Kind aus Ü40-Schwangerschaft: "Hätten meine Eltern mich gefragt, hätte ich gesagt, macht es nicht"

Es wird immer selbstverständlicher, dass Menschen jenseits der 40 Kinder bekommen – wer es sich finanziell leisten kann, wird mitunter auch mit 50 nochmal Mutter. Doch wie lebt es sich eigentlich mit alten Eltern? Unsere Autorin kann das beantworten.

Meine ersten Rechenkünste nutzte ich, um meine Angst zu lindern, dass ich noch nicht alt genug bin, wenn meine Eltern sterben. «Wenn Papa 80 wird, bin ich 33 …», rechnete ich mir Abend für Abend vor. Es half leider nicht gegen meine Angst. Wie erwachsen, reif, selbstständig ist man schon mit 33? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Als ich anfing zu rechnen, waren meine Eltern um die 50. 

Später stellte sich heraus, dass ich sowieso falsch gerechnet hatte: Mein Vater wurde nie 80.

Meine Eltern hatten die Familienplanung abgeschlossen

Meine Mutter bekam mich mit 40 Jahren, das war in den späten 80ern. Eigentlich war sie zu diesem Zeitpunkt bereits durch mit Kindern, sie hatte schon drei: Zwei aus erster Ehe und eines mit meinem Vater, damals 47. «Ich hätte dich nicht abtreiben können», hat mir meine Mutter Jahrzehnte später einmal gesagt. Hätte ich ein Mitspracherecht gehabt, hätte ich es ihr nahegelegt. Es wäre die stärkere, verantwortungsvolle Entscheidung gewesen, denke ich heute. Ist es nicht kurzsichtig und egoistisch, ein Kind auszutragen, um sich selbst Reue und ein schlechtes Gewissen zu ersparen?

Laut Statistischem Bundesamt liegt das Durchschnittsalter, in dem Frauen ein Kind bekommen, aktuell bei knapp 32 Jahren. Gut jede vierte Frau in Baden-Württemberg ist bei der Geburt ihres Babys über 35. Wäre ich zwei, drei Generationen später zur Welt gekommen, wäre ich nichts Besonderes gewesen in Kreißsaal, Grundschule und Co. Doch als ich geboren wurde, waren Mütter bei ihrer Entbindung im Schnitt unter 28. Meine Eltern waren, nach damaligem Standard, alt. Das hatte Vorteile für mich als Kind. Aber es machte mir, seit ich nachdenken und rechnen konnte, Angst.

Meine Eltern, die Stille Generation

Im Gegensatz zu den Babyboomer-Eltern meiner Klassenkameradinnen gehörten meine Eltern zur sogenannten Stillen Generation oder den Traditionalisten, wie die Generation der Jahrgänge 1928 bis 1945 genannt wird – meine Mutter fällt als Anfang 1946 Geborene in den Grenzbereich. Meine Eltern gingen stets sparsam und wertschätzend mit Ressourcen um, hatten keinerlei Affinität zu Trends, waren genügsam und, ja, irgendwie still. 

Während meine Freundinnen an den Wochenenden in Freizeitparks, Schwimmbäder oder zu Oma und Opa fuhren, blieben wir in der Regel zu Hause, ganz für uns. Die Geburtstagsfeiern meiner Klassenkameradinnen waren oft durchgeplante Veranstaltungen mit Mottos, Ausflügen oder Programm – ich durfte ein paar Kinder einladen, mit ihnen laut sein und in unserem großen Keller spielen. Nachmittags gab es Erdbeerkuchen und abends Spaghetti Bolognese. Einmal ging es mit meinen besten Freundinnen in eine nahegelegene Therme.   

Trugen alle in meiner Klasse Adidas-Hosen mit Knopfleiste an der Seite, zeigten sich meine Eltern davon unbeeindruckt. Dass ich in der Weihnachtszeit nicht mit aufwendig ausgesuchten Geschenken aus einem selbstgebastelten Adventskalender in die Schule ging, sondern damit herausstach, dass ich jeden Tag ein Stück Schokolade hinter dem jeweiligen Türchen vorfand, bekamen sie nicht mit. 

Meine Eltern waren liebevoll, zuverlässig, fürsorglich und haben meiner Schwester und mir alles gegeben, was sie konnten und was wir brauchten. Sie waren im Vergleich zu den jüngeren Eltern meiner Altersgenoss:innen nur nicht besonders motiviert, uns darüber hinaus noch mehr zu bieten, zu unterhalten oder nach außen hin etwas darzustellen. 

Aus diesen und vielen weiteren Gründen bin ich zutiefst dankbar dafür, ältere, reife Menschen als Eltern gehabt zu haben, Vertreter der Stillen Generation: Sie haben mich Wertschätzung gelehrt und Genügsamkeit. Sie haben mich ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen, statt anderen Menschen hinterherzulaufen. Beziehungsweise: Ich bin dankbar, meine Eltern gehabt zu haben. Jede Geschichte ist anders, ich kann unmöglich für alle Kinder von alten Eltern sprechen. 

Erst hatte ich Angst, dann Sorgen

Auf der anderen Seite hat mich die Angst, dass meine Eltern krank werden und sterben, als Kind stark belastet und an vielen Abenden nicht einschlafen lassen. Ich habe mir als 6-, 9-, 12-, 15-Jährige nicht zugetraut, alleine groß zu werden, geschweige denn für meine Eltern da zu sein, wenn sie mich bräuchten. Als ich 18 war, kurz vor meinem Abitur, ging mein Vater mit 65 in den Ruhestand und wurde zeitgleich schwer krank. Er lebte dann noch zwölf Jahre. Mit 30 musste ich schließlich feststellen, dass ich nicht erwachsen, reif und selbstständig genug war, um meinen Vater zu verlieren. Auch nicht, nachdem ich die vergangenen Jahre beobachtet hatte, wie er seinem Tod kontinuierlich entgegenlebte. Nachdem ich wegen unterschiedlicher Vorfälle und Krankenhausaufenthalte mehrmals akut um sein Leben gebangt und mich auf das Schlimmste eingestellt hatte.  

Als eintrat, wovor ich mich bereits als Kind gefürchtet hatte, und womit ich in meinen Zwanzigern wieder und wieder konfrontiert wurde, war ich, mit gerade 30 Jahren, überrascht und unvorbereitet.

Seit mein Vater gestorben ist, sorge ich mich zunehmend um meine Mutter. Sie ist eine tapfere, kluge, unabhängige Frau, doch es fällt ihr schwer, alleine zurechtzukommen, ihre Finanzen im Blick zu haben, Entscheidungen zu treffen. Sie fühlt sich einsam ohne meinen Vater, hat mittlerweile nur noch wenige Freunde und kaum sozialen Anschluss außerhalb der engeren Familie. Zudem ist sie seit einigen Jahren gesundheitlich schwer beeinträchtigt und braucht im Alltag Hilfe, um die sie nur ungern bittet.  

Bald werde ich selbst 40 und ich kenne kein Leben, kein Ich, in dem die Sorge um meine Eltern und das Gefühl, mich (mehr) um sie kümmern zu müssen und zu wollen, nicht permanent Raum einnimmt. Sicher ist das nicht das schwerste Schicksal, das mich als Mensch hätte ereilen können. Es war auch nicht klar, dass mein Vater mit 65 krank wird und meine Mutter mit 70 eine Witwe, die meine Unterstützung und Zuwendung braucht – es hätte völlig anders laufen können und oft genug läuft es anders. 

Wenn aber Menschen mit über 40 Kinder bekommen, sollte es niemanden allzu sehr überraschen, dass diese Kinder oft noch jung sind, wenn sie sich zum ersten Mal mit Tod, Krankheit und Pflege auseinandersetzen müssen. Dass sie womöglich keine sorgenfreien 20er und 30er erleben werden, in denen sie nur an sich und ihre Zukunft denken können. So sehr ich es schätze, diese Welt kennenlernen zu dürfen und am Leben Anteil zu haben: Ich persönlich würde mich in einem fortgeschritteneren Alter dagegen entscheiden, ein Kind auszutragen. Insbesondere in Anbetracht der großen globalen Probleme, vor denen wir und viele andere Lebewesen aktuell stehen.

Wir brauchen weniger Menschen, nicht mehr

Ein Teil des Lebens auf unserer Erde ist in Bedrängnis und dafür gibt es maßgeblich einen Grund: Den Menschen. Ich möchte hier nicht für das «Voluntary Human Extinction Movement» von Les Knight werben, der anregt, dass wir keine Kinder mehr bekommen, um auszusterben. Ich möchte lediglich ansprechen, dass wir sehr viele sind und sehr alt werden. Daraus entstehen Probleme, für die wir noch keine Lösungen kennen. Für alle Lebewesen, Menschen wie Lachsforellen und Kastanien, könnte sich die Lage womöglich entspannen, wenn die menschliche Weltbevölkerung weniger wachsen würde, als sie es seit einigen Dekaden tut. 

Dafür müssen wir meines Erachtens keine Ein-Kind-Politiken oder Fortpflanzungsverbote einführen – bloß nicht. Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn wir uns eingestünden, dass wir aktuell nicht jedes weitere Kind brauchen. Dass Menschen sich selbst einen Wunsch erfüllen, wenn sie Kinder bekommen, und keine selbstlose Heldentat vollbringen. Es wäre ein Anfang, wenn wir verstünden, dass Entscheidungen gegen Kinder auch anderen Familien und künftigen Generationen zugute kommen und dass ein Leben nicht weniger wert oder vollständig ist, wenn es die Erfahrung, ein Kind zur Welt gebracht haben, nicht beinhaltet.

Jeder Mensch hat das Recht, das eigene Leben so zu gestalten, wie er es für richtig hält. Doch kein Mensch hat einen Anspruch darauf, immer alles zu bekommen, was er sich wünscht und was sich gut für ihn anfühlt. Ich würde mir dabei wünschen, dass alle, die ein Kind bekommen möchten, bedenken, was das bedeutet. Auch über die eigenen Erfahrungen hinaus. Wenn eine Person das tut und entscheidet, mit über 40 auch noch das vierte Kind zu bekommen, ist das sicherlich nicht falsch. Dann sieht diese Person die Welt nur einfach anders als ich.

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