Kerstin verlor ihren kleinen Bruder an Heroin: "Nichts in meinem Leben hat mir je so wehgetan, wie diese Machtlosigkeit"

«Ist das Uwe?» – Diese Frage stellte sich Kerstin Herrnkind jahrelang, wenn in den Nachrichten von einem Berliner Drogentoten die Rede war. 25 Jahre lang kämpfte die Journalistin um das Leben ihres kleinen Bruders – bis das Heroin endgültig sein Leben forderte. Ein Gespräch über Liebe, Ohnmacht und den Mut, offen über Sucht in der eigenen Familie zu sprechen.

Der Tod des Models Presley Gerber, Sohn von Cindy Crawford und Rande Gerber, der vergangene Woche mit 27 Jahren in einer Entzugsklinik an einer Überdosis starb, hat weltweit Anteilnahme ausgelöst. Für seine kleine Schwester Kaia Gerber bedeutet es den Verlust eines Bruders, dessen Leben über Jahre von Sucht und vergeblichen Anläufen zur Genesung geprägt war – ein Schicksal, das jenseits der Schlagzeilen unzählige Familien teilen. 

Auch in Deutschland verzeichnen die Drogentodesfälle einen traurigen Höchststand. Eine, die genau das durchlebt hat, ist die Journalistin Kerstin Herrnkind: Sie verlor ihren Bruder Uwe nach 25 Jahren Sucht. Im Gespräch erzählt sie, wie hilflos Angehörige diesem Kampf oft gegenüberstehen – und was sie aus dem Verlust gelernt hat.

BRIGITTE: Frau Herrnkind, über 2.100 Menschen sterben jährlich an Drogen, fast jeder Vierte ist unter 30 Jahren alt. Besonders Kokain scheint im Trend zu liegen. Wie blicken Sie auf diese Zahlen, wenn Sie an Ihren Bruder Uwe denken, der an einer Überdosis Heroin gestorben ist?

Kerstin Herrnkind: Mein Bruder war über 25 Jahre lang drogensüchtig und am Ende mehrfachabhängig. Nach seinem Tod mit Anfang 50 ergab das toxikologische Gutachten, dass es fast keine Droge gab, die er nicht im Blut hatte. Kokain lag ja schon immer im Trend. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln. Ich habe selbst nie Kokain genommen und werde es auch nie nehmen. Ich habe viele Kokser erlebt und kann nur sagen: Wenn die Leute wüssten, wie peinlich Koks sie aussehen lässt, würden sie vielleicht die Finger davon lassen. 

Was glauben Sie, warum greifen aktuell wieder so viele Jüngere zu harten Drogen? 

Wahrscheinlich ist es der Uraltreiz des Verbotenen, der schon bei Adam und Eva mit dem verbotenen Apfel anfing. Drogen gelten in bestimmten Kreisen leider immer noch als schick und aufregend. Dazu kommt eine enorme Selbstüberschätzung. Man redet sich ein: «Ich habe das im Griff, mir passiert schon nichts – auch nicht mit Heroin oder Kokain». Genau diese Illusion hatte mein Bruder damals auch.

Wie begann Uwes Drogenkarriere? Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie merkten, dass sein Leben völlig entgleist?

Ich habe jahrzehntelang geglaubt, dass das Kiffen seine Einstiegsdroge gewesen sei. Erst als ich nach seinem Tod mein Buch «Den Drachen jagen» als Trauertherapie schrieb und mich tief in seine Geschichte begab, wurde mir klar: Das stimmt gar nicht. Seine Drogenkarriere begann viel früher, als Teenager in den 80er-Jahren. Wir wuchsen in einem Dorf nahe Hamburg auf. Dort war «Schrauben und Saufen» bei Jugendlichen und Erwachsenen die völlig normale Freizeitbeschäftigung. Auf Schützenfesten galt Trinken als der Inbegriff von Coolsein und Erwachsenwerden. Ich war selbst mit 14 Jahren das erste Mal betrunken.

Mit Alkohol fing alles an? 

Ja, Alkohol war Uwes Einstiegsdroge. Alkohol wird gesellschaftlich komplett verharmlost und ist akzeptiert. Der Absturz meines Bruders begann genau mit diesem verharmlosten «Dorf-Saufen». Als mir dieser Zusammenhang bewusst wurde, habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken. Es war am Geburtstag meines Mannes, ich hatte das Manuskript für das Buch gerade fertig, es gab Champagner. Ich sah mein Glas an und führte ein stummes Zwiegespräch mit dem Alkohol: «Du kommst daher in schönen Flaschen, bist der Inbegriff des Sich-etwas-Gutes-tun. Dabei bist du eine Droge. Das war’s jetzt». Seit sechs Jahren trinke ich keinen Tropfen Alkohol mehr und vermisse absolut nichts. Diese Klarheit ist für mich der beste Rausch. Ich finde es jetzt auch interessant zu sehen, wie Menschen sich schon nach einem Glas Wein verändern, da sieht man, wie schnell Alkohol wirkt und wie mächtig er ist.

Trotzdem ist es nochmal ein krasser Schritt zwischen Alkohol und Heroin. Wie kam Uwe an härtere Drogen? 

Nach seiner Lehre hatte Uwe in Hamburg angefangen, Fahrzeugbau zu studieren. Später erfuhr ich, dass er zu dieser Zeit schon kiffte, offenbar täglich. Einer seiner Freunde, so habe ich später erfahren, brachte 1995 Heroin aus Thailand mit. Er schmuggelte das Zeug in einer Kapsel im Hintern. Uwe schnupfte es und war sofort abhängig. Ich arbeitete damals als Journalistin bei der taz in Bremen. Meine Mutter rief mich aufgelöst in der Redaktion an und sagte: «Uwe nimmt Drogen». Ich antwortete: «Mama, du spinnst.» Sie sagte: «Er nimmt Heroin.» Ich war schockiert, fuhr sofort zu ihm nach Hamburg, versuchte, mit ihm zu reden. Er ließ mich auflaufen. «Ich schnupf das Zeug doch nur. Ich bin doch nicht so blöd, es zu spritzen.» Ein halbes Jahr später hing er an der Nadel, seine Armbeugen waren bald vollkommen zerstochen. Binnen eines halben Jahres hatte Heroin sein Leben zerstört: Er brach das Studium ab, verlor seine Wohnung und Freundin, zog zu meiner Mutter, die ihn aufnahm, weil er nicht wusste, wohin. 

In Ihrem Buch beschreiben Sie generationsübergreifende Wunden – Kriegstraumata, Gewalt und emotionale Kälte in der Familie. Wem oder was geben Sie die Schuld an Uwes Affinität zu Drogen? 

Von «Schuld» möchte ich nicht sprechen. Unsere Eltern und Großeltern haben getan, was sie unter ihren Voraussetzungen konnten. Wenn überhaupt eine Verantwortung besteht, dann liegt sie bei unserer Gesellschaft und ihrem verlogenen Umgang mit Rauschmitteln. Alkohol ist schick, Kokain ist schick, und überall wird weggesehen. Ich bin froh, dass ich früh gelernt habe, Nein zu sagen. 

Wie das? 

Mit 14 habe ich mal mit einer Freundin Hanfkörner aus Vogelfutter geklaubt und sie, weil mich jemand gefragt hat, für vier Mark den Beutel verkauft. Ich wurde von der Kripo vorgeladen und kriegte den Schock meines Lebens. Ich mochte auch den Geruch von Cannabis nie. Später konnte ich mit zehn Leuten in einem Zimmer sitzen – wenn der Joint rumging, reichte ich ihn weiter. Wenn Eltern ihren Kindern irgendetwas fürs Leben mitgeben wollen, dann nicht den Druck wegen Schulnoten. Es ist egal, ob eure Kinder Abi machen oder nicht. Sie müssen selbstbewusst werden. Sie müssen lernen, sich dem Gruppenzwang zu widersetzen. Nein zu sagen, auch wenn es uncool scheint. Leute, die wirklich cool sind, kümmern sich nicht darum, was andere über sie denken und sagen. Sie wollen nicht um jeden Preis dazugehören. Und sie nehmen keine Drogen. Ich habe noch keinen coolen Drogenabhängigen getroffen. 

Was haben Sie empfunden, als Sie erfuhren, dass Ihr Bruder an der Nadel hing? 

Eine vernichtende Machtlosigkeit. Meine Mutter weinte drei Tage ununterbrochen und es legte sich ein dunkler Schatten über unser Leben. Über Jahre hinweg versuchte ich immer wieder, ihn zu retten oder ihm eine Perspektive zu geben. Ich kaufte ihm Fahrkarten für die Fahrt zur Suchtklinik, nahm ihn in meiner Wohnung auf. Ein Freund besorgte ihm einen Job. Und später, als er längst im Obdachlosenheim lebte, übernahm meine Mutter Tierarztrechnungen für seinen geliebten Husky Judy, damit der Hund nicht ins Tierheim musste. Meine Mutter kaufte ihn aus der JVA frei, als er wegen Schwarzfahrens im Gefängnis saß. Doch Uwe wurde immer wieder rückfällig. Wir haben alles versucht und sind gescheitert. Die Droge war stärker als unsere Liebe. 

Sie haben über 25 Jahre lang immer wieder versucht, Ihrem Bruder zu helfen. Wie fühlte sich diese Ohnmacht als Schwester an?

Furchtbar. Nichts in meinem Leben hat mir je so wehgetan, wie diese Machtlosigkeit. Ich war Anfang 30, Uwe Mitte 20 und gerade frisch auf Heroin. Einmal stand er in meiner Bremer Wohnung und forderte Geld. Ich weigerte mich, rief die Drogenberatung an und stellte auf laut. Der Berater sagte direkt: «Ihr Bruder hat keine Beziehung zu Ihnen. Er hat eine Beziehung zu seiner Droge. Schmeißen Sie Ihren Bruder sofort raus!» Uwe lief auf die Straße. Ich rannte ihm hinterher, sah ihn kurz darauf hinter einer Bretterwand im Viertel mit einem Dealer stehen und schrie: «Was macht Ihr hier?» Uwe und der Dealer lachten nur. Und mir rutschte so raus: «Das sage ich Mama», was natürlich lächerlich war, zeigt aber auch, wie hilflos ich war. Uwe sagte nur: «Ja, dann ruf mal die Mama.»

Wie oft haben Sie in all den Jahren gehofft, dass er es nach einem Entzug schafft?

Unzählige Male. Jedes Mal, wenn er aus einer Therapie kam und gut drauf war, schöpfte ich neue Hoffnung. Einmal nahm ich ihn bei mir auf. Doch dann wurde er rückfällig, und ich warf ihn wütend raus. Heute bereue ich das. Der wichtigste Rat, den mir ein Drogenberater je gab, lautete: «Sie müssen ihn in Liebe fallen lassen.»

Das stelle ich mir unfassbar hart vor. Zeitweise wussten Sie nicht einmal, wo Uwe steckte. Was bedeutete das für Ihren Alltag?

Es war ein ständiges Zittern. Jedes Mal, wenn in den Nachrichten gemeldet wurde, dass in Berlin ein Obdachloser angezündet oder ein namenloser Drogentoter gefunden wurde, zog sich mir der Magen zusammen: Ist das Uwe? Als er 2007 schließlich fest in ein Berliner Obdachlosenheim zog und eine engagierte Sozialarbeiterin einen guten Draht zu ihm aufbaute, empfanden meine Mutter und ich tiefste Erleichterung. Nicht, weil das ein schöner Ort war, sondern weil wir endlich wussten: Er hat ein Dach über dem Kopf, und er lebt. Und er hat eine tolle Sozialarbeiterin, die nun unseren Job macht, viel besser, als wir es je gekonnt hätten. 

Und doch starb Ihr Bruder vor einigen Jahren mit 52 an einer Überdosis. Gab es nach Uwes Tod ein Gefühl der Erleichterung, dass das jahrelange Leiden und die Sorgen vorbei waren?

Nein. Niemals. Das ist der größte Irrtum. Als es abends an meiner Tür klingelte und zwei Polizisten die Treppe hochkamen, um mir die Todesnachricht zu überbringen, schaltete mein Körper sofort auf Autopilot. Der absolut schlimmste Moment meines Lebens war der anschließende Anruf bei meiner Mutter, um ihr zu sagen, dass ihr Sohn tot ist. Dieser Schmerz bringt keine Erleichterung. Der Tod meines Bruders ist und bleibt eine offene Wunde, die nie ganz heilen wird.

Buchcover "Den Drachen jagen" zeigt verstorbenen Bruder als Kind
«Den Drachen jagen» von Kerstin Herrnkind: 20 €, Edition W.
© Edition W

Wie gingen Sie mit den Gefühlen von Scham und Stigmatisierung um?

Die Drogenberater gaben meiner Mutter und mir sofort den entscheidenden Tipp: «Macht kein Familiengeheimnis daraus! Erzählt es offen, wenn jemand fragt». Und das war unsere Rettung. Als Uwe später einmal verwahrlost bei mir in der Redaktion aufkreuzte, wussten meine Kollegen Bescheid. Diese radikale Offenheit hat uns eine enorme Last genommen, weil wir nicht auch noch das Gewicht einer Lüge mit uns herumschleppen mussten.

Warum haben Sie sich entschieden, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Das Buch war für mich reine Trauertherapie und Aufklärungsarbeit. Als ich Zweifel hatte, sagte meine Mutter zu mir: «Du musst das schreiben. Wenn alle schweigen, gibt es immer nur noch mehr Opfer». Das wurde zu meiner Mission. Uwes letzter Job ist Mahnmal. Die Einnahmen aus dem Buch habe ich übrigens – abzüglich Steuern – komplett an die Drogenhilfe gespendet.

Welchen Rat möchten Sie anderen Angehörigen von Suchtkranken mit auf den Weg geben?

Holt euch sofort professionelle Hilfe und lasst euch coachen. Versucht niemals, das alleine durchzustehen. Vergrabt euch nicht in Schuldgefühlen – ihr seid nicht schuld an der Sucht eures Angehörigen, und retten kann er sich nur selbst. Bleibt im Gespräch mit dem Betroffenen sachlich, vermeidet Vorwürfe, aber zieht klare Grenzen. Und vor allem: Sprecht offen darüber. Versteckt euch nicht hinter Familiengeheimnissen, denn das macht euch nur zusätzlich kaputt.

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