Kinder loslassen: "Viel Spaß in deinem neuen Leben!" – "Wünsch ich dir auch!"

Wie übersteht man die ersten Tage und Wochen nach dem Auszug des einzigen Kindes? Unsere Autorin lässt uns in ihr Tagebuch blicken.

Wie es meine Art ist, trauere ich schon mal vor: In den Tagen vor dem Auszug meines Sohnes schießen mir an den unmöglichsten Stellen des Tages Tränen in die Augen. Weil unser Leben zu zweit ein für alle Mal vorbei ist. Der Junge zieht aus, nabelt sich endgültig ab, jetzt muss ich nachziehen. Ich koche nochmal für ihn, will ihm Sachen mitgeben, Schüsseln, Gläser, Besen, weil die Liebe plötzlich überfließt und irgendwohin muss.

Tag 1. Er ist erst ein paar Stunden weg und wir telefonieren. Er hört an meiner wackligen Stimme, dass ich traurig bin, und schreibt mir hinterher liebe Dinge auf WhatsApp: dass ich immer willkommen bin, und so weiter. 

Das Schwerste wird sein: Ich bekomme keine automatischen Updates mehr aus seinem Leben, weil wir uns nicht mehr täglich sehen. Wir müssen uns eine neue Beziehung erarbeiten. Oder besser: Ich. Er hat jetzt andere Prioritäten und das ist auch ganz richtig so: Er startet in sein eigenes Leben, ohne mich.

Tag 2. Sein Abschied hat eine Wunde in die Wohnung gerissen: In seinem Zimmer nur noch Überbleibsel, ein Hocker und eine Matratze. Gedanklich habe ich längst begonnen, ein Pflaster auf die Wunde zu kleben, damit sie besser heilt. Schon vor Wochen habe ich bunte Tapete für die eine Wand gekauft und ein paar Sachen auf dem Flohmarkt gekauft.

Tag 3. Manchmal sitze ich auf der zurückgelassenen Matratze und spüre die Leere des Raumes bewusst – und den Schmerz. Es ist eine dankbare Trauer. Sein Auszug ist ein richtiger und wichtiger Schritt in seinem Leben und kein Desaster, kein Abschied aus dramatischen Gründen, wie ein Kontaktabbruch oder Schlimmeres. Er ist auch nicht in die Südsee gezogen – mit dem Rad sind es nur fünf Minuten zu ihm. 

Tag 4. So ein Bruch im Leben wirbelt die Sedimente des Alltags auf, die Sinne sind wieder scharfgestellt, die Welt ist wie neu. Ich fange an, auszumisten und meine Möbel umzustellen: Der Schreibtisch steht jetzt anders, der Küchentisch auch, ein Stuhl kommt auf den Dachboden. Mehr Luft jetzt überall.

Tag 5. Sneake mich bei ihm rein, indem ich anbiete, ihm die letzte Wäsche vorbeizubringen, die ich mitgewaschen habe. Es ist schön, vor allem die lange Umarmung beim Abschied. Beschwingt radle ich weiter zum Baumarkt, um Wandfarbe für sein/mein Zimmer zu kaufen.

Tag 6. Er kommt, um letzte Sachen zu holen und zu saugen. «Viel Spaß in deinem neuen Leben!», sage ich beim Abschied. «Dir auch viel Spaß in deinem neuen Leben!», antwortet er. Werde ich haben.

Tag 7. Es ist schön, sich morgens frei in der Wohnung bewegen zu können, ohne Rücksicht nehmen zu müssen, weil da noch jemand schläft. Einerseits. Andererseits: Das Einzige, was ich jetzt höre, wenn ich zu Hause bin, sind Hausschuhe auf Holz. Ich fühle mich steinalt. Als Kind hatte er mich mal gefragt: «Mama, was ist los? Früher kam immer laute Musik aus deinem Zimmer.» Tja, vielleicht bin ich im Laufe meiner Mutterschaft erwachsen geworden. Oder bloß zu gestresst für laute Musik?

Tag 8. Die Löcher, die seine Rasierer, Schäume und Cremes im Bad gerissen haben, mit meinen Dingen auffüllen. Die Küchenschublade putzen, in der er – leidenschaftlicher Koch – seine mörderisch scharfen Gewürze und Soßen aufbewahrt hatte. Überflüssiges wegschmeißen. Tut gut. Aber dann kommt sie wieder über mich: die Stille. Keine Musik, keine Gitarre mehr. 

Tag 9. Der Flohmarktbummel macht wieder Spaß, weil Platz ist für neues Altes in der Wohnung. 

Tag 10-25. Ich mache Urlaub und kurioserweise freue ich mich fast auf das leere Zimmer zu Hause: Matratze, Hocker, Nachtischlampe, sonst nichts. «Dein Detox Room», wie mein Sohn treffend sagte. Und Freiraum, ein Ort der Möglichkeiten. 

Tag 25. Noch ist es hallig in dem Zimmer, als ich zurückkomme, die Leere noch nicht gefüllt, die Wunde aber auch nicht mehr frisch. Schorfig.

Tag 26-29. Ich streiche die Wände, hole Möbel vom Dachboden, öle den Boden, schleppe Pflanzen, hänge Bilder auf. Eigne mir den Raum an. Der Hall ist fast verstummt. Über die Wunde ist eine zarte Haut gewachsen.   

Tag 30. Das Leben fühlt sich fast wieder normal an. Gut, es kann vorkommen, dass ich auf dem Fahrrad den Weg nehme, der näher an seinem Haus vorbeiführt, in der Hoffnung, ihm «zufällig» zu begegnen. Wie die Verlassene, die die Nähe des Verflossenen sucht. Ich bin noch dabei, zu lernen, sehr viel weniger Raum in seinem Leben einzunehmen. Dafür habe ich mehr Raum in meinem.

Tag 40. Ganz allein den Kampf gegen die RIESENSPINNE gewonnen, die in meine Küche gekrochen kam! Ich hatte keine Wahl, war ja kein Sohn mehr da, der mich rettet. Also dann: Zähne zusammenbeißen, Glas drüber, Pappe drunter, raus! Der Horror! Aber ich würde sagen: erfolgreich abgenabelt. Nicht nur er, ich auch (bald). 

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