Die Mutter auf dem Strich, der Vater spiel- und tablettensüchtig: ARD-Hauptstadtkorrespondentin Iris Sayram ist unter schwierigsten Bedingungen aufgewachsen. Trotzdem hat sie viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Wie ist das möglich?
BRIGITTE: Sie sagen von sich selbst, dass Sie in einer Parallelwelt aufgewachsen sind: Ihre Mutter arbeitete als Klofrau und auf dem Strich, saß zwei Jahre im Gefängnis. Ihr Vater war tabletten- und spielsüchtig, Junkies gingen bei Ihnen ein und aus. Trotzdem beschreiben Sie Ihr Zuhause als einen Ort der Liebe und Geborgenheit. Wie passt das zusammen?
Iris Sayram: Mein Zuhause war mein Rückzugsort, meine Heimat. Ich habe mich dort wohlgefühlt, egal, wie dreckig es war, ob wir Strom oder was zu essen hatten. Ich kann mir das nur so erklären, dass ein Kind die Gegebenheiten annimmt, wie sie sind – man wird ja nicht mit dem Anspruch geboren, in einem Einfamilienhaus mit Garten zu wohnen. Häufig höre ich, ein Kind muss ein eigenes Zimmer, dies oder jenes haben. Das kränkt mich immer ein bisschen, weil das meine Erfahrung negiert, dass man sich auch ohne diese Dinge geliebt und geborgen fühlen kann.

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Wollten Sie mit Ihrer Autobiografie* sichtbar machen, was in der öffentlichen Debatte über Armut oft zu kurz kommt?
Es war mir wahnsinnig wichtig, zu zeigen, dass diese Menschen, über die nicht besonders gut geredet oder berichtet wird, nicht automatisch schlecht sind. Das sind nicht nur Assis, die in stinkiger Jogginghose vorm Fernseher sitzen. Es gibt blöde Abzweigungen im Leben und manchmal nimmt man die falsche. Und dann hängt man in einer Situation fest, die richtig beschissen ist. Aber auch solche Eltern können ganz normale Eltern sein. Ob du nun in einem schicken Vorort geboren bist oder in einer schrecklichen Umgebung – man hat ähnliche Sorgen, Ängste und Gefühle. Am Ende sind wir alle gleich.
Nach der Trennung Ihrer Eltern kam Ihre Mutter für zwei Jahre ins Gefängnis, da waren Sie zehn und hatten Suizidgedanken. Wie kamen Sie aus diesem Tief wieder raus?
Das war eine superdunkle Zeit. Ich hatte damals kaum Sozialkontakte und war im Prinzip allein mit meinem Vater, der gerade entzogen hat und eigentlich ins Krankenhaus gemusst hätte. Der Strom war auch wieder abgestellt. Ich weiß nicht, wie ich mich da rausgehangelt habe. Ich weiß nur, dass ich mich oft stundenlang in einem Buchladen aufhielt. In der ersten Etage gab es nur Comic-Hefte, und in dieser Comic-Welt habe ich mich verloren. Keiner hat sich darum gekümmert, dass ich da drei Stunden saß und las. Die haben mich einfach gelassen, das fand ich total nett. Erst als es dunkel wurde, bin ich nach Hause gegangen, um bei Kerzenschein ein Brot zu essen.
Selbst im Gefängnis oder im Krankenhaus strahlte Ihre Mutter Lebensfreude und Leichtigkeit aus. Ist das ihre besondere Gabe gewesen?
Ich weiß nicht, woher sie das genommen hat, aber das war bei ihr sehr besonders. Klar, ist sie auch ausgerastet. Bei ihrer HIV-Diagnose oder wenn die Dinge außer Kontrolle geraten sind, gab es Zusammenbrüche. Aber ich kann mich an keine Situation erinnern, wo sie mal gesagt hätte: «Ach du Scheiße, was machen wir denn jetzt?» Egal ob ich den schlimmsten Liebeskummer oder massiven Stress mit dem Sozialamt hatte – es gab keinen Moment, wo diese Frau nicht mit einem absoluten Optimismus sagte: «Ach komm, dat kriegen wir schon irgendwie hin, Mädchen, mach dir keine Sorgen.»
«Mein Aufstieg gründete auf ihrem Abstieg», schrieben Sie über Ihre Mutter. Wie meinen Sie das?
Sie hat sich total für mich aufgerieben. Ich weiß nicht, ob sie sich körperlich so geschunden hätte, wenn sie mich nicht hätte durchbringen müssen. Und ich war kein bescheidenes Kind, habe ihr oft in den Ohren gelegen: Ich habe diese Jacke gesehen oder jenes Stofftier und dieses Spielzeug. Sie hat immer versucht, alles möglich zu machen, und hat mich unterstützt, wo sie nur konnte.
Sie hatten keine Gymnasialempfehlung, sind heute trotzdem promovierte Juristin und erfolgreiche TV-Journalistin. Wann haben Sie beschlossen: Ich will und kann es hier rausschaffen?
Der Moment, an dem ich wusste, ich will für mich eine andere Zukunft, war früh da. Spätestens mit der Haftzeit meiner Mutter. Und auch dieses Elend zu sehen, was Drogen mit einem machen. Ich kannte die Menschen, die bei uns Pillen kauften, über Jahre, sie wurden immer dünner und kränker. Es war schrecklich, mitzuerleben, wie jemand, der heroinsüchtig ist, in sich zusammenfällt. Viele hatten sich mit HIV infiziert. Das hat mir Angst gemacht und ich wollte versuchen, es anders zu machen.
In Ihrem Buch wird deutlich, dass Ihre Eltern an Sie geglaubt haben.
Vor allem mein Vater hat mir von klein auf das Gefühl gegeben, dass ich alles werden kann, wenn ich mich in der Schule anstrenge. Das Abitur sei der Schlüssel zu allem! Dass man mir nichts zutraute, kam eher aus dem entfernteren Bekanntenkreis, dem schulischen Umfeld oder später vom Arbeitsamt. Das war zunächst niederschmetternd und ja, ich habe an mir selbst gezweifelt: Bin ich wirklich dümmer als andere? Das war eine total schmerzhafte Erfahrung und ich weiß nicht, ob ich das je richtig verkraftet habe. Ich stelle mich auch heute immer wieder infrage.
Sie gingen zur Uni, später auf die Journalistenschule. Wie war es für Sie, sich in einer komplett anderen Welt als Ihre Eltern zu bewegen?
Ich kam mir vor wie ein Schizo, wie jemand, der zwei Identitäten hat. Zu Hause habe ich ganz anders geredet als mit meinen Studienkollegen. In mir steckt immer noch ein kleiner Assi und ich rede von Haus aus wie ein Assi, benutze Schimpfwörter ohne Ende. Aber ich hatte einen inneren Schalter, den ich umlegen konnte, um anders zu sprechen. Dann fühlte ich mich wie eine Betrügerin, die sich in bestimmte Kreise einschleicht. Ich habe mich wie einen Kieselstein geschliffen, bis ich so glatt war, dass ich das Gefühl hatte, auch mein Herz zu verlieren. Ich wurde zur Unpersönlichkeit, zu einer synthetischen Kunstfigur. Und damit war ich natürlich auch nicht so wahnsinnig glücklich.
Empfinden Sie das heute immer noch so?
Nein. Als ich mit 26 das erste Staatsexamen in der Tasche hatte, habe ich in New York ein Praktikum gemacht. Dort hatte ich plötzlich das Gefühl: Mann, du bist nicht schlechter als die anderen, du musst dich nicht verstellen! Du bist Juristin und machst ein Praktikum in New York, du schreibst an deiner Doktorarbeit und hast super Freunde. Was ist dein Problem? Wieso denkst du, dass die dich nicht mögen, wenn du zeigst, wer du bist?
Was passierte dann?
Es war mein Erweckungsmoment. Plötzlich wusste ich: Ich bin mit meinen Gefühlen und Wünschen genauso ein berechtigter Teil dieser Gesellschaft wie jeder andere auch. Ich habe meine Perlenohrringe ausgezogen und aufgehört, etwas darzustellen, was ich nicht bin. Und ich habe einen gewissen Mut entwickelt, Dinge auszusprechen, die ich so empfinde, weil ich diesen Background habe. Und dass das gleichwertig neben den Empfindungen der anderen stehen darf. Das war sehr befreiend für mich.
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