Kann zu viel Stress Krebs verursachen? Obwohl keine Studien diesen Zusammenhang belegen, glauben viele Menschen daran. Wir haben eine Expertin gefragt, was an dem Gerücht dran ist.
BRIGITTE: Frau Dr. Heikenwälder, die Vorstellung, Stress könne Krebs verursachen, ist ein Irrtum, oder?
Dr. Hanna Heikenwälder: Es gibt Zusammenhänge, aber vieles wird einfach auch überinterpretiert. Wir müssen unterscheiden zwischen direkten und indirekten Stressfolgen. Die indirekten sind aber mindestens genauso schlimm.
Was meinen Sie damit?
Wer gestresst ist, lebt oft ungesünder: Schläft weniger, hat keine Zeit zu kochen, trinkt abends gerne mal ein Gläschen, raucht eine Zigarette zur Entspannung, macht vielleicht weniger Sport. Aber einer der bei Krebs wahrscheinlich fatalsten Faktoren ist: Wer gestresst ist, geht später zum Arzt oder sogar gar nicht.
Sie meinen, wenn man den Kopf übervoll hat, macht man nicht auch noch einen Hautkrebsscreening-Termin.
Genau. Aber das ist bei Krebs tödlich. Nicht zur Früherkennung zu gehen, ist vielleicht die gefährlichste Folge von Stress. Denn Krebs geht ja aus normalen Körperzellen hervor und deshalb gibt es bei Krebs immer ein Stadium, in dem er gut behandelbar und meistens sogar heilbar ist.
Außerdem ist Stress nicht gleich Stress, oder?
Ja, richtig. Kurzzeitiger Stress, das weiß man, ist eher gut. Der aktiviert das Immunsystem. Impfungen zum Beispiel wirken besser, wenn kurzzeitiger Stress stattfand. Dann sind die Antikörpertiter höher, das kann man messen. Evolutionär soll uns das wohl auf Angriffe oder Verletzungen vorbereiten in brenzligen Situationen.
Dagen der chronische Stress …
Der ist gefährlich. Aber wir vergessen oft, dass die Menschen sich in so vielen Dingen unterscheiden. Krebs ist eine jahrzehntelange Krankheit und hochkomplex. Außerdem kommt es auch darauf an, wie wir Stress wahrnehmen. Das Stressigste, was es laut Psychologie gibt, ist zum Beispiel die Pflege von behinderten Kindern oder Angehörigen, weil das wirklich auszehrt. Der gestresste aber erfolgreiche Manager ist nicht der unglückliche Burnout-Patient.
Was weiß man denn gesichert über die Auswirkungen von Stress?
In Mausstudien hat man das sehr intensiv erforscht und weiß daher, dass langanhaltender Stress das Immunsystem schwächt. So ethisch schwierig das oft ist, aber diese Mäuse sind genetisch gleich, weil dafür sogenannte inbred strains, also Inzuchtstämme, verwendet werden. Mäuse sind ja sehr hierarchische Tiere. Stress erforscht man dann, indem man zum Beispiel immer eine Maus herausnimmt und in einen anderen Käfig setzt, sodass sie sich jeden Tag ihre Hierarchie neu erkämpfen müssen. Das ist sozialer Stress und diese Mäuse haben dann ein geschwächtes Immunsystem. Und unser Immunsystem brauchen wir im Kampf gegen Krebs auf jeden Fall.
Das Problematische an der Annahme, Stress führe zu Krebs, ist ja vor allem, dass dadurch Betroffenen eine Mitschuld gegeben wird, wenn sie an Krebs erkranken. Hätten Sie sich mal mehr auf sich geachtet …
Und das ist natürlich nicht der Fall! Stress wirkt auf der Ebene des Immunsystems. Aber Krebs entsteht nicht ohne Mutationen. Es braucht mehrere Mutationen, im Durchschnitt etwa fünf, bis sechs, bis alle Sicherheitssysteme des Körpers ausgeschaltet sind. Und diese Mutationen passieren tatsächlich hauptsächlich spontan, darauf haben wir fast keinen Einfluss. Es sei denn, man ist langjähriger Raucher oder ging 50 Jahre lang jeden Tag ins Solarium. Aber Haut- und Lungenkrebs sind die wenigen Krebsarten, wo wir die Quellen überhaupt kennen. Aber weil diese Mutationen jeden Tag ganz normal anfallen, bekommen auch Menschen Krebs, die sich viel bewegen und sich sehr gesund ernähren, übrigens auch wildlebende Tiere und sogar Pflanzen. Zwar werden die Mutationen repariert, aber je älter wir werden, desto mehr solcher Fehler sammeln wir an. Deshalb steigt die Krebsinzidenz im Alter stark an.
Ein wenig Einfluss haben wir aber schon.
Sicher, es gibt Maßnahmen, diese Mutationen zur verhindern: Nicht rauchen, nicht trinken, nicht ungeschützt in die Sonne. Aber all die anderen Tipps, wie etwa mehr Bewegung, auf das Gewicht und auf ausreichend Schlaf achten, das Thema Stressresilienz und zur Vorsorge gehen: Das sind die Basics und können die Zahl der Krebsfälle etwa halbieren. Aber nicht, weil sie den Krebs verhindern, sondern weil sie den Krebs stark verlangsamen. Ein gesunder Lebensstil kann nicht verhindern, dass diese Mutationen passieren. Wir können aber etwas dafür tun, unser Immunsystem nicht zusätzlich zu schwächen. Und ja, etwa die Hälfte der Krebsfälle ist verhinderbar. Aber das heißt auch: Die andere Hälfte ist es eben nicht. Das wird oft vergessen.
Dann gehört immer beides dazu: Mutationen und der Aspekt der Lebensweise.
Richtig. Die Annahme ist falsch, dass es vermeidbare und nicht vermeidbare Krebsarten gibt. Jede Krebserkrankung hat immer beides. Aber wenn wir uns an alle Ratschläge halten würden, könnten wir Krebs so sehr verlangsamen, dass nur noch die Hälfte im Laufe des Lebens als bösartiger Krebs in Erscheinung tritt.
Was hat es mit der weit verbreiteten Meinung auf sich, Ärger in sich hineinzufressen, würde zu Krebs führen?
Das finde ich aus zwei Gründen total doof. Und es ärgert mich, wenn mir Krebspatienten erzählen, dass sie so etwas zu hören bekamen. Der erste Grund ist: Was soll das nutzen? Zum Ersten setzt es die Person ja noch mehr unter Stress und vermittelt ihr Schuldgefühle. Das führt zu gar nichts. Und zweitens ist es falsch! Denn, wie gesagt, es ist gesund, ab und zu Stress zu haben – ein Boost.
Andererseits können wir manche Stressfaktoren, die auch länger andauern können, nicht immer beeinflussen.
Wer gestresst ist, muss einfach wissen, welche Risiken damit einhergehen. Dass also die Lebensweise ungesünder ist und man deshalb die Vorsorge nicht schleifen lassen darf. Aber klar, wir können nicht verhindern, dass der Partner stirbt, dass er uns verlässt oder dass wir den Job verlieren. Aber wir können zumindest steuern, wie wir damit umgehen, und wir können wissen, dass wir uns davon nicht krank machen lassen müssen.
Wie schaffen wir das?
Die Psychologie unterscheidet zwei Arten, auf solche schlimmen Ereignisse zu reagieren: die Threat Response und die Challenge Response.
Also sie als Bedrohung oder als Herausforderung zu sehen.
Darauf kann man natürlich sagen: Wie soll ich denn so etwas wie den Tod meines Kindes in etwas Gutes verwandeln? Das ist doch einfach nur schrecklich. Doch dann berichten viele, dass sie dieses Schicksal nutzen und sich zum Beispiel der Aufklärung widmen. Also irgendwie versuchen, aus einer schlimmen Situation irgendwas zu machen, was die Welt besser macht oder anderen zukünftiges Leid erspart. Man weiß, dass es Menschen besser geht und sie sich weniger gestresst fühlen, die versuchen, einen Sinn daraus zu schöpfen, die aktiv sind und bemerken, etwas bewegen zu können.
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