeit konnte sie zeigen, dass eine wöchentliche sanfte Massage nach dem Prinzp des «affective touch» bei Menschen mit Depressionen zu einer deutlichen Besserung führt.
Achtsame und sanfte Berührung aktiviert vor allem den Vagus, den Hauptnerv des parasympathischen Systems, sodass wir in einen Zustand von Regeneration und Entspannung kommen und Herzrhythmus, Blutdruck, Verdauung, Hormon- und Immunsystem positiv beeinflusst werden. «Berührung bringt uns auch in Balance, wenn wir durch Stress oder Schmerzen aus dem Gleichgewicht geraten sind, und wirkt ganzheitlich, also körperlich und psychisch», sagt Arnold. Dass wir dafür gemacht sind, berührt zu werden, zeigt sich auch darin, dass es in unserer Haut spezielle Nerven gibt, C-taktile Fasern genannt, die nur anspringen, wenn wir sanft und langsam gestreichelt werden. Die ideale Geschwindigkeit dafür: drei Zentimeter pro Sekunde.
Wie sehr uns Berührung fehlt, sei uns oft gar nicht bewusst, so die Medizinerin; die Folge aber direkt spürbar als ein Gefühl mangelnder Verbundenheit miteinander, aber auch mit uns selbst. «Wir sollten lernen, das Bedürfnis nach Berührung wieder wahr- und ernst zu nehmen, und sie bewusst in unseren Alltag holen.»
Sprache bleibt oft an der Oberfläche
«Natürlich spreche ich mit den Menschen, die zu mir kommen, und mache eine sehr gründliche Anamnese», sagt die Hypnosetherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie Antje Reuter aus Hamburg. Es sei wichtig, Probleme in Worte zu fassen, um sie besser zu verstehen. Aber gelöst seien sie damit eben noch nicht. «Unsere Emotionen, Entscheidungen und Verhaltensmuster, alles was uns bestimmt, wird zu 95 Prozent aus dem Unterbewusstsein gesteuert, und nur dort kann auch die Auflösung erfolgen.» Sprache, so Antje Reuter, schwimme wie Verstand und Bewusstsein lediglich obenauf. Das bedeute nicht allein, dass der Zugang zu den tieferen Schichten nur rational-verbal schwierig sei. «Unser Verstand besitzt Abwehrmechanismen, um negative Emotionen zu verdrängen, die Kontrolle zu behalten und im Alltag funktionieren zu können. Dazu gehören auch die vielen Worte, die wir benutzen. Durch sie verlieren wir den Zugang zu unserem innersten Kern.»
Antje Reuter arbeitet viel mit sogenannter auflösender Hypnose. Sie soll eine Person wieder in den Zustand – oftmals liegt er in der Kindheit – versetzen, der die unangenehmen Emotionen ursprünglich ausgelöst hat. «Natürlich kann man auch in Gesprächen ergründen, woher zum Beispiel die eigene Angst vor dem Verlassenwerden kommt. Aber rational werden wir sie trotzdem nicht lösen können, weil sie zu tief in unserem Unterbewusstsein verankert ist», sagt Antje Reuter. «Wenn diese Gefühle aber in der Hypnose endlich gesehen und zugelassen werden, ist das die Brücke zur Freiheit.» Wie schnell das oft gehe, überrasche sie immer wieder – und erst recht ihre Klientinnen, die meist schon eine ganze Reihe therapeutischer Ansätze hinter sich haben. Der Satz, den sie von ihnen am häufigsten hört: «Da rede ich doch schon seit Jahren drüber.»
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