Mit der Strafanzeige gegen ihren Ex-Mann trat die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes eine Debatte über digitale Gewalt los. Ein Gespräch über Hass, Solidarität und die Herausforderung, mit dem Erlebten klarzukommen
Zum Interview in einem Studio in Hamburg bringt Collien Fernandes nur eine kleine Tasche mit. Aus der zieht sie vor dem Gespräch eine Dose «Red Bull», trinkt einen Schluck und redet dann zwei Stunden lang fast ohne Pause.
Sie ist aufgewühlt, manchmal kommen ihr die Tränen, mehrmals bricht es aus ihr heraus: «Ich bin so wütend!» Man merkt: Die Wucht der Reaktionen, die ihr Fall ausgelöst hat, die bundesweiten Solidaritätsdemos, die Debatten im Bundestag und in vielen Familien, aber auch die Welle an Hass gegen sie, hat sie so nicht erwartet. Ende Mai, als unser Gespräch stattfindet, ist sie noch sehr damit beschäftigt, alles für sich zu sortieren. «Genau genommen ist das gerade mein Hauptjob», sagt sie.
BRIGITTE: Wie fühlen Sie sich?
Collien Fernandes: Mal einigermaßen okay, mal bin ich verzweifelt und wütend und manchmal einfach nur fassungslos. Was viel damit zu tun hat, wie sich die Gegenseite in diesem Fall verhält. So läuft es im Grunde seit der Veröffentlichung meiner Geschichte im «Spiegel».
Was meinen Sie damit?
Das Feedback, das ich bekam, war zunächst fast nur positiv. Vor allem Frauen schrieben mir, erzählten von eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Es war sehr berührend. Bis die Anwälte meines Ex-Mannes ihr erstes Statement veröffentlichten: Ihr Mandant habe nie Deepfake-Videos von mir hergestellt und verbreitet. Das wurde in der Berichterstattung des «Spiegel», gegen die die Anwälte dann auch gerichtlich vorgingen, aber nie behauptet, auch nicht von mir. «Er widerspricht ihren Vorwürfen» stand danach trotzdem überall. Für viele war klar, sie lügt und er wehrt sich. Ein rechter Blog schrieb, dass ich lüge, sei längst bewiesen, mein Ziel sei die Einführung der Klarnamenpflicht, dafür würde ich von der Regierung bezahlt. Danach explodierte der Hass. Vorrangig Männer beschimpften mich. Ich bekam Morddrohungen, hatte Todesangst.
Im Mai entschied das Landgericht Hamburg, dass die Veröffentlichung im «Spiegel» überwiegend rechtmäßig und angemessen war.
Das half, der Hass hat seither abgenommen.
Sie haben Ihren Ex-Mann im Dezember 2025 in Spanien angezeigt, unter anderem wegen Anmaßung des Personenstands, öffentlicher Beleidigung und Körperverletzung. Warum gerade in Spanien?
Die Gesetze gegen geschlechtsspezifische Gewalt sind dort umfassender. Es gibt zum Beispiel spezialisierte Staatsanwaltschaften, die Richter und Staatsanwälte werden zum Umgang mit Opfern geschult.
Mittlerweile hat Spanien jedoch erklärt, man sei für den Fall nicht zuständig. Er liegt nun bei der Staatsanwaltschaft Potsdam, die gegen Ihren Ex-Mann auch ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat – vorerst aber nur wegen Körperverletzung. Ob auch wegen digitaler Gewalt ermittelt wird, wird noch geprüft.
So ist es. Offenbar weiß man in Deutschland nicht so recht, in welche Kategorie man es packen soll, wenn jemand im Namen seiner Frau Fake-Profile erstellt und über diese pornografische Videos verschickt mit der Behauptung, diese zeigten sie. Das macht mich wirklich wütend. Und es zeigt: Es gibt gewaltige Gesetzeslücken.
Anm. d. Redaktion: Christian Ulmen wollte sich auf Anfrage zu den Vorwürfen nicht äußern.
Haben Sie deshalb Sie im Mai in einem Interview gesagt, Sie würden einer Frau, die Ähnliches erlebt hat, nicht raten können: «Zeig ihn an»?
Unser Justizsystem ist derzeit tatsächlich noch sehr schlecht aufgestellt, es wird unsensibel mit Opfern umgegangen und die Gesetze sind so lückenhaft, dass man traumatisierte Frauen nicht mit gutem Gewissen dort hineinschicken kann. Viele warten ewig auf den Prozess und dann passiert im Ergebnis meist nichts. In Berlin etwa wird gerade mal in drei Prozent aller Fälle häuslicher Gewalt ein Strafbefehl erlassen.
Viele von Gewalt betroffene Frauen sagen, sie würden den Täter vor allem deshalb nicht anzeigen, weil der ihnen klar gemacht habe: Dann zerstörst du die Familie. Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht?
Ja, diesen Vorwurf kenne ich.
Wie ist diese Situation für Ihre Tochter?
Das ist kein Thema, über das ich in der Öffentlichkeit sprechen möchte.
Sie haben gesagt, Sie hätten Ihren Ex-Mann auch angezeigt, um Ihrer Tochter zu zeigen, dass man nicht schweigen soll.
So ist es auch. Sie soll lernen, dass man sich zur Wehr setzt, wenn einem so etwas angetan wird.
Ist das Wechselmodell, das Sie mit Ihrem Ex-Mann praktizieren, denn aktuell überhaupt möglich?
Ich stehe nach wie vor zu diesem Modell, weil ich es wichtig finde, dass beide Eltern für das Kind da sind.
Video: Warum Collien Fernandes weiter für Gerechtigkeit kämpft
Wo finden Sie gerade Unterstützung?
Meine Familie steht hinter mir, ich bekam berührende Nachrichten von Kolleginnen und Kollegen. Und dann gibt es die vielen Mitteilungen von Frauen, die mich erreichen, an manchen Tagen sind es um die 400.
Was schreiben die Ihnen?
Sie teilen ihre Gewalterfahrungen mit mir, ihre Verzweiflung, ihre Wut. Ich lese mir das alles durch, oft nachts, wenn ich nicht schlafen kann, schreibe mit ihnen, versuche, auch ihnen Mut zu machen. Ich glaube diese Solidarität ist wichtig, für alle von uns. Ich renne jetzt nicht mehr allein durch mein Wohnzimmer und denke mir, das kann doch alles gar nicht sein! Sondern wir sind nun gemeinsam wütend und fassungslos und rennen durch unsere Wohnzimmer, aber eben auch auf Demos, weil wir finden: Es reicht. Es brodelt gerade überall im Land. Und wir brauchen diese Wut. Denn ohne sie verändert sich nichts.
Was müsste sich denn verändern?
Es muss vor allem mehr Aufklärung geben. Ich diskutiere gerade viel mit Männern, die mir zum Beispiel schreiben: «Du hast doch vor so und so vielen Jahren eine Unterwäsche-Werbekampagne gemacht. Wo ist jetzt das Problem, wenn er vermeintliche Nacktfotos und Sexvideos von dir verschickt?» Ich denke dann immer: «Ihr habt einfach gar nichts verstanden. Hier geht es um Selbstbestimmung! My body – my choice!» Schon in der Schule müsste man Jungs klarmachen, solche Grenzen zu achten.

Was wäre noch wichtig?
Wir brauchen einen neuen Blick auf Opfer und Täter: Opfer dürfen auch wütend und selbstbewusst sein. Täter können auch sympathisch und nett wirken. Und unsere Strafen gegen digitale Gewalt müssen härter werden. Die zwei Jahre Freiheitstrafe, die der Gesetzesentwurf von Stefanie Hubig vorsieht, sind viel zu wenig. Manche Täter drangsalieren ihre Opfer zehn Jahre oder länger. Das sollte berücksichtigt werden.
Und Sie glauben, die Wut, von der Sie eben sprachen, kann hier etwas bewegen?
Das passiert ja schon, in kleinen Schritten. Es wird zum Beispiel darüber diskutiert, Sexualstrafrecht zum Pflichtstoff im Jura-Studium zu machen. Das könnte viel bewirken.
Sehen Sie sich als eine, die solche Veränderungen künftig aktiv vorantreibt?
Beim Filmpreis sagten mehrere Leute zu mir, weißt du eigentlich, was für Debatten du mit deiner Geschichte in der Filmbranche ausgelöst hast? Ehrlich gesagt: nein. Aber wenn jeder in seinem Bereich nachdenkt, wo es Stellschrauben geben könnte, um die Lage zu verbessern, haben wir als Gesellschaft dazugewonnen.
Was wäre da Ihre Rolle?
Vielleicht ist es derzeit meine Aufgabe, diesen Zug, der gerade zu fahren beginnt, immer wieder auf die richtige Schiene zu setzen. Zwischendurch hat sich ja leider der Diskurs etwas verschoben und es ging nur noch darum, ob das Bild eines nackten Schritts KI-generiert ist oder nicht. Wenn jemand ein solches Bild verschickt, mit der Behauptung, das sei der nackte Schritt einer bestimmten Frau, ist das doch völlig egal. Für den Schmerz der Frau macht das keinen Unterschied. Und wir sollten uns fragen, warum Männer so etwas tun.
Haben Sie eine Idee?
In den wenigen ehrlichen Gesprächen, die ich mit meinem Ex-Mann darüber hatte, sagte er, er habe das Mann/Frau-Verhältnis in unserer Beziehung wieder geraderücken wollen. Weil ich in Bereiche vorgedrungen sei, die eigentlich ihm gehörten, und aus einer Art Besitzdenken heraus. Ich glaube ja: Wir sind da kein Einzelfall. Wir leben in einer pseudo-gleichberechtigten Gesellschaft. Allen zu erzählen, dass man Feminist sei, hat bislang ausgereicht. Was man wirklich denkt, versteckt man lieber. Damit sollten wir die Männer nicht mehr durchkommen lassen.
Anm. d. Redaktion: Auf Anfrage ließ Christian Ulmen über seine Anwälte mitteilen, dass eine Stellungnahme zu diesen Äußerungen über ihn in der gesetzten Frist nicht möglich sei.
Im «Spiegel»-Bericht ist von körperlichen Auseinandersetzungen die Rede, die schon 2012 begannen. Warum sind Sie so lange in der Beziehung geblieben?
Ich habe mehrfach Schluss gemacht. Aber dann kam er immer an: Willst du uns nicht die Chance geben? Ich habe doch jetzt die neue Therapeutin. Ich habe doch dazugelernt… Wenn man so lange mit jemandem zusammen ist, wird es außerdem immer schwerer, sich den Alltag ohne ihn vorzustellen.
Anm. d. Redaktion: Christian Ulmen ließ über seine Anwälte mitteilen, dass eine Stellungnahme zu diesen Äußerungen über ihn in der gesetzten Frist nicht möglich sei.
Gibt es denn auch Momente in Ihrer Beziehung, die Sie in guter Erinnerung behalten werden?
Das ist ein Thema, mit dem ich gerade sehr kämpfe. Ich habe gehört, dass Gisèle Pelicot sich bewusst dafür entschieden hat, sich auch schöne Erinnerungen an ihre Beziehung zuzugestehen. Ich finde das wahnsinnig stark von ihr. Doch bei mir mischen sich die Erinnerungen gerade oft mit dem, was ich im Nachhinein erfahren habe. Man denkt an einen schönen Tag und später erfährt man, was er am Abend dieses schönen Tages getan hat. Ich kann den Tag danach einfach nicht mehr schön finden.
Werden Sie ihm eines Tages verzeihen können?
Nein. Nicht mehr. Es war bekannt, dass ich Morddrohungen erhalte. Trotzdem goss er weiter Öl ins Feuer. Seine Anwälte behaupteten beispielsweise, das Verfahren in Spanien sei ausgesetzt worden, weil ich eine erforderliche Erklärung vor einem spanischen Notar nicht abgegeben hätte. Dabei ist das nicht wahr. Das hat eine Gerichtssprecherin auf Pressenachfrage bestätigt. Daraufhin räumte die Kanzlei ein, dass man wohl einen Fehler gemacht habe, aber die Falschaussage ist nach wie vor im Umlauf. Der Hass auf mich wurde mehr, die Morddrohungen auch. Wenn ich heute ein Bild von ihm sehe, muss ich seine Augen zudecken.
Anm. d. Redaktion: Die Anwälte von Christian Ulmen räumen ein, dass die Information, das Verfahren sei in Spanien aus dem von Collien Fernandes hier beschriebenen Grund ausgesetzt worden, auf einer Fehlinformation der spanischen Anwälte von Ulmen beruhte. Das Statement wurde drei Tage später durch eine Pressemitteilung richtiggestellt.
Quelle: .



